Coole, neue Lern- und Denkfabrik
Bildung und Forschung sind essenziell für eine gute Zukunft. Geeignete Räumlichkeiten wiederum sind essenziell für Bildung und Forschung. Und das von BIG designte, neue Robert Day Sciences Center ist ein schönes Beispiel für Gebäude, die beste Voraussetzungen bieten.
Außen wirkt es verschachtelt, kantig und recht kühl. Im Inneren jedoch sorgen seine extravagante Architektur und viel Holz für Offenheit und warme Atmosphäre: Das neue Robert Day Sciences Center am Claremont McKenna College (CMC) ist darauf ausgerichtet, multidisziplinäre Integration und Interaktion zu fördern. Entworfen vom dänischen Top-Büro BIG und jüngst fertiggestellt, soll der Bildungsbau als inspirierende Lern- und Denkfabrik fungieren. Als ideale Basis fürs Vorankommen von computergestützter Gen-, Gehirn- und Klimaforschung.
Freiraum für Ideen-Vernetzung
Das Design des rund 12.500 Quadratmeter umfassenden Neubaus ruft unwillkürlich das Wort „Querdenken“ in den Kopf. Denn jede Etage erstreckt sich in eine andere Richtung: Die Struktur besteht aus zwei übereinanderliegenden Volumen. Und jedes Paar ist gegenüber dem darunterliegenden Stockwerk um 45 Grad gedreht. Die Hohlräume dieser gedrehten Blöcke bilden das zentrale Atrium, dessen Höhe über alle Etagen reicht und so von jeder Ebene direkten Blick in Unterrichtsräume und Forschungsbereiche bietet.
Ganz im Sinne des architektonischen und pädagogischen Ansatzes laden die offenen Räume im Atrium zur Zusammenarbeit ein. Menschen und Ideen können zwischen Laboren, Unterrichtssälen und umliegendem Campus frei zusammenkommen und florieren.
Erster Teil des Masterplans
Wobei die Entwicklung des Uni-Geländes längst noch nicht beendet ist: Das Robert Day Sciences Center ist nämlich nicht nur das erste von BIG realisierte Projekt in Los Angeles. Es ist auch das erste fertiggestellte Gebäude im Rahmen des von BIG entworfenen Masterplans für den Roberts Campus des Claremont McKenna College.
Das neue Center befindet sich am östlichen Rand des Campus. Genauer gesagt: An der Ecke Ninth Street und Claremont Boulevard – mit freiem Blick auf den Mount Baldy. Es schafft ein neues Tor zur Hochschule und fördert strategisch starke Verbindungen zu anderen akademischen Fachbereichen. Ein dramatischer, hoher, schwebender Baldachin empfängt Studenten, Professoren, Mitarbeiter und Besucher – und lockt sie ins lichtdurchflutete, mehrstöckige Atrium.
Feuerfest & von Sonnenkraft befeuert
Die Fassade des nun fertigen Neubaus, der Raum für 1.400 Studenten schafft, besteht aus glasfaserverstärkten Betonplatten. Diese weisen holzähnliche Struktur, zugleich aber die für moderne Labore erforderliche Haltbarkeit und Feuerbeständigkeit auf. Auf rund 1.000 Quadratmetern Dachfläche sorgen Solarzellen für jährlich etwa 342 Megawattstunden Energie.
Im Inneren sind alle Ebenen miteinander verbunden. Getragen von mit Douglasienholz verkleideten und dreieckigen Stahlträgern, überbrückt jede Etage die darunter liegende. Textur, Rhythmus und Geometrie der Träger setzen sich im Außenbereich fort und schaffen einen nahtlosen Übergang von innen nach außen.
„Herz“ mit Kunst überm Kopf
Das Atrium verfügt über eine große Treppe, die zum geselligen Beisammensein und Entspannen einlädt. Sie verbindet die ersten beiden Stockwerke sowie ein Café miteinander und schafft so einen lebhaften Mittelpunkt im Zentrum des Gebäudes. Und in neun Metern Höhe schwebt ein faszinierender Blickfang: „Magnetic Field“ von Damián Ortega. Eine komplexe Skulptur der Magnetosphäre der Erde – in einer Umlaufbahn, bestehend aus 18 Metallringen und 1.476 leuchtenden Glaskugeln.
Im Erdgeschoss befinden sich das McElwee Forum, ein großer Seminarsaal und Bildgebungsräume. In den oberen Stockwerken sind Unterrichts- und Forschungseinheiten, Trocken- und Nasslabore, die Quantum Library und ein Maker Space untergebracht. Die Unterrichtsräume sind um den Umfang des Gebäudes herum angeordnet und bieten malerische Aussicht. Zugleich sind sie aber vom Atrium und den darunter liegenden Gemeinschaftsbereichen getrennt.
