Senferei Lustenau, Julia Kick, Holzbau, Industriebau
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Ein CO2-Speicher im Gewerbegebiet

Die Senferei Lustenau wurde mit dem österreichischen Staatspreis Architektur 2025 ausgezeichnet. Architektin Julia Kick setzte mit ihrem Holzbau im Industriegebiet nicht nur ein Zeichen für die regionale Baukultur, sondern auch fürs globale Klima.

Die alte Senferei war über hundert Jahre lang im Ortskern von Lustenau, Vorarlberg, beheimatet. Seit vier Generationen stellte die Senfmüller-Familie Bösch dort den beliebten Scharfmacher nach traditioneller Rezeptur her. Doch die gewachsenen Strukturen auf vier Ebenen entsprachen nicht mehr den modernen Anforderungen und erschwerten die Abläufe in der Produktion. Dem Neubau und Umzug des Betriebs in das Lustenauer Gewerbegebiet gingen viele Überlegungen voraus. Eine der größten Herausforderungen bei der Planung von modernen Produktionsstätten ist die Entflechtung der Wege. Wie bringt man Logistik, Produktion, Verwaltung und interessierte Besucher zusammen, ohne dass sie sich gegenseitig im Weg stehen? Als Hersteller eines regionalen Naturproduktes stellte man nicht zuletzt auch einen hohen ökologischen Anspruch an die neue Manufaktur. 

Senferei Lustenau, Julia Kick, Holzbau, Industriebau
Nach 100 Jahren im Ortskern von Lustenau zog die lokale Senferei in einen neuen Holzbau.

Die Dornbirner Architektin Julia Kick erarbeitete gemeinsam mit der Bauherrschaft einen Entwurf, der all das unter einen Hut brachte. Das Ergebnis ist ein Raumprogramm, das für effiziente Abläufe sorgt – vom Rohstofflager über die Verarbeitung der Senfkörner bis hin zur fertigen Verpackung. Und für die Bauherrschaft ging ein lang ersehnter Wunsch in Erfüllung: „Ein Senfladen und ein Erlebnisrundgang bieten Besucher:innen nun wortwörtlich Einblick in die Kult-Marke“, freuen sich die Senfmüller.

Gläserne Produktion im Holzbau

Im Neubau ergeben sich zwei Kreisläufe: einer für die Produktion des populären Wurstbegleiters, ein zweiter für die Menschen, die ihn konsumieren und etwas über seine Herstellung erfahren wollen. Dieses Prinzip der gläsernen Produktion macht die Herstellungsprozesse transparent und schafft so ein Kundenerlebnis, das das Vertrauen in die Herkunft eines Produktes stärkt.

Senferei Lustenau, Julia Kick, Holzbau, Industriebau
Ästhetisch anspruchsvoller Holzbau statt Trapezblech-Retorte: Das Gewerbegebiet von Lustenau hat nun preisgekrönte Architektur zu bieten.

Dass der Lustenauer Senf ein regionales Naturprodukt ist, das ohne Konservierungsstoffe auskommt, lässt sich auf diese Weise gut vermitteln.

Und genauso wie der Senf sollte auch das Gebäude ein möglichst ganzheitliches Naturprodukt sein. Da lag der Griff zum Baustoff Holz nahe, den man im Gewerbegebiet allerdings nach wie vor sehr selten antrifft. „Dass es ein Neubau mit hohem ökologischen Anspruch sein sollte, war für die Bauherrschaft von vornherein klar“, sagt Architektin Julia Kick. Der ursprüngliche Plan, die Produktionsstätte in lokalem Vollholz zu bauen, scheiterte am Faktor Zeit. Schließlich entstand ein Skelettbau auf der Basis von Leimbindern, die im Werk vorgefertigt wurden.

Holzbau als Klimainstrument

Die Konstruktion, die auf einem relativ schmalen Achsraster beruht, ist auch im Inneren sichtbar.

