In letzter Zeit werden immer mehr einstige Klerikalbauten einer Umnutzung zugeführt. Für Architekten sind derartige Projekte zweifellos besonders interessant. Ein sehr gelungenes Beispiel ist das Prior Ecclesia Office: Studio Didea hat die kleine Kirche aus dem 16. Jahrhundert respektvoll ein inspirierendes Büro transformiert.

Es ist ein klarer Trend, der in letzter Zeit interessante Blüten treibt: Die adaptiven Projektrealisierungen früherer kirchlicher Bauten. Egal ob in Deutschland, Österreich oder Italien: Etliche namhafte Immobilienmaklerbüros, etwa die deutsche Realportico UG, haben sich auf die Vermittlung von ehemals religiös genutzten Gebäuden und Liegenschaften wie Kirchengrundstücken, Pfarrhäusern oder tatsächlich Kirchen spezialisiert.

Es mag zwar dem einen oder anderen ein wenig fragwürdig erscheinen, wenn die antike in Felsen gehauene Krypta als idealer künftiger Weinkeller gepriesen wird, oder der einstige Kräutergarten plötzlich zum Infinity-Pool mutiert – eine zeitlose Anmutung hat die neue Nutzung aber auf jeden Fall.

Prior Ecclesia Office
Gelungenes Beispiel einer Umnutzung eines Klerikalbaus: Prior Ecclesia Office.

Das Büroprojekt „Prior Ecclesia“ von Studio Didea jedenfalls wurde im Herzen der sizilianischen Kleinstadt Alcamo, zwischen Weinbergen und barocker Provinzialität, realisiert. Und hier hat sich wahrlich ein stilles architektonisches Wunder vollzogen.

Prior Ecclesia Office
Das Office in der ehemaligen Prior Ecclesia Kirche: Gelungenes und stimmiges Ambiente.

Prior Ecclesia Office
Das schlichte und klare Interior Design fördert den Fokus, die Konzentration und Inspiration.

Prior Ecclesia: Lichtdurchflutetes Office

Die Kirche in Alcamo aus dem 16. Jahrhundert war zwar schon lang zuvor entweiht, entkernt und durch willkürliche Eingriffe seiner spirituellen Substanz beraubt. Nimmt man aber Geschichte ernst, wie es das in Palermo ansässige Architekturbüro Studio Didea tut, ohne dabei in museale Nostalgie zu verfallen, kann daraus eine respektvolle und gelungene Neunutzung entstehen. Das Ergebnis des Projekts „Prior Ecclesia Office“: Ein lichtdurchflutetes Büro, bei dem sogar mehr subtrahiert als addiert wurde. Ein Ansatz, der Architektur als einen Akt der Lichtgestaltung begreift.

Didea ist bekannt für seinen mediterranen Minimalismus, eine Architektursprache, die auf das Wesentliche setzt: Licht, Raum, Material und Rhythmus. Statt verlorene Schichten zu rekonstruieren, entschied sich das Team um Nicola Andò, die „Leere“ sprechen zu lassen. Das bedeutet konkret: Der bestehende Stahlbetonrahmen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde nicht kaschiert, sondern architektonisch neu gerahmt.

Das „wertvollste Baumaterial“

Eine der Decken wurde entfernt, um einen zentralen, doppelgeschossigen Raum entstehen zu lassen, der über ein großes Oberlicht belichtet wird. Da die ursprüngliche Kirchenstruktur im Erdgeschoss keine Fenster besitzt, ist dieses „Zenitlicht“ die einzige Lichtquelle für die 232 Quadratmeter Fläche – und damit gleichzeitig das wichtigste gestalterische Element.

Prior Ecclesia Office
Licht als „Baumaterial“ begriffen: Eine der Decken wurde entfernt.

Prior Ecclesia Office
So entstand ein doppelgeschossiger Raum. Das große Oberlicht macht das ganze Büro hell und freundlich.

„Licht ist das wertvollste Baumaterial in all unseren Projekten“, sagt Nicola Andò. „In Prior Ecclesia wollten wir Licht nicht nur einführen, sondern zelebrieren – als raumbildendes, atmosphärisches und symbolisches Element.“

Sakralität ohne Religion

Obwohl das Gebäude heute als Büro genutzt wird, bleibt die sakrale Aura des Raumes spürbar. Klare Geometrien, vertikale Ausrichtung, reduziertes Materialvokabular und eine fast klösterliche Atmosphäre verleihen dem Ort eine kontemplative Qualität. Dies kann durchaus der Kreativität, der Konzentration und somit des betriebswirtschaftlichen Outputs förderlich sein. Statt modularer Büroflächen oder ergonomischer Open-Space-Konzepte erleben die Mitarbeitenden dort eine räumliche Ruhe, die zum Denken, Konzipieren und Redigieren einlädt.

Licht ist das wertvollste Baumaterial in all unseren Projekten. In Prior Ecclesia wollten wir Licht nicht nur einführen, sondern zelebrieren – als raumbildendes, atmosphärisches und symbolisches Element.

