Hier kommt das neue Weltwunder
Unter dem Titel Shift Landmark Competition findet derzeit ein spannender Wettlauf um das nächste Weltwunder des Klima-Zeitalters statt. Von den zahlreichen Entwürfen namhafter Architekturbüros haben es fünf Visionen ins Finale geschafft.
Da von den sieben Weltwundern der Antike heute nur noch die Pyramiden von Gizeh erhalten sind, gab es immer wieder Bestrebungen, die Liste zu erneuern. So legte im Jahr 1996 die American Society of Civil Engineers (ASCE) eine Liste der „Sieben Wunder der modernen Welt“ vor. Diese basiert auf Meisterleistungen in Architektur und Bauingenieurwesen. Das Ranking fiel sehr Amerika-lastig aus und listet Bauwerke wie das Empire State Building, den CN Tower und die Golden Gate Bridge. Eine weitere Initiative suchte Mitte der 2000er-Jahre nach den „neuen sieben Weltwundern“ und fand sie unter anderem in der Inka-Stadt Machu Pichu, dem Kolosseum und der chinesischen Mauer. Da es bei der öffentlichen Wahl zu Mehrfachstimmabgaben kam, wurde das Ergebnis als unwissenschaftlich kritisiert. Was alle Listen eint, ist die Würdigung menschlicher Höchstleistungen, die die Grenzen unserer Vorstellungskraft sprengen.
Eine ikonische Landmarke für den Klimaschutz
In Zeiten der Klimakrise haben die Superlative „höher, schneller, weiter“ deutlich an Ansehen und Prämierwürdigkeit eingebüßt. Schließlich ziehen sie in unserer industrialisierten und technologisierten Welt unweigerlich einen Rattenschwanz an hohen CO2-Bilanzen hinter sich her.
Menschen ändern sich nicht, weil man es ihnen sagt. Sie ändern sich, wenn sie merken, dass das Leben besser sein kann.
Don Ritzen, Gründer von Shift
Doch wie sieht ein Weltwunder für das 21. Jahrhundert aus? Diese Frage stellte das Sozialunternehmen Shift und lud zu einem internationalen Architekturwettbewerb, die Shift Landmark Competition.
Gesucht ist: eine ikonische Landmarke für den Klimaschutz, die jenen Wandel anstößt, den die Menschheit heute so dringend braucht. Denn, wie Shift-Gründer Don Ritzen es formuliert: „Menschen ändern sich nicht, weil man es ihnen sagt. Sie ändern sich, wenn sie merken, dass das Leben besser sein kann. Das Wahrzeichen und sein immersives Erlebnis werden gebaut, um genau diesen Moment zu erzeugen.“
Rotterdam bekommt ein Weltwunder
Den Anfang macht die niederländische Stadt Rotterdam, aber das langfristige Ziel ist, ähnliche Projekte auf sechs Kontinenten umzusetzen. Die niederländische liegt an einem Mündungshafen und ist durch den Klimawandel akut gefährdet. Erschwerend kommt hinzu, dass etwa 85 Prozent der Stadtfläche unter dem Meeresspiegel liegen. Diese geografische Tatsache ist in Zeiten der fortschreitenden Erderwärmung nicht mehr nur eine statistische Randnotiz, sondern eine existenzielle Herausforderung.
Das Stadtentwicklungsgebiet Waterkant bildet die Kulisse für die visionäre Architektur, die den Begriff des ikonischen Wahrzeichens für das 21. Jahrhundert neu definieren soll. Der Standort befindet sich direkt am Ufer der Nieuwe Maas. Hier soll ein Gebäude mit einer Fläche von bis zu 30.000 Quadratmetern entstehen. Für das Budget sind rund 240 Millionen Euro vorgesehen. Das Weltwunder des Klima-Zeitalters muss keiner gängigen Typologie folgen, sondern in erster Linie ein immersives Erlebnis schaffen.
Vom Programm her soll es ein Hotel, ein Konferenzzentrum und einen nachhaltigen Food-Court mit interaktiven Ausstellungsflächen kombinieren. Alle Funktionen sollen dazu beitragen, das Imageproblem des nachhaltigen Lebensstils zu korrigieren. Denn klimafreundliches Verhalten verbinden die meisten mit Verzicht. Das neue Wahrzeichen soll Kreislaufwirtschaft als Fortschritt für jeden einzelnen erlebbar machen.
Fünf Visionen für eine Welt im Wandel
Das Teilnehmerfeld der Endrunde liest sich wie das Who is Who der europäischen Architektur-Avantgarde.
Fünf Finalisten wurden aus 80 Einreichungen ausgewählt, die den „Shift“, also den großen gesellschaftlichen Wandel, architektonisch framen. Dabei gleicht die Vielfalt der Ansätze einem Kaleidoskop unserer aktuellen ökologischen Hoffnungsträger.
Rotterdams Lokalmatador, das Architekturbüro MVRDV, schlägt mit Rotterdam Rocks eine mit Pflanzen überwucherte Steinformation vor. Der Entwurf erinnert an einen eiszeitlichen Findling, der mitten im großstädtischen Terrain der Gegenwart gelandet ist. Eine abgewandelte Form des Ökobrutalismus, der rohe Sichtbeton-Ästhetik mit nachhaltigen, grünen Konzepten verbindet.
Im krassen Gegensatz dazu steht der Entwurf Urban Reef von Heatherwick Studios. Das Büro von Thomas Heatherwick, dem Meister der verspielten, skulpturalen Formen, präsentiert ein organisch geformtes Bauwerk, das in sechs Schichten gestapelt ist. Hinter tropfenförmigen Fensteröffnungen und konkaven Rücksprüngen in der Fassade will man die Herausforderung der Klimakrise wert- und angstfrei präsentieren.
Wer schafft den Shift?
Mecanoo wiederum setzt mit dem House of Shift auf eine dynamische Struktur, die sich der Flexibilität moderner Lebensentwürfe widmet. Das in Delft ansässige Büro zeigt einen Entwurf, der „so einfach ist, dass ihn selbst ein Kind zeichnen kann“. Ein Hügel, ein Turm und eine Box auf einem Monopile-Fundament, auf dessen Kante eine Weltkugel balanciert. Im Mittelpunkt des Konzepts stehen recycelte Baustoffe, Kohlenstoffsenken, Energieneutralität und ökologische Integration.
Das Office for Political Innovation ist ein Architekturbüro mit Sitz in Madrid und New York, das Architektur als interdisziplinäre Praxis versteht. Mit dem Projekt Planetary Landmark for the Climate Age schlägt es eine radikal andere Richtung ein: ein Gebäude als Messinstrument, als fühlendes Organ der Stadt, das das Klima nicht nur wahrnimmt, sondern aktiv beeinflusst.
Schließlich bringt Ecosistema Urbano aus Madrid mit seinem Vorschlag Living Landmark die Natur direkt in die Vertikale. Eine grüne Lunge, die den Wasserreichtum Rotterdams nicht als klimatische Bedrohung framt, sondern als Ressource für ein neues urbanes Klima nutzt.
Die Jury, zu der Ben van Berkel von UNStudio und die Klimaaktivistin Carice van Houten zählen, steht vor einer Herkulesaufgabe. Sie muss entscheiden, welcher Entwurf die nötige Strahlkraft besitzt, um Millionen von Menschen zu inspirieren. Die Bekanntgabe des Siegers im Frühjahr 2026 wird deshalb weit über die Grenzen der Architekturwelt hinaus mit Spannung erwartet.
Text: Gertraud Gerst
Visualisierungen: MVRDV, Heatherwick Studios, Mecanoo, Office for Political Innovation, Ecosystem Urbano






