Trae
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Timber trifft auf Upcycling

Perfekte Imperfektion: Das Büroprojekt TRÆ von Lendager Arkitekter ist nicht nur das höchste Holzgebäude Dänemarks. Es ist auch das weltweit erste Hochhaus, das konsequent auf Upcycling im großen Maßstab setzt.

Mit TRÆ hat das dänische Büro Lendager Arkitekter im Hafen von Aarhus ein Projekt realisiert, bei dem es um weit mehr als Materialinnovation geht. Der 78 Meter hohe, gemischt genutzte Holzturm ist das derzeit höchste Holzgebäude Dänemarks. Und es ist zugleich das weltweit erste Hochhaus, bei dem konsequent Upcycling zum Maß aller Dinge erhoben wurde.

Schon der dänische Name des Objekts ist symbolträchtig, denn TRÆ heißt auf Deutsch Baum. Das Objekt versteht sich demnach weniger als singulärer Bau(m) in der Landschaft, denn als urbane Versuchsanordnung. Es ist ein 1:1-Experiment, das zeigen will, wie Kreislaufwirtschaft, soziale Verantwortung und architektonische Qualität miteinander verschränkt werden können.

Trae im ehemaligen Industriehafen von Aarhus
Der Standort: Der ehemalige Industriehafen von Aarhus, der immer noch von rauer Infrastruktur, Altlasten und sozialen Brüchen geprägt ist.

Der Standort könnte dafür kaum geeigneter sein. Denn TRÆ liegt in einem ehemaligen Industriehafen. Der Ort ist geprägt von rauer Infrastruktur, Altlasten und sozialen Brüchen. Anstatt diese Geschichte zu glätten, hat sie Lendager Arkitekter bewusst aufgenommen. Das Gebäude wird zum Symbol eines Wandels, der nicht durch Verdrängung, sondern durch Transformation entsteht.

Form folgt Verfügbarkeit

Wird Nachhaltigkeit bei vielen Projekten eher als technisches Add-on verstanden und realisiert, oder im ungünstigsten Fall als „Werbemittel“, beweisen die nordischen Architektur-Experten mit dem spannenden Projekt kulturelle Haltung: Hier wird die ökologische, soziale und ästhetische Dimension gleichwertig verhandelt.

Trae von Lendager Arkitekten entworfen
Beim Bürokomplex TRÆ wurde konsequent Upcycling betrieben: So besteht die Fassade unter anderem aus ausrangierten Briefkästen …

Trae von Lendager Arkitekten entworfen
… und alte Windturbinenblätter dienen dem Holzhybridbau und seinen Nutzern als Sonnenschutz.

Zentral für das Entwurfskonzept ist ein Leitsatz, der die Philosophie von Lendager präzise zusammenfasst: „form follows availability“. Gemeint ist damit nicht nur die pragmatische Nutzung dessen, was vorhanden ist, sondern eine radikale Umdeutung von Abfall als gestaltbildende Ressource. Upcycling bedeutet ja nichts anderes als die Wiederverwendung von Materialien oder Produkten auf eine Weise, die ihren Wert, ihre Qualität oder ihre Funktion erhöht – im Gegensatz zum bloßen Wiederverwerten.

Fassade aus ausrangierten Briefkästen

Für TRÆ bedeutet dies konkret, dass die Fassade aus wiederverwendeten Aluminiumblechen besteht, gewonnen aus Industrie- und Landwirtschaftsbauten sowie aus ausrangierten Briefkästen. In ihrer unregelmäßigen Anordnung erinnern sie an Birkenrinde – fleckig, schimmernd, lebendig. Imperfektion wird hier nicht kaschiert, sondern zum ästhetischen Programm erhoben.

Nochmals zurück zum Namen, der ebenfalls vielschichtig ist: TRÆ bedeutet
– abgesehen von Baum – auch noch Holz und drei. Der Name verweist so auf das primäre Baumaterial, auf die biogene Herkunft und auf die drei miteinander verbundenen, runden Volumen, aus denen sich der Turm zusammensetzt. Diese Geometrie ist nicht nur ikonografisch, sondern funktional motiviert: Sie maximiert Tageslicht, verbessert die Windlast und schafft eine skulpturale Präsenz am Wasser.

Holzhochhaus als technisches Neuland

Ein fast 80 Meter hohes Gebäude aus Holz zu errichten, bedeutete für alle Beteiligten Neuland. In Dänemark existierten bislang kaum Referenzen für Holztürme dieser Größenordnung. Die Anforderungen an Brandschutz, Statik und Dauerhaftigkeit waren komplex – verschärft noch durch mehrere standortspezifischen Faktoren: Salzhaltige Seeluft, Explosionsgefahr in Häfen durch das Vorhandensein von brennbaren Gasen, Dämpfen oder Stäuben sowie Emissionen eines nahegelegenen Kraftwerks.

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Die Nutzer von TRÆ loben die Luftqualität und den Tageslichteintrag.

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Die Tragstruktur kombiniert Brettschichtholz mit kohlenstoffarmen Betonkernen.

Die Tragstruktur kombiniert Säulen aus Brettschichtholz und CLT-Decken mit kohlenstoffarmen Betonkernen. Letztere sorgen für Aussteifung und Brandschutz. Diese hybride Konstruktion erlaubt es, die Vorteile des Holzbaus – geringes Gewicht, CO₂-Speicherung, angenehmes Raumklima – mit den sicherheitsrelevanten Eigenschaften mineralischer Materialien zu verbinden. Die Planung erfolgte in enger Zusammenarbeit mit der Artelia Group, einer auf relevanten Ingenieurdienstleistungen spezialisierten Unternehmensgruppe sowie mit dem Bauunternehmen Kaj Ove Madsen. Eng abgestimmt wurde der Bau ebenfalls mit den kommunalen Behörden von Aarhus. Iterative Prozesse, umfassende Brandtests und die Entwicklung neuer technischer Standards waren Voraussetzung dafür, dass das Projekt genehmigungsfähig wird.

Alte Windturbinenblätter als Sonnenschutz

Besonders experimentell ist der Einsatz alter Windturbinenblätter als Sonnenschutzelemente. Diese Bauteile, meist aus Epoxidharz und Glasfaser gefertigt, galten bislang als kaum recycelbar. Aber: Ihre Wiederverwendung reduziert den CO₂-Fußabdruck im Vergleich zu konventionellen Aluminiumlamellen um ein Vielfaches und verleiht der Fassade zugleich eine unverwechselbare Identität.

Auch im Inneren bleibt TRÆ mit einer Fläche von 14.850 Quadratmetern seiner „zirkulären Logik“ treu. Nahezu alle sichtbaