Ums Eck von der Münchner Wiesn haben die Designer des englischen Studios Fettle ein Hotel geschaffen, das mehr ist als ein Ort zum Übernachten. Das Schwan Locke ist eine Hommage an legendäre deutsche Architektur. Und an die Kunst.

Wenn ein Ort in München – und darüber hinaus – für Feiern, Bier und Trubel steht, dann die Theresienwiese, oder kurz: die Wiesn, jährlicher Schauplatz des Oktoberfests. Subtile Designstatements erwartet man hier wohl weniger. Doch genau die findet man nur wenige Gehminuten von der Wiesn entfernt – in Form des Schwan Locke Hotels. An der Adresse Landwehrstraße 75 hat das britische Designstudio Fettle – unter der Leitung ihrer Gründer Andy Goodwin und Tom Parker – ein 151-Zimmer-Aparthotel verwirklicht, das beweist: Design und Moderne können gleichzeitig stylish und originell sein, ohne ins Lächerliche zu kippen.

Schwan Locke Hotel, Lobby und Lounge
Fettle kombiniert Spiegelstreifen mit geometrischen Bodenmustern. Und Farben wie einst Mies van der Rohe. „Eine Interpretation modernistischer Prinzipien“.

Die Aufgabe war klar. Das Schwan Locke Theresienwiese sollte zu Beginn der 2020er-Jahre das erste Konzept der Design-Hotelkette Locke auf dem europäischen Festland werden. Dafür tauchte Fettle tief in die lokale Geschichte ein. Das Studio nahm Anleihe beim Deutschen Werkbund, der 1907 in München gegründeten Vereinigung von Architekten, Designern und Handwerkern, die später Bauhaus-Größen wie Walter Gropius und Mies van der Rohe hervorbrachte. Eine Bewegung mit klarem Auftrag: Gutes Design sollte nicht den Reichen vorbehalten bleiben. Das Ergebnis von Fettles Recherchen: „Eine Interpretation modernistischer Prinzipien, keine Imitation“, wie Goodwin und Parker erklären.

Spiegellicht

Betritt man die Lobby des Schwan Locke Hotels, wird deutlich, was die Architekten meinen. Dort treffen sich historische Referenzen und zeitgenössische Verspieltheit. Fettle kombiniert Spiegelstreifen an den Wänden mit einem geometrischen Bodenmuster – inspiriert von Details der Werkbund-Ausstellung von 1914. Die Decke ist leuchtend grün gestrichen, durchzogen von einer Serie von Wandleuchten, deren Lichter sich in den Spiegeln wieder und wieder reflektieren.

Schwan Locke Hotel, Loungebereich
Die meisten Möbel im Schwan Locke sind Maßanfertigungen, …

Schwan Locke von Fettle, Lounge
… inspiriert von der Möbellandschaft des frühen 20. Jahrhunderts.

Die Inspiration für die Farbpalette, die sich durch alle öffentlichen Räume und Gästezimmer zieht, stammt von Mies van der Rohes legendärer Weißenhofsiedlung in Stuttgart. Zu den Rot-, Grün-, Gelb- und Blautönen kommen helles Holz, Chrom, Stahl und – als bewusster Kontrast – Mohair. „Wir wollten Farbe in die verschiedenen Räume bringen, um dem Entwurf einen Hauch von Fröhlichkeit zu geben“, so Goodwin und Parker. Die gewählten Farbkombinationen fanden sich laut den Designern auch auf Plakaten und Druckmaterial zur Ausstellung „Die Wohnung“ im Jahr 1927, deren zentraler Bestandteil die Weißenhofsiedlung darstellte.

Möbelmanifest

Die meisten Möbel im Schwan Locke sind Maßanfertigungen, inspiriert von der Möbellandschaft des frühen 20. Jahrhunderts. Vor dem Café lädt ein großer Tisch aus Eichenholz zum Co-Working ein. Eine Bespoke Bar mit weißer Marmorplatte und Holzrippen-Unterkonstruktion dominiert den Loungebereich. Dazu findet man hier Stücke von Hay, &Tradition und Petite Friture.

Barbereich
Die Beleuchtung besteht aus Vintage-Stücken und exklusiven Entwürfen. Ein Mix aus Alt und Neu, der dem Hotel Leben einhaucht.

Für die Beleuchtung hat Fettle Pendelleuchten über dem Café entworfen, gepaart mit lokal beschafften Lampen – Vintage-Stücke neben Reproduktionen der Berliner Manufaktur Zeitlos. Diese Mischung aus Alt und Neu, Bespoke und Standard, ist es, die dem Raum Leben einhaucht, wie das Studio erklärt: „Wir wollten sicherstellen, dass die Gesamtästhetik abwechslungsreich und interessant, aber auch angenehm ist“, heißt es von Fettle.

Innenaußen

Das Herzstück des Schwan Locke befindet sich jedoch draußen. Der zentrale Innenhof, umgeben von üppiger Vegetation, ist als fließender Übergang zwischen Innenraum und Terrasse gedacht. Verschiedene Steinsorten als Bodenbelag, Lounge-Sofas und Outdoor-Stühle aus wetterbeständigem Material, Girlanden- und Laternenbeleuchtung sollen deutlich machen: Es gibt hier keine Trennung zwischen „draußen“ und „drinnen“.

Schwan Locke Hotel, München, Barbereich
Zu den Rot-, Grün-, Gelb- und Blautönen kommen helles Holz, Chrom, Stahl und Mohair.

Das Hotel beherbergt eine kuratierte Kunstsammlung, die Pionierinnen der Werkbund-Bewegung – von Marianne Brandt bis Lilly Reich– feiert. Daneben sind Werke zeitgenössischer lokaler Künstlerinnen und Künstler zu sehen, wie jene von Veronika Grenzebach oder Armin Kiss-Istok. Spätestens beim Betrachten der Kunst wird klar: Das Schwan Locke versteht sich nicht als abgeschotteter Elfenbeinturm für Touristen. Sondern als ein Ort, der mehr zu bieten hat als Übernachtungsmöglichkeiten.

Text: Michi Reichelt
Bilder: Edmund Dabney

Jetzt Newsletter Bestellen <>