Viel Holz & Flexibilität
Im gesamten Gebäude werden warme Holzverkleidungen und Betonböden durch die charakteristischen Farben der Schule, Rot und Gold, akzentuiert. Die von BIG entworfenen Innenräume sind auf zukünftige wissenschaftliche Innovationen ausgelegt – mit Elementen wie etwa flexibel gestaltbaren Klassenzimmern und modularen Sitzgelegenheiten.
Die wie gestapelte, rotierende Balken konzipierte Form des Robert Day Sciences Centers hat viele Vorteile. So ergibt sie etwa auch acht Außenterrassen auf den Dächern, die sich an den Ecken jedes „Balkens” befinden. Jede davon bietet atemberaubenden 360-Grad-Blick auf die Berge im Norden, den Campus im Westen und das Sportstadion im Osten. Diese multifunktionalen Räume sind mit einheimischen Pflanzen begrünt. Und sie können als Außenklassenzimmer, Lernbereiche oder Treffpunkte genutzt werden.
„Leuchtturm“ Robert Day Sciences Center
Der extravagante Neubau soll auch nachts als eine Art Leuchtturm für den Zusammenfluss von wissenschaftlichen Ideen, Forschung und Innovation dienen. Vor dem Hintergrund der San Gabriel Mountains beleuchtet, bildet das Zentrum nicht nur den östlichen Eingang des CMC. Es verwandelt den umliegenden Campus in einen lebendigen, inspirierenden Ort der Entdeckung.
Beton: Kritik & Lösungs-Suche
Dass das sonst grundsätzlich auf Nachhaltigkeit fokussierte dänische Büro BIG bei den Fassaden des Bildungsbaus in Kalifornien auf Beton setzt, mag überraschen. Allerdings: Auch das eigene, neue Büro in Kopenhagen stieß deshalb auf Kritik. Und die Architekten hatten eine schlüssige Erklärung zur Hand: Weil Beton und Stahl weiterhin eine Rolle spielen werden, suche man nach praktikablen Möglichkeiten, deren CO2-Emissionen zu senken. Schließlich werde man niemals alles aus Holz, Lehm und Myzel errichten können.
Fix ist: Auf Nachhaltigkeit wurde geachtet. Das Robert Day Sciences Center strebt immerhin LEED-Gold-Zertifizierung an. Und es ist inzwischen in Betrieb. Sehr zur Freude von Hiram E. Chodosh, dem Präsidenten des Claremont McKenna College: „Diese wunderschöne Architektur verstärkt und fördert eine revolutionäre Vision für die Hochschulbildung in einem kritischen Moment für das Wohlergehen unserer Spezies, unseres Gehirns und unseres Planeten. Wir können uns nicht länger auf isolierte Disziplinen innerhalb der Naturwissenschaften oder zwischen Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften verlassen, um den Herausforderungen und Chancen unserer Zeit gerecht zu werden“.
Schmelztiegel für geballte Wissenskraft
BIGs Gründer und Kreativdirektor Bjarke Ingels sieht die dazu nötige Vernetzung im neuen Haus verwirklicht: „Selbst wenn man die meiste Zeit in einem Labor, an Computern oder im Klassenzimmer verbringt, gibt es viele Gelegenheiten für Austausch mit Kommilitonen, was den Gedankenaustausch über die traditionellen Wissenssilos hinweg anregt. In diesem Sinne wird das Robert Day Sciences Center zu einem Schmelztiegel, in dem alle Arten von Wissen, Studierenden und Lehrenden in dreidimensionaler Lernumgebung zusammenkommen“.
Was College-Präsident Chodosh in Aussicht stellt, klingt jedenfalls nicht minder vielversprechend: „Das Robert Day Sciences Center und das Kravis Department of Integrated Sciences verbinden Einrichtungen und Programme mit multidisziplinärem Fachwissen. Mit problemorientiertem Lernen, angewandter Ethik und höherer menschlicher Intelligenz im Zeitalter der KI.“
Warmes Holz, öffnendes Glas, anregende Schönheit
Bjarke Ingels‘ rotierende Stapel schaffen, so Chodosh, Möglichkeiten zum „Lernen an den Schnittstellen“. Und damit nicht genug: „Das Holz nährt unsere soziale Wärme. Das Glas durchbricht die Barrieren. Die schönen Oberflächen und die spektakuläre öffentliche Kunst inspirieren unseren Humanismus.“
Der neue Bildungsbau sei „ein geschliffener Edelstein für das Claremont McKenna College. Ein Juwel für die Ewigkeit.“ Man könnte auch sagen: Architektur, die Ideen und kluge Köpfe fördert – und so eine Umgebung schafft, in der dringend nötige Lösungen für die Zukunft bestmöglich gedeihen können.
Text: Elisabeth Schneyder
Bilder: Laurian Ghinitoiu / BIG / CMC











