So geht Zehn-Minuten-Stadt
In einer Stadt, in der selbst kurze Wege schnell 45 Minuten dauern können, setzt SeoulOne, das neuste Projekt von UNStudio, auf ein radikal anderes Konzept: ein autofreies Viertel, in dem alles in nur zehn Minuten fußläufig erreichbar ist. Auf einem ehemaligen Industriegelände im Nordosten Seouls soll so ein neues Modell urbanen Lebens entstehen.
Die südkoreanische Hauptstadt Seoul ist mit rund zehn Millionen Einwohnern auf etwa 605 Quadratkilometern eine der am dichtesten besiedelten Städte der Welt. Platz oder gar Freiraum ist hier schnell mal Mangelware. Kein Wunder also, dass selbst kurze Einzelfahrten im Durchschnitt 45 Minuten dauern. Doch was wäre, wenn die Zeit, um von A nach B zu gelangen, auf nur zehn Minuten reduziert werden könnte? Genau das plant das südkoreanische Architekturstudio UNStudio für die Hyundai Development Company: ein autofreies Viertel namens SeoulOne, das alle wichtigen Anlaufstellen vereint und sie innerhalb von zehn Minuten zu Fuß erreichbar macht.
SeoulOne soll im Gebiet Geumgwang-dong in Nowon-gu entstehen, im Nordosten der Metropole. Das Areal, lange als Industriegelände genutzt, diente unter anderem als Logistikzentrum, Zementlager und Bahnhofsgelände der Korea Railroad Corporation, der staatlichen Eisenbahngesellschaft Südkoreas. Nun soll das Gelände eine völlig neue Funktion und auch Optik erhalten. Zudem ist es ein Projekt, das vor allem in Sachen Nachhaltigkeit neue Maßstäbe setzen will.
Mehrschichtig gut
UNStudios Kernkonzept soll sechs Ebenen miteinander verbinden: multigenerationell, 10-Minuten-Stadt, 24/7-Mix, vielfältiges Retail, öffentliche Räume und Revitalisierung des Geländes. Konkret bedeutet das: Über Kindergärten, Seniorenpflege bis hin zur medizinischen Grundversorgung ist alles vorhanden. Die Bewohnerinnen und Bewohner sollen hier nicht nur leben, sondern auch arbeiten und ihre Freizeit gestalten können – etwa in den Malls oder Street-Pavillons, die vielfältige Angebote bereithalten sollen. Plätze und Grünflächen werden dabei die Lebens- und Aufenthaltsqualität der Gegend entscheidend heben.
SeoulOne soll das insgesamt 405.000 Quadratmeter große Industriegelände in ein sogenanntes Mixed-Use-Viertel verwandeln, das mit über 30 Prozent Grünflächen und einer autofreien Zone ein völlig neues Stadterlebnis schafft. So genannte Pocket Parks – kleine Grünflächen in dicht bebauten urbanen Kontexten – sollen mithilfe von Bänken, Bäumen und Blumenbeeten das sonst eher einengende Stadtklima auflockern. Auch Dachgärten, Wassergärten und Waldabschnitte werden integriert.
Der große Lebenszirkel
Das Viertel liegt besonders nahe am Fuß der nördlichen Berglandschaft Seouls, weshalb es eine natürliche, wellenförmige Struktur aufweist. Diese soll auch in den Plänen von SeoulOne geschickt berücksichtigt werden. Ziel ist es, eine harmonische Verbindung zwischen der Natur sowie den Bewohnern zu erschaffen, die durch Fußgängerbrücken und autofreie Zonen zusätzlich unterstützt werden.
SeoulOne vereint hier städtische und natürliche Elemente elegant miteinander: UNStudio plant erhöhte, autofreie Plattformen zu errichten, die eine durchgängige Fußgängerzone bilden. Rampen, Treppen und kleinere Pfade führen die Menschen durch das ganze Viertel. Unterhalb dieser Plattformen ist eine separate Untergrundlogistik vorgesehen, die Lieferungen und Abfalltransport ermöglicht. So sollen die Oberflächen weiterhin grün, frei zugänglich und ruhig bleiben. Zudem verbinden die Fußgängerbrücken das Gelände geschickt mit den umliegenden Wohngebieten, Universitäten und der neuen Metro-Station. Dank einer neuen Bahnverbindung ab der Kwangwoon University Station soll das trendige Stadtviertel Gangnam künftig in nur acht statt 60 Minuten erreichbar sein.
Alle für einen, einer für alle
SeoulOne soll somit weit mehr werden als nur das nächste Nachbarschaftsprojekt. Auch Regionalität wird mitgedacht: Lokale Materialien für den Bau des Viertels sowie das gesamte äußere Konzept des Projekts sind von koreanischen Keramiktraditionen inspiriert, von anmutigen Oberflächen bis hin zu den Fassaden. Aus vielen einzelnen Teilen entsteht so ein großes Gesamtbild, das Menschen aller Generationen dienen soll. „Wir erreichen dies durch die Einbindung einer Vielzahl inspirierender, sorgfältig ausgewählter Erlebnisse vor Ort, die den Bewohnern jeden Alters eine breite Palette an Möglichkeiten bieten, wie sie ihr Leben, ihre Arbeit und ihre Freizeit gestalten können“, sagt Ben van Berkel, Gründer und Chefarchitekt von UNStudio.
Mit SeoulOne knüpft UNStudio an eine lange Reihe von Projekten an, in denen das Büro Stadtentwicklung als Zusammenspiel von sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit versteht. Das Architekturbüro hat seinen ursprünglichen Sitz in Amsterdam, mittlerweile jedoch auch sieben weitere Standorte weltweit. Ihr Anspruch, so die UNStudio-Verantwortlichen, sei es, Projekte sozial, nachhaltig und ethisch verantwortungsvoll zu gestalten. Ob ihnen dies auch mit SeoulOne gelingt, wird sich allerdings noch zeigen, denn die Bauarbeiten dauern weiterhin an.
Text: Katarina Andraschko
Bilder: UNStudio





