Prämierte Lunchbox
Im Kleinen Großes erreichen: Beim Sopo, einem koreanischen Restaurant in Manhattan, hat das Büro Model Practice im historischen Garment District die Tradition des „Dosirak“ neu interpretiert. Das Restaurantambiente des auch „Lifted Lid“ genannten Lokals wurde mittlerweile preisgekrönt.
Lunchbox, Brotdose, Frischhaltebehälter, … das war alles einmal und gilt heute als altbacken. Spätestens seitdem Sushi und Saschimi in Österreich zum Siegeszug angetreten sind, ist die Bento Box ein Begriff. Und das von Tschagguns bis Litschau. Und sie wird ziemlich sicher auch für den Gabelbissen oder das Schulpausenbrot hergenommen. Wer es doch nicht kennt: Eine Bento Box ist die japanische Version einer Vesperbox – mit unterteilten Kammern, sodass man verschiedene Zutaten oder Gerichte getrennt aufbewahren oder auch separat verspeisen kann.
Und wie heißt die koreanische Version von Bento, was wörtlich nichts anderes als „Essen zum Mitnehmen“? Die lautet „Dosirak“. Und darin befinden sich die typisch koreanischen Speisen wie Reis, Kimchi (fermentiertes Gemüse), Chijimi (Pfannkuchen) und Bulgogi (mariniertes Fleisch). Sie sind mindestens genauso schmackhaft wie die zuvor genannten japanischen Speisen. Und sind mittlerweile auch wohl genauso bekannt – von Wien bis Manhattan.
Sopo: Häferlgucker in Manhattan
Manhattan ist hier das Stichwort. Dort trifft die koreanische Esskultur im Sopo auf New Yorker Architekturgeschichte. Im wichtigsten Stadtteil von New York liegt der „Garment District“ – ein Viertel, das wie kaum ein anderes für urbanen Pulsschlag steht: dicht bebaute Straßenschluchten, ein ständiges Kommen und Gehen, das Dröhnen der 7th Avenue.
Genau hier, im Erdgeschoss des 1924 erbauten „Arsenal Building“, hat das Architekturbüro Model Practice einen kleinen Raum von gerade einmal 83 Quadratmetern in eine architektonische Bühne für koreanische Kulinarik verwandelt – und damit den Architizer 2025 A+Award in der Kategorie „Kleine Restaurants“ gewonnen.
Das Projekt trug von Anfang an, neben dem offiziellen Namen Sopo, was „verpackt“ bedeutet, den klingenden Namen „Lifted Lid“. Angelehnt an das Bild eines angehobenen Deckels, der Einblick in das Innenleben einer Dosirak, einer koreanischen Lunchbox gewährt. Diese Lunchbox ist demnach kein Zufall, sondern das zentrale gestalterische Leitmotiv.
Von der Lunchbox zur Raumskulptur
Die Dosirak wird im Sopo nicht nur auf den Tellern serviert. Nein, sie hängt gleichsam über den Köpfen der Restaurantbesucher. Model Practice hat das Prinzip der Unterteilung in eine skulpturale, frei schwebende Box übersetzt. Diese gliedert den Raum und versieht jede Zone mit einer eigenen Funktion.
„Wir wollten ein Design schaffen, das die koreanischen kulinarischen Traditionen würdigt und gleichzeitig auf die urbane Intensität der 7th Avenue reagiert“, erklärt das Team von Model Practice. Diese doppelte Lesart – als kulturelle Referenz und als funktionale Raumstruktur – macht die Box zum Herzstück des Projekts.
Die Außenhülle ist so gestaltet, dass sie die städtische Umgebung widerspiegelt, während das Innere mit einem Akustikputz ausgekleidet ist. Dieser dämpft nicht nur den Verkehrslärm, sondern verleiht den Oberflächen eine weichere, haptisch ansprechende Textur. Unterhalb dieser „hängenden Decke“ finden sich die Funktionsbereiche des Restaurants: von der Bestellzone über die Ausgabe bis hin zu Sitzplätzen, die ein Gefühl von Intimität vermitteln.
Wohlüberlegte zeitgenössische Interventionen
Das „Arsenal Building“, entworfen von Ely Jacques Kahn, steht mit seiner klaren Art-Déco-Prägung für eine Zeit, in der der Garment District das industrielle Herz New Yorks war. Der US-amerikanische Architekt mit österreichischen Wurzeln entwarf im 20. Jahrhundert zahlreiche Wolkenkratzer und gilt daher als einer der Väter der New Yorker Skyline. Beispiele sind das „Squibb Building“ und das 42-stöckige „Continental Building“ oder die visionäre Asphaltanlage „Asphalt Plant“.
