Zweites Zuhause statt Müllhalde
Das indische Studio Workers of Art hat aus seinem Arbeitsplatz ein Second Home gemacht. Ein „tropisch-brutalistisches“ Zuhause abseits des eigentlichen Zuhauses – aus Holz, Beton, Pflanzen und Recycling.
Wen beauftragt ein Architekturstudio, wenn es gilt, neue Büroräume für seine Mitarbeitenden zu gestalten? Ganz klar, sich selbst. Das Team des indischen Studios Workers of Art (WOA) hat genau das getan und (sich) damit mehr als nur einen Arbeitsplatz geschaffen.
Der Name ist dabei Programm: WOA bezeichnet das Büro als Second Home. Wobei vor der Umgestaltung wenig darauf hindeutete, dass sich hier, in einer Seitenstraße der südwestindischen Küstenstadt Kochi, einmal ein „zweites Zuhause“ eines Architekturstudios befinden würde. In dem 135 Quadratmeter großen Betongebäude befand sich einst ein Fliesenlager, das von inspirativer Arbeitsatmosphäre oder gar Behaglichkeit so weit entfernt war wie Indien vom Polarkreis.
Neue Muster
WOA entschieden sich jedoch, für das Second Home den alten Rahmen zu erhalten, zu restaurieren und ihm ein neues Bild einzusetzen. Mehr noch: Das Team nutze die vorhandenen Ressourcen, um daraus Gestaltungselemente zu kreieren. So baute man für die Decke ausgediente PVC-Rohre zu schwarzen, linearen Leuchtkörpern um, Pflanzgefäße aus Ferrozement wurden mit blauen Plastikfässern ausgekleidet. Zudem verlegte man die noch vorhandenen Fliesen, anstatt sie auf der Mülldeponie zu entsorgen, auf der Toilette in einem bunten Patchworkmuster. „Das Design feiert den Wert von Materialien, die sonst weggeworfen würden“, so das Studio.
Fliesen waren es auch, die im früheren Lager den Boden bedeckten. Auch diesen entfernte WOA nicht, sondern überarbeitete ihn; Risse wurden lediglich mit dunklem Mikrozement ausgefüllt. Das Ergebnis: Der alte Fliesenbelag blieb nicht nur größtenteils erhalten, es entstanden auch kontrastreiche, geometrische Muster am Boden. „Wir wollten zeigen, dass Materialkreisläufe sichtbar sein dürfen“, sagt Studio-Mitgründerin Priya Rose.
Neues Klima
Wie bei einem (ehemaligen) Lagerhaus üblich, erstreckt sich das Second Home nur auf einer Ebene. Vom Eingang kommend gelangt man in einen großen Raum, in dem sich an der Ostwand ein Zickzack aus Ferrobeton-Schreibtischen erstreckt. In der Mitte befindet sich der Besprechungsbereich, auf der Westseite liegt ein etwas abgeschirmter Arbeitsplatz. Eine neu aufgezogene Trennwand mit großem Rundbogen führt in den Rückzugs- und Gemeinschaftsbereich. Hier findet man – mittels Vorhangs abtrennbar – Küche, Sanitärräume, Spinde und eine Ruhe-Ecke.
Laut Priya Rose wurden die ungewöhnliche Aufstellung der Schreibtische so gewählt, dass sie einerseits Teamarbeit fördern, andererseits durch den Ausblick auf das Pflanzenmeer auch ein Gefühl der Privatsphäre vermittelt. Man solle nicht das Gefühl haben, in einem Großraumbüro zu sitzen. Mehr als 100 Pflanzen aus der Region schaffen Sichtschutz und verbessern das Raumklima – in ökologischem und sozialem Sinn. Zusätzlich sorgen einst ausgemusterte Gegenstände als Antiquitäten für eine wohnliche, intime Atmosphäre.
Neues Zuhause
Der nachhaltige Ansatz zieht sich durch das gesamte Büro. HDF dominiert nicht nur bei Schränken und Besprechungstischen, sondern auch bei den zahlreichen Lochplatten und -wänden. Schreibtische, Regale und Pflanzenbehälter sollen irgendwann ebenso wiederverwendet werden können wie das Material aus dem alten Lager, sagen die Designer.
„Wir verbringen hier so viele Stunden, dass es sich wie zu Hause anfühlen muss“, so WOAs Fazit über sein Second Home. Entstanden ist „tropischer Low-Key-Brutalismus“, wie es das Studio ausdrückt. „Unsere Philosophie war, ein Büro zu schaffen, das sich wie ein ‚zweites Zuhause‘ anfühlt – erkennbar in jedem Detail, das Komfort, Ästhetik und ein Gefühl von Zugehörigkeit in den Mittelpunkt stellt.“
Text: Michi Reichelt
Bilder: Ishita Sitwala






