Kultur in der Sonnenuhr
Der Sun Tower von OPEN Architecture sieht nicht nur aus wie eine Sonnenuhr, streng genommen ist der kulturelle Ankerpunkt in Yantai in China auch eine. Wasseruhr inklusive.
Beim Sun Tower in Yantai, einer Küstenstadt im Nordosten Chinas, vom Pekinger Architekturbüro OPEN Architecture entworfen, weiß man zunächst nicht so genau, was das Bauwerk ist: Eine riesige Sonnenuhr? Zweifellos, sieht der Turm von der Form her doch tatsächlich eine eines der auf Zeitmesser, die es sowohl in vertikaler Form, an Hauswänden beispielsweise oder in horizontaler Form gibt. Das Prinzip dahinter: ein parallel zur Erdachse ausgerichteter Polstab wirft einen Sonnenschatten, der wiederum die Zeit anzeigt.
Fun Fact am Rande: Sonnenuhren findet man an vielen Orten. Aber angeblich stimmt nur in einem die Zeit, die sie anzeigt, tatsächlich mit der richtigen Uhrzeit überein: ausgerechnet in Österreich, im Waldviertel in Gmünd soll die genaueste Sonnenuhr stehen. Der Grund: Gmünd liegt ganz genau auf dem 15. Meridian Ost – und das ist der Bezugsmeridian für die mitteleuropäische Zeit (MEZ), weshalb in Gmünd die Uhrzeit auch mit der Sonnenzeit übereinstimmt.
Architektur, die der Sonne folgt
Der Sun Tower jedenfalls fungiert mit seiner Höhe von 50 Metern als zeitgenössische Neuinterpretation sowohl einer Sonnenuhr als auch eines Leuchtturms. Eigentlich aber beherbergt dieses archetypische Symbol ein Kulturzentrum mit moderner Technologie. Gleichzeitig hat der Bau auch die Pflege der urbanen gemeinschaftlichen Strukturen von Yantai – ein großer Fischereihafen und ein wichtiges regionales Wirtschaftszentrum – im Blick.
Das Konzept des Sun Tower basiert aber tatsächlich auf präzisen Sonnenstudien. Die Nordseite des Bauwerks verläuft parallel zum Mittagslicht der Tagundnachtgleiche. Der Eingangstunnel ist exakt auf den Sonnenuntergang der Wintersonnenwende ausgerichtet. Die Achse des halboffenen Theaters im Inneren wiederum folgt dem Sonnenaufgang über der nahe gelegenen Insel Zhifu zur Sommersonnenwende. Und selbst der kreisförmige Dachrand bezieht sich auf das Sonnenlicht zur höchsten Stellung im Jahreslauf.
Zwei Schalen, ein Raumkontinuum
Und so formt die Ausrichtung auf den Himmel ein architektonisches Narrativ. Der Baukörper folgt dem Jahreskreis und macht die Bewegung der Sonne physisch für den Menschen erlebbar. Das preisgekrönte Architekturbüro OPEN Architecture übersetzt damit unsichtbare Energien wie Licht, Zeit und Klang in räumliche Erfahrung. Wer möchte kann hier über’s Jahr über den Lauf der Sonne sinnieren und der Sonnenbeobachtung frönen.
Konstruktion und Form sind das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit mit dem Ingenieurbüro Arup. Zwei konische Betonschalen bilden die Hauptstruktur, verbunden durch horizontale Platten und Rampen. Diese dienen zugleich als Ausstellungsflächen. Die innere konkave Schale ist zum Meer geöffnet. Das Schöne dabei: Sie wirkt als Resonanzkörper, der den Klang der Wellen einfängt und verstärkt. An ihrer Basis liegt das halboffene Theater. Dort finden selbstverständlich Aufführungen statt, Gäste und Besucherinnen können sich aber auch einfach hineinsetzen und den Raum als kontemplativen Ort mit Blick auf das Meer begreifen.
Die äußere Schale ist von runden Öffnungen durchsetzt. Sie bringen Tageslicht ins Innere und ermöglichen eine natürliche Belüftung. Statt auf energieintensive Klimatechnik setzt OPEN auf passive Strategien: Tunnelkühlung, thermische Masse, Querlüftung und Kamineffekt sorgen dafür, dass das Gebäude auch im Sommer ohne Klimaanlage auskommt.
Ein Weg nach oben
Das räumliche Erlebnis des Sun Tower ist auf Bewegung angelegt. Besucher durchschreiten zunächst einen Tunnel, der sich zum Theater öffnet. Dann folgt man den spiralförmig ansteigenden Rampen, die zu den digitalen Ausstellungsräumen führen. Diese Räume sind flexibel bespielbar: Projektionen, Bildschirme, Installationen können mit geringem adaptiven Aufwand neu arrangiert werden.
Am oberen Ende des Turms warten zwei besondere Orte: die Bibliothek und der sogenannte „Phenomena Space“. Beide liegen in einer umgestülpten Betonschale, die in die innere Struktur eingestellt wurde. Während die Bibliothek analoge wie digitale Medien bereithält und den einzigartigen Blick aufs Meer zum Teil des Leseerlebnisses macht, bleibt der Phenomena Space bewusst undefiniert. So fällt beispielsweise Regenwasser durch eine runde Dachöffnung in ein Becken. Das Wasser wird rhythmisch zum Wirbeln gebracht – eine poetische Geste, eine Meditation über Naturkräfte … und neuerlich über die Zeit und Vergänglichkeit. Denn die Wasseruhr ist ein Pendant zur Sonnenuhr. Sie funktioniert ähnlich wie eine Sanduhr, bei der die Dauer des Fließens von einem Behältnis zum anderen die vergehende Zeit angibt.
Planetenbahnen auf dem Platz
Der Sun Tower ruht zudem auf einem muschelförmigen Platz, der sich zum Meer hin öffnet. Vom Zentrum des Gebäudes breiten sich elliptische Ringe aus, die an Planetenbahnen erinnern. Ein linearer Wasserkanal markiert den Verlauf des Schattens während der Tagundnachtgleichen – ein Spiel aus Geometrie, Wasser und Licht, das den Platz in ein begehbares kosmisches Diagramm verwandelt.
Zusätzlich integrierten die Expertinnen und Experten von OPEN Springbrunnen. Sie synchronisieren sich mit den Gezeiten oder feiern die 24 Sonnenstände des traditionellen chinesischen Mondkalenders. Wenn das Theater nicht bespielt wird, verwandelt es sich in eine Landschaft aus Nebel und Wasserfontänen – Architektur und Natur verschmelzen zur Bühne.
„Leuchtturm für urbane Seelen“
Mit seinen 4.960 Quadratmetern Nutzfläche ist der Sun Tower kein Großprojekt im klassischen Sinn. Doch sein Einfallsreichtum und kulturelles Gewicht sind immens. Yantai, dessen Yeda-Zone (Yantai Economic and Technological Development Area) sich seit den 1980er-Jahren vom Industrie- zum Tourismusstandort entwickelte, erhält mit dem Turm erstmals einen markanten kulturellen Mittelpunkt. Hier wird nicht nur Wissen über Umwelt und Natur – und Zeit – vermittelt, sondern auch ein Ort für Gemeinschaft, Bildung und Austausch geschaffen.
Li Hu, Mitgründer von OPEN Architecture, beschreibt den Turm als „zeitgenössisches Kulturgebäude, öffentlichen Versammlungsort, Wachturm, riesige Sonnenuhr, Bildungszentrum und Leuchtturm für urbane Seelen – alles zugleich.“ Diese Vielschichtigkeit ist Programm: Der Sun Tower verweigert sich eindeutigen Kategorien und lädt dazu ein, Architektur als offenes Feld zwischen Kunst, Natur und Gesellschaft zu begreifen.
Naturphänomene im architektonischen Fokus
Der Sun Tower reiht sich in eine Serie von Projekten ein, mit denen OPEN Architecture Naturphänomene zum Kern architektonischen Erlebens machen. Bereits die „Chapel of Sound“, eine felsenähnliche Konzerthalle in einem Tal nahe Peking, inszeniert akustische und landschaftliche Eindrücke in monumentaler Form. Auch das Dune Art Museum in Qinhuangdao, halb in eine Sanddüne gegraben, folgt diesem Ansatz.
Für Huang Wenjing, Mitgründerin des Büros, ist diese Haltung auch eine Antwort auf die Klimakrise: „Die Natur ist heilig. Um die ökologische Katastrophe zu bewältigen, müssen wir nicht nur unseren Lebensstil ändern, sondern auch unser Verständnis der Welt.“ Der Sun Tower versteht sich daher auch als Manifest für eine neue Sensibilität gegenüber Naturzyklen.
Mit seinem Zusammenspiel aus skulpturaler Form, kosmischer Ausrichtung und kultureller Programmatik verbindet der Sun Tower Himmelsbeobachtung, wie sie schon vor Jahrhunderten betrieben wurde mit zeitgenössischer Architektur – und wird so tatsächlich zu einem „Leuchtturm für urbane Seelen“.
Text: Linda Benkö
Fotos: Iwan Baan, Jonathan Leijonhufvud