Heute ist das ehemalige Zentrum für Modedesign und -herstellung ein Ort, an dem kreative Nutzungen in historischen Gebäuden neue urbane Erzählungen schreiben. Und Model Practice hat sich dieser Geschichte bewusst gestellt. Mit einem Ansatz fern jeglicher radikaler Überformung. Auch wenn natürlich Zweck und Neunutzung zeitgenössische Interventionen an der Bausubstanz nötig machten. Die historische Architektur allerdings blieb als Rahmen präsent, während das neue Interieur einen eigenständigen, klar konturierten Charakter entwickelte.
Dieser Dialog zwischen Alt und Neu ist typisch für Model Practice, betont das Büro mit Standorten in New York und Los Angeles. Man mache es sich zur Aufgabe, Konventionen in Frage zu stellen und Innovation im Alltag zu finden. Die Arbeit mit Bestandsgebäuden ist dabei kein Hindernis, sondern im Gegenteil „ein fruchtbarer Ausgangspunkt“.
Akustisches Bollwerk gegen Großstadtlärm
Eines der größten Probleme kleiner Gastronomiebetriebe an stark befahrenen Straßen ist naturgemäß der Lärmpegel. Model Practice begegnet diesem Thema nicht nur mit dem akustischen Putz innerhalb der hängenden Box, sondern auch mit einer Decke aus unterteilten Fächern und Leitblechen. Letztere verbergen die Versorgungsleitungen und bieten zugleich weitere Möglichkeiten für Schallabsorption.
In der Gastronomieplanung wird Lärmschutz oft erst spät berücksichtigt, manchmal zu spät. Im Sopo hingegen war der integrative Umgang mit der Akustik von Beginn an Teil des Entwurfs. Diese technische Raffinesse wird nicht plakativ inszeniert, sondern verschmilzt mit der minimalistischen Formensprache. Das Ergebnis ist eine Oase der Ruhe – ein wichtiger Teil des Markenerlebnisses von Sopo, das für „kleine Lunchpakete, die einen Moment der Ruhe und Freude bereiten“, steht.
Gourmet trifft „Fast Casual“
Sopo ist das erste Restaurant eines neuen koreanischen Fast-Casual-Konzepts, das von Chefkoch Dennis Hong entwickelt wurde. Hong bringt Erfahrung unter anderem aus der Küche des mit drei Michelin-Sternen ausgezeichneten Le Bernardin mit, ein auf Fisch und Meeresfrüchte spezialisierten Gourmettempels. Diese Küche überträgt Hong erfreulicherweise auf ein erschwingliches, unter 20 Dollar liegendes Menü.
Dieses kulinarische Konzept ist damit freilich ambitioniert: Koreanische Küche in Michelin-Qualität in einem Format, das den schnellen Lebensrhythmus Manhattans berücksichtigt. Genau hier liegt die Schnittmenge mit der Architektur: Wie das Essen verbindet auch das Interieur höchste Sorgfalt in der Ausführung mit einer unkomplizierten, klaren Struktur. Die Unterteilungen schaffen auch Zonen der Privatsphäre.
Kulinarisch inspirierte Architektur als Trend
Lifted Lid steht exemplarisch für eine wachsende Strömung in der Innenarchitektur von Restaurants: kulinarisch inspirierte Gestaltungskonzepte. Die Übersetzung eines Gerichts, einer Esskultur oder eines Zubereitungsprozesses in räumliche Elemente verleiht damit den Orten des Geschehens eine narrative Tiefe.
Im Fall von Sopo wird diese Strategie noch verstärkt, weil die Dosirak nicht nur visuell zitiert, sondern als funktionales Ordnungssystem in den Betrieb integriert wird. Das Design ist also weder reine Dekoration noch symbolische Geste – es ist gelebte Raumorganisation, wie die Fächer der beliebten Lunchboxen.
Das Sopo erfüllt so die Ansprüche der Gäste gleich auf mehreren Ebenen: Sie erwarten nicht nur schnelles, gutes Essen, sondern auch ein Ambiente, das ihnen einen Moment des Rückzugs aus dem städtischen Trubel ermöglicht.
Suchende der Vielfalt: Model Practice
Model Practice arbeitet an der Schnittstelle von kultureller Sensibilität, urbanem Kontext und innovativer Problemlösung. Das Büro sucht bewusst die Vielfalt – von Einfamilienhäusern bis zu preisgekrönten Gewerbeflächen – und sieht in der gegenseitigen Befruchtung verschiedener Gebäudetypologien eine Quelle kreativer Stärke.
Mit Lifted Lid hat Model Practice mehr geschaffen, als nur ein kleines Restaurant im Garment District. Es ist ein präzise komponiertes Raumgefüge, das den Reichtum koreanischer Esskultur in architektonische Form übersetzt, historische Gebäudesubstanz respektvoll integriert und akustischen Komfort als Teil des Designerlebnisses begreift.
Text: Linda Benkö
Fotos: Naho Kubota