Senferei Lustenau, Julia Kick, Holzbau, Industriebau
Trotz der sichtbar verlegten technischen Installationen lässt der Holzbau im Inneren eine warme und wohnliche Atmosphäre entstehen.

Durch die feingliedrige Struktur und die Tatsache, dass die Räume nicht stützenfrei gedacht wurden, konnte man sehr ressourcensparend bauen. „Der Baustoff Holz ist sehr entwurfsprägend und lässt ganz andere Lösungen entstehen, als beispielsweise beim Bauen mit Beton“, so Kick.

Der Baustoff Holz bietet die besondere Chance, ein Gebäude zum CO2-Speicher zu machen.

Julia Kick, Architektin

Wie es sich für eine Vorarlberger Architektin gehört, pflegt sie eine enge Beziehung zum nachwachsenden Baustoff Holz. 
Im westlichsten Bundesland Österreichs ist der Holzbau sehr stark verankert und ein Schlüsselinstrument für die regionale Klimapolitik

Im Inneren ergeben sich zwei Kreisläufe: einer für die Produktion des populären Wurstbegleiters, …

… ein zweiter für die Menschen, die ihn konsumieren und etwas über seine Herstellung erfahren wollen.

„Wenn man schon zur umweltschädlichen Bauindustrie gehört, ist es für uns wichtig, aus jedem Projekt das beste herausholen. Der Baustoff Holz bietet die besondere Chance, ein Gebäude zum CO2-Speicher zu machen“, argumentiert die 41-jährige Architektin.

Stimmiger Anschluss an die Riedflächen

Außen präsentiert sich die Senferei als dezent gestaffelter Baukörper in einer vertikalen Holzschalung. Anstatt sich lautstark in den Vordergrund zu drängen, fügt sich der Korpus achtsam in die Landschaft ein. „Als erstes Gebäude zu den landwirtschaftlich genutzten Riedflächen hin war es uns wichtig, dass das Gebäude einen Übergang schafft“, begründet die Architektin manche Designentscheidung, wie etwa die Rücksprünge in der Kubatur. Auch das begrünte Dach nähert sich mit einer kleinen Wasserfläche und Totholz der umgebenden Landschaft an. Derzeit wird der Außenraum noch von der Vorlastschüttung für die geplante Zufahrtsstraße dominiert.

Ein Retentionsbecken neben dem Gebäude dient nicht nur dem Hochwasserschutz, sondern schafft auch einen Ausgleich für die Zuschüttung von Riedgräben.

Doch auch hier legen die Bauleute großen Wert auf eine ökologische Gestaltung, um die sich die Landschaftsarchitektin Gudrun Sturn kümmert. Ein Retentionsbecken neben dem Gebäude dient nicht nur dem Hochwasserschutz, sondern schafft auch einen Ausgleich für die Zuschüttung von Riedgräben.

Staatspreis Architektur 2025

Beim Innenausbau des Betriebsgebäudes kamen Holzwerkstoffe in Industriequalität zum Einsatz, was sich an der starken Verästelung ablesen lässt. Die technischen Einrichtungen verlaufen sichtbar an den Holzoberflächen, wie es der industriellen Zweckmäßigkeit entspricht. Dennoch ist das Gebäude dank des Baustoffs Holz und der hohen Fensterflächen ein sehr freundlicher, wohnlicher Ort geworden. Sind Gewerbeparks meist von gesichtslosen Blechhallen geprägt, zeigt die Senferei Lustenau, dass ein Industriebau auch ein Ort der Baukultur sein kann.

Das Projekt wurde mit dem Staatspreis Architektur 2025 in der Kategorie Industrie und Gewerbe ausgezeichnet. In der Jurybegründung heißt es: „Der konsequente Holzbau, ressourcenschonende Logistik und effiziente Abläufe zeigen beispielhaft nachhaltige Industriearchitektur. Das Projekt stärkt lokale Produktion und setzt ein deutliches Zeichen für zukunftsorientiertes, regional verankertes Wirtschaften.“

Text: Gertraud Gerst
Fotos: Angela Lamprecht

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