Ein Tempel der Veränderung
Mit dem Restaurant Rummel verwandelten Hennig Larsen Architects die ehemalige Stockholmer Industriemeile Norra Stationsgatan in eine Bühne für Architektur und Kulinarik. Der Pavillon aus Holz und Glas lässt sich zerlegen und andernorts wieder aufbauen.
Ein paar Jahre dauert es noch, bis Hagastaden fertiggstellt ist. 2030 soll der Stockholmer Stadtteil, der die schwedische Hauptstadt mit der angrenzenden Gemeinde Solna verbindet, neu gestaltet sein. Doch schon jetzt riecht es dort, wo früher Industrieanlagen dominierten, ein wenig nach Natur. Neben neu angelegten Parks wachsen hier Häuser in die Höhe, bei denen Holz im wahrsten Sinne eine tragende Rolle spielt: Wohnungen, Schulen, Bürogebäude.
Vergangen
Und ein markanter Pavillon, entworfen von Henning Larsen Architects. Darin bis vor kurzem zu finden: das Restaurant Rummel, ein 2023 von den Gastronomen Robin Moderato und Christopher Ellertsson eröffnetes Lokal. Ein als „kvarterskrog“ konzipiertes Restaurant, ein typisches, zwangloses Stammlokal ums Eck. Der Erfolg blieb allerdings aus, da die unmittelbare Umgebung an der Norra Stationsgatan – einer Hauptstraße, die das Viertel durchzieht – nicht so schnell wie erhofft erschlossen wurde. Die Betreiber mussten das Lokal schließen. Was blieb, ist ein außergewöhnliches Gebäude, das seiner weiteren Nutzung harrt. Und auch aktuell leerstehend gehörig Eindruck macht.
Die Konstruktion des Pavillions ist, und das ist durchaus wörtlich zu verstehen, äußerst schräg. Von zehn Metern Höhe im Osten senkt sich der Baukörper auf nur vier Meter im Westen ab. Dabei ist die Struktur aus Brettschichtholz trotz ihres massiven Erscheinungsbilds nicht für die Ewigkeit erbaut. „Die Zerlegbarkeit war ein fixer Bestandteil der Gestaltung“, so Projektleiter und Architekt Peter Tegner Matz. Deshalb sind alle Schrauben sichtbar – eine ästhetische wie funktionale Entscheidung. „Dass man die Montageelemente und Verschraubung erkennt, macht sofort nachvollziehbar, wie das Gebäude aufgebaut ist. Gleichzeitig sorgt dieses Konzept dafür, dass sich die Konstruktion jederzeit leicht demontieren lässt: Bauteile können bei Bedarf mühelos überprüft, entfernt oder ersetzt werden – ganz ohne Eingriff in die Verkleidung“.
Gegenwärtig
Hennig Larsen folgt damit einem Ansatz, der in einer Zeit, in der Ressourcenschonung und Klimaneutralität längst mehr als Schlagworte sind, im Bauwesen zunehmend an Bedeutung gewinnt. Beim Konzept Cradle-to-Cradle geht es nicht nur um Recycling — sondern um die gedachte „Wiedergeburt“ von Materialien. Gebäude werden so entworfen, dass man ihre Bauelemente am Ende ihrer Lebensdauer abbauen und in neue Projekte integrieren kann. Ein Ansatz, der Veränderung mit einbezieht und diese im positivsten Sinne lebt.
Cradle-to-Cradle setzt auf natürlich Rohstoffe und erlaubt eine kontinuierliche Wiederverwertung, statt permanent Ressourcen zu verbrauchen und Abfall zu erzeugen. Zudem fördert das Prinzip Flexibilität und modulare Konstruktion: Bauteile werden so gestaltet, dass sie leicht demontierbar, adaptierbar oder neu nutzbar sind; ein Vorteil gerade bei oftmals schnelllebigen urbanen Projekten. Auch ökonomisch zeigt sich der Mehrwert: Die Planungs- und Materialkosten amortisieren sich über verlängerte Nutzungszyklen, geringere Entsorgungskosten und eine höhere Lebensdauer. Nicht zuletzt stärkt Cradle-to-Cradle das Markenimage und Investorenvertrauen, indem nachhaltiges und innovatives Bauen signalisiert wird. So wurde beispielsweise im Wiener LeopoldQuartier das Prinzip des Kreislaufs bereits in Architektur, Materialwahl und Energieintegration verankert.
Die Zerlegbarkeit war ein fixer Bestandteil der Gestaltung.
Peter Tegner Matz, Projektleiter bei Henning Larsen
Dass man bei dieser Art des baulichen Konzepts nicht auf außergewöhnliche Architektur und individuelles Design verzichten muss, belegt das (ehemalige) Restaurant Rummel. Hier dominiert die Fassade aus dunklem Holz, das im bewussten Kontrast zu den raumhohen Glasflächen steht. Diese gehen an der Westseite in ein schmales, acht Meter hohes Fenster über. Auf der Ostseite kehren sich diese Proportionen wiederum um. So entsteht ein Raum, der Bewegung und Spannung in sich trägt – und dennoch Ruhe vermittelt.
Das Interieur des Restaurants war von Studio Millimeter Arkitekter designt worden. Entstanden ist eine Collage aus rotem Marmor, poliertem Messing und olivgrünem Leder, die Wärme und Intimität erzeugt, wie die Verantwortlichen erklärten. Selbst die Beleuchtung trug zur Inszenierung bei: Lampenarme direkt an den Trägern, Service-Stationen zwischen Holzstützen. Architektur und Gastronomie sollten so zu einem großen Ganzen verschmelzen.
Zukünftig
Nachdem Robin Moderato und Christopher Ellertsson Insolvenz anmelden mussten, wurde das Restaurant Rummel im darauffolgenden Juni geschlossen. Was an der Norra Stationsgatan 59 in Hagastaden zurückblieb, ist ein Beispiel für innovative, nachhaltige, optisch beeindruckende Bauweise. Und ein Zeichen der Veränderung.
Bisher hat der Grundstückseigentümer, das Immobilienunternehmen Humlegården Fastigheter AB, noch keinen neuen Plan für den von Henning Larsen erbauten Pavillon bekanntgegeben. Aufgrund des vorausschauenden Ansatzes des dänischen Architekturbüros ist die Demontage des Gebäudes inklusive Wiederaufbau an einem anderen Ort allerdings ebenso eine Option wie eine Neunutzung am gleichen Standort.
Text: Michi Reichelt
Bilder: Emil Fagander, Philipp Horak





