The Cutaway, Barangaroo Reserve, Sydney, fjcstudio, Holzbau, Hasslacher
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Sydneys Kultur-Bergwerk der Extraklasse

In Sydneys renaturiertem Industriehafen entsteht mit The Cutaway der größte unterirdische Kulturbau Australiens. Die imposanten, 16 Meter hohen Holzstützen basieren auf österreichischer Holzbaukunst und erzählen die Geschichte der First Nations.

Am nordwestlichen Rand des zentralen Geschäftsviertels von Sydney befindet sich der junge Stadtteil Barangaroo. Das ehemals von riesenhaften Containerbrücken geprägte Hafengebiet hat in den letzten beiden Jahrzehnten eine umfassende Neugestaltung erlebt. Wo früher Berge von Containern lagerten, hat heute wieder die Natur die Oberhand gewonnen. Anstatt jeden Zentimeter des frei gewordenen Stadtgebiets mit gewinnträchtigen Bauprojekten zu belegen, hieß es frei nach Jean-Jacques Rousseau: Zurück zur Natur! Zwar entstanden im Zuge des größten innerstädtischen Entwicklungsgebiets auch moderne Büro-, Geschäfts- und Wohn­ge­bäude. Das größte Stück des Bauland-Kuchens ging allerdings an die Bewohnerinnen und Bewohner von Sydney – in Form eines neuen Erholungsgebietes am Wasser und der Kulturstätte The Cutaway.  

Barangaroo Reserve, PWP Landscape Architecture, Sydney
Mit der neuen Stadtentwicklung wurde aus dem einstigen Industriehafen eine grüne Halbinsel, das Barangaroo Reserve.

Das Rennen im Namenswettbewerb, den die Regierung von New South Wales für das neue Parkviertel ausgerufen hatte, machte schließlich der Vorschlag „Barangaroo“. Es ist der Name einer bedeutenden Vorfahrin der Cammeraygal, einem Volk der australischen Ureinwohner. Damit ehrt man die jahrtausendealte Verbundenheit der First Nations mit dem Land und dem Meer. Denn bevor dieses Gebiet gegen Ende des 18. Jahrhunderts kolonialisiert wurde, nutzten es die indigenen Völker zum Fischen und Jagen. 

Nachbildung der präkolonialen Küste

Das Barangaroo Reserve hat der australischen Metropole auf 22 Hektar eine der spektakulärsten Parkanlagen direkt an der berühmten Waterfront beschert. Für die Gestaltung der renaturierten Halbinsel orientierten sich die Designer von PWP Landscape Architecture an historischen Karten und Gemälden. So konnten sie die präkoloniale Küstenlinie möglichst originalgetreu nachbilden. 

Mit über 10.000 Sandsteinblöcken – allesamt vor Ort abgebaut – modellierten sie die Landzunge und drehten die Zeit rund 250 Jahre zurück. So nähert sich das einstige Industriegebiet wieder an den Ort an, der von den Aborigines schon seit Jahrtausenden genutzt wurde.

The Cutaway, Barangaroo Reserve, Kulturbau, Holzbau fjcstudio, Sydney
Die skulpturalen Holzstützen bringen eine organische Qualität in die unterirdische Sandsteingrube.

Durch den Abbau der Steinquader entstand unterhalb des neuen Parks eine Art menschengemachte Karsthöhle. Als das klimaneutrale Stadtgebiet, dem man sich verschrieben hat, sollten die stadtplanerischen Maßnahmen keinerlei Müll verursachen oder den CO2-Fußabdruck belasten. Bestehende Strukturen und Materialien wurden zu 90 Prozent recycelt. Der gewaltige unterirdische Raum sollte kreativ genutzt werden und einen zusätzlichen Mehrwert schaffen. Warum nicht das kühle Klima der Felsenhöhle nutzen, und hier einen der größten Kultur-Hotspots der Stadt einrichten? 

Holzbau-Knowhow aus Österreich

The Cutaway, wie die neue Mega-Venue bezeichnenderweise heißt, soll mit einem Investitionsvolumen von 80 Millionen Australischen Dollar zu einem erstklassigen Kultur- und Veranstaltungszentrum werden. Eine Art Kultur-Bergwerk der Extraklasse. Der Entwurf von fjcstudio sieht eine spektakuläre Holzkonstruktion vor, die aus 13 skulpturalen Stützen besteht. Diese momumentalen Bauteile erinnern an Bäume und ragen imposante 16 Meter in die Höhe. 

The Cutaway, Barangaroo Reserve, Kulturbau, Holzbau fjcstudio, Sydney
Konzerte, Ausstellungen, Theater: Großereignisse finden in Sydney künftig unter Tage statt.

Für den Bau dieser Konstruktion holte man sich Holzbauexpertise aus Österreich. Das Familienunternehmen Hasslacher lieferte für die anspruchsvolle Freiformkonstruktion die vorgefertigten Bauteile aus Brettschichtholz. 

Die Konstruktion spiegelt nicht nur höchste Handwerkskunst wider, sondern würdigt auch die kulturelle Bedeutung der First Nations.

Hasslacher Group, Holzbauunternehmen

Jede dieser Baumstützen besteht aus 150 präzise gefertigten Einzelteilen und zusammen verleihen sie dem Raum eine organische, menschliche Dimension. „Die Konstruktion spiegelt nicht nur höchste Handwerkskunst wider, sondern würdigt auch die kulturelle Bedeutung der First Nations und unterstützt die nachhaltige Ausrichtung des Barangaroo-Geländes“, heißt es vonseiten des Unternehmens.

Akustik und kultureller Widerhall

Abgesehen von der atmosphärischen Wirkung hat die Konstruktion auch noch eine andere Funktion. Erzeugte der mit Betonsäulen stabilisierte Raum ursprünglich einen problematischen Hall, sorgen diese Strukturen nun für eine spürbar verbesserte Akustik. Dazu sind die Holzelemente mit perforiertem Brettsperrholz und integrierter Dämmung versehen. Erst sie machen den Raum zu einem erstklassigen Veranstaltungsort, der sich flexibel bespielen lässt.

The Cutaway, Barangaroo Reserve, Kulturbau, Holzbau fjcstudio, Sydney
Die Holzstützen bestehen aus 150 Einzelteilen und ragen 16 Meter in die Höhe.

Der kulturelle Widerhall, den das Projekt erzeugt, ist hingegen durchaus gewollt. Durch die enge Zusammenarbeit mit den Designern Shannon Foster und Jake Nash ist ein Design entstanden, das die Perspektive der First Nations einbezieht. Inspiriert von den organischen Formen der giba-gunya – schutzspendenden Felsüberhängen – erzählt The Cutaway eine Geschichte von Verwurzelung und Schutz. Ein eigenes Bildungszentrum und Programme zur Förderung indigener Kunst und Kultur soll diesen Fokus weiter vertiefen.

Architektur als Erzählung

Die Architektur des 21. Jahrhunderts ist zunehmend auf einer Sinnsuche. Es genügt heute nicht mehr, funktionale und repräsentative Hüllen zu schaffen. Gefragt sind Bauwerke, die inspirieren, Geschichten erzählen und den Spirit eines Ortes freilegen. In Sydney, einer Stadt, die für ihre spektakuläre Oper und die spiegelglatte High-Tech-Architektur am Wasser bekannt ist, setzt The Cutaway ein anderes Zeichen. Es lädt dazu ein, in der Hektik der Großstadt innezuhalten und unter die Oberfläche zu blicken. 

The Cutaway, Barangaroo Reserve, Kulturbau, Holzbau fjcstudio, Sydney
Ein Modell der Konstruktion von fjcstudio zeigt den Aufbau der unterirdischen Halle.

Die jüngsten Baustellenbilder zeigen die Montage der raumgebenden Holzskulpturen und markieren damit den nahenden Abschluss der Bauarbeiten. 2026 soll diese multifunktionale Fläche für Ausstellungen, Festivals, Installationen und kulturelle Großereignisse eröffnet werden. 

Ganz so wie die Aborigines mit Steinen, Ästen, Rinde und Lehm bauten, dominieren in The Cutaway die Naturmaterialien. Diese nach innen gekehrte Landmarke verkörpert eine neue architektonische Identität, die Natur, Geschichte und Zukunft mit einander in Einklang bringt. 

Text: Gertraud Gerst
Fotos & Visualisierungen: fjcstudio, Barangaroo Delivery Authority

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