Nicola Andò, Architekt Studio Didea

Die Räume sind flexibel zoniert: Transparente Glastrennwände lassen das Licht fließen. Sie erzeugen subtile Übergänge zwischen Besprechungsbereichen, Rückzugsorten, Arbeitsplätzen und einem offenen Loungebereich rund um das zentrale Oberlicht. Die funktionale Struktur wird durch maßgefertigte Einbaumöbel von P.A.M. Srl ergänzt. Diese sind aus Eichenholz gefertigt und bieten sowohl Stauraum als auch architektonische Gliederung.

Architektur als Dialog – nicht als Rückgriff

Studio Didea hat sich nicht nur gestalterisch, sondern auch konzeptuell gegen eine klassische Rekonstruktion entschieden. Das Ziel war nicht die Rückkehr zu einem verlorenen Idealzustand, sondern ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Der Bestand wird weder verherrlicht noch verleugnet, sondern als Grundlage einer neuen räumlichen Identität genutzt. So entsteht ein hybrider Ort, in dem der historische Kontext auf eine zeitgenössische Sprache trifft.

Prior Ecclesia Office
Studio Dideas Ziel war nicht die Rückkehr zu einem verlorenen Idealzustand, sondern ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Die Materialwahl spiegelt diesen Ansatz wider: Die historischen Tuffsteinmauern bleiben sichtbar und erzählen von der Vergangenheit. Ihnen gegenüber stehen ein durchgehender grauer Harzboden, glatte weiße Oberflächen und zurückhaltende, funktionale Möbel in Beige-, Grau- und Schwarztönen. Statt dekorativer Elemente setzt man auf atmosphärische Tiefe und Textur. Auch der bestehende Stahlbetonrahmen wird nicht verkleidet, sondern in seiner Rohheit belassen – als strukturelles Rückgrat und architektonisches Zeugnis.

Strategie der Offenheit, wie leere Buchseiten

Die Umnutzung als Büro war nicht nur ein funktionales Update, sondern auch eine „programmatische Entscheidung“, wie es seitens Didea heißt. Der Bauherr – ein privater Auftraggeber – wünschte sich ein modernes, lichtdurchflutetes Arbeitsumfeld, das in einem historischen Kontext funktioniert. Studio Didea reagierte darauf mit einer Strategie der Offenheit: Keine fixierten Grundrisse, keine rigide Möblierung, sondern ein flexibles, poetisches Raumkontinuum. Die Räume erinnern an die leeren Seiten eines edlen Notizbuchs – bereit, mit Leben und Inhalt gefüllt zu werden.

Prior Ecclesia Office
Strategie der Offenheit: Keine fixierten Grundrisse, keine rigide Möblierung.

Dabei wurde auch auf Nachhaltigkeit geachtet. Der bestehende Rohbau wurde weitgehend erhalten, der Abriss auf ein Minimum reduziert. Holzfaserplatten im Dach sorgen für akustischen Komfort und Energieeffizienz. Materialien wie Aluminiumrahmen und Eichenholz seien langlebig und „ökologisch vertretbar“. Die adaptive Wiederverwendung selbst – also die Umnutzung eines Bestandsgebäudes – ist ohnehin eine der nachhaltigsten Strategien, die zeitgenössische Architektur verfolgen kann.

Die Form folgt dem Prinzip Licht

Im Zentrum des architektonischen Konzepts steht das Licht – nicht als Effekt, sondern als „archaisches Medium“. Es durchflutet die Räume, bringt das poröse Gestein der alten Gemäuer zum Leuchten, modelliert Volumen und gibt dem Ort eine neue spirituelle Tiefe.

Prior Ecclesia Office
Nachhaltiges Prinzip: Die Umnutzung ehrwürdiger Gemäuer.

Prior Ecclesia Office
Lich als „archaisches Medium“: Es modelliert Volumen und gibt dem Ort spirituelle Tiefe.

Die Lichtführung erinnert an Werke von James Turrell, der Amerikaner ist bekannt für seine Raum-Licht-Installationen. Beispielsweise hat sich Turrell in seinen „Skyspaces“ intensiv mit der Beziehung zwischen Licht und Raum beschäftigt. In ihnen konnten Gäste sich auf Sitzgelegenheiten an den Wänden niederlassen und durch eine Öffnung in der Decke den Himmel betrachten. Arbeiten von ihm finden sich sogar in Wien, im Museum für Angewandte Kunst und in der MAK-Expositur Geymüllerschlössel im 18. Wiener Gemeindebezirk.

Das Ergebnis im Projekt Prior Ecclesia jedenfalls ist eine Raumkomposition von ähnlich hoher Präzision und emotionaler Wirkung. Die Räume atmen, sie leiten die Nutzer durch atmosphärische Wirkung. Prior Ecclesia ist somit mehr als „nur ein Büro“, sondern eine Einladung zur inneren Sammlung. Und in einer Welt, in der Architektur oft laut sein muss, um Aufmerksamkeit zu bekommen, ist das vielleicht das Radikalste: die Stille. Und in einer Welt, in der so vieles so laut ist, ist die Stille für das gesammelte Arbeiten unglaublich kostbar.

Text: Linda Benkö
Fotos: Anna Positano

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