Stadtsaal Groß-Enzersdorf, Revitalisierung, Holzbau, Michael Strauß Architekt
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Die Tektonik des Dreiecks

Bei der Revitalisierung von historischem Bestand zeigt sich, was der Holzbau draufhat. Der Stadtsaal Groß-Enzersdorf bekam durch das neue Dachtragwerk einen akustischen Resonanzkörper, dessen Dreieckskonstruktion jede Menge Material einspart.

Die Geschichte des Stadtsaals von Groß-Enzersdorf folgt einer Entwicklung, wie man sie bei historischen Kommunalbauten häufig erlebt. Im 19. Jahrhundert als Rathaus, Hotel und Restaurant errichtet, versuchte der Bau mit den sich wandelnden Bedürfnissen der Zeit Schritt zu halten. Die letzte Erweiterung durch einen Anbau in den 1980er Jahren konnte die räumlichen Defizite des Veranstaltungssaals allerdings nicht beheben. Die geringe Raumhöhe, eine direkte Folge des alten Dachstuhls, stand im Widerspruch zu den zeitgemäßen Anforderungen einer vielseitigen Veranstaltungsstätte. Ein Manko, das die jüngste Revitalisierung des historischen Gebäudes durch Architekt Michael Strauss nun beseitigen konnte.

Stadtsaal Groß-Enzersdorf, Revitalisierung, Holzbau, Michael Strauß Architekt
Mit der Revitalisierung des Stadtsaals Groß-Enzersdorf wurde historischer Bestand an die Bedürfnisse unserer Zeit angepasst.

Die Entscheidung, das alte Dach komplett zu entfernen und es durch ein neues, hochleistungsfähiges Dachtragwerk aus Holz zu ersetzen, ergab sich aus der bauphysikalischen Notwendigkeit. Nur durch diese dezidierte Intervention konnte der Saal die repräsentative Raumhöhe erlangen, die seiner öffentlichen Funktion gebührt. Das Ergebnis ist ein Bau, der nach seiner Wiedereröffnung im Frühjahr 2024 die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten mit optimaler Raumakustik und Barrierefreiheit versöhnt.

Ein unkonventioneller Pfettendachstuhl

Für den neu geschaffenen Dachstuhl haben die beauftragten Ingenieure von Graf-Holztechnik die traditionelle Form des Pfettendachstuhls mit Firstpfette gewählt. Die Ausführung ist jedoch alles anderes als herkömmlich. Anstatt die Sparren linear anzuordnen, spannen sie Dreiecksflächen auf. 

Stadtsaal Groß-Enzersdorf, Revitalisierung, Holzbau, Michael Strauß Architekt
Die Dachsparrren spannen Dreiecksflächen auf, wodurch sich eine materialsparende Bauweise ergab.

Die so entstehende Tektonik vermittelt nicht nur eine ästhetische Finesse, sie ist auch ein ökonomischer Kunstgriff. „Durch die Dreiecksflächen konnte nicht nur beim Materialeinsatz gespart, sondern auch ein beeindruckendes Raumerlebnis geschaffen werden“, erklärt die Jury des Niederösterreichischen Holzbaupreises, die den umgebauten Stadtsaal 2025 mit einer Anerkennung bedachte.

Durch die Dreiecksflächen konnte nicht nur beim Materialeinsatz gespart, sondern auch ein beeindruckendes Raumerlebnis geschaffen werden.

Jury, Holzbaupreis Niederösterreich

Die spannende Geometrie der Hülle strukturiert den Raum und schafft optische Weite. Sie erfüllt allerdings auch noch eine andere, performative Funktion, die für einen Veranstaltungssaal besonders wichtig ist: die Regelung der Akustik. 

Stadtsaal Groß-Enzersdorf, Revitalisierung, Holzbau, Michael Strauß Architekt
Im hofseitigen Anbau sind die transparenten Erschließungsbereiche untergebracht.

Dazu hat man die Dreiecksflächen abwechselnd mit Schall-reflektierenden und -absorbierenden Holzwerkstoffplatten ausgefacht. Auf diese Weise wird das Dach zum fein kalibrierten Resonanzkörper, der die Anforderungen von Musik bis zu Vorträgen optimal erfüllt. 

Schichten der Zeit

Die stadtseitige Fassade des Bauwerks erhielt unter fachlicher Mitwirkung des Bundesdenkmalamtes neue Fenster. Dazu ließ man historische Holzkastenfenster rekonstruieren und konnte so das baukulturelle Erbe authentisch erhalten. Im Gegensatz dazu steht der hofseitige Anbau. Hier manifestiert sich das 21. Jahrhundert in Form einer neuen, transparenten Erschließungsstruktur aus Stahl und Glas. Sie umfasst zwei Stiegenhäuser und einen Laubengang und sorgt so dafür, dass das ganze Haus zur barrierefreien Zone wird. 

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Für die straßenseitige Fassade ließ man die historischen Holzkastenfenster denkmalgerecht rekonstruieren.

Der Laubengang unterstützt auch eine flexible Nutzbarkeit des großen Saales. Dieser lässt sich nämlich durch Flügelelemente in zwei separate Bereiche abteilen. Über den außenliegenden Laubengang können sie unabhängig von einander betreten werden.

Die tiefste zeitliche Schicht des Bauwerks kam bei den Sanierungsarbeiten zum Vorschein: ein als Abstellraum genutzter Gewölbekeller. Seine Umfassungswände reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück und gelten als letzte sichtbare Fragmente der ehemaligen Stadtburg. Eine Entdeckung, die man als architektonisches Geschenk feierte. Restauriert und in das öffentliche Nutzungskonzept integriert, dient dieser intime Raum nun für Veranstaltungen im kleinen Rahmen. Zugleich schafft er eine unmittelbare Verbindung zur frühesten Geschichte des Ortes. Er ist quasi Geschichte zum Anfassen.

Bauen im Bestand

Der Stadtsaal Groß-Enzersdorf zeigt, dass die Revitalisierung historischer Bausubstanz und der ökologische Anspruch Hand in Hand gehen können. 

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Mithilfe von zwei beweglichen Flügelelementen lässt sich der Stadtsaal in zwei Bereiche teilen.

Bei der Erneuerung des Dachstuhls kamen nicht nur rund 185 Kubikmeter des nachwachsenden Naturbaustoffs Holz zum Einsatz. Die gewählte Konstruktionsweise sorgte außerdem dafür, dass das Holz möglichst ressourcenschonend eingesetzt werden konnte. 

Die hohe Flexibilität des Veranstaltungssaales, die dem Raum einst gefehlt hat, wurde zum neuen Gradmesser eines zukunftsfähigen Kommunalbaus. Denn sie ist die Grundvoraussetzung für eine möglichst lange Nutzbarkeit. Und je länger der Lebenszyklus eines Gebäudes, umso besser für die Umwelt.

Text: Gertraud Gerst
Fotos: Michael Strauss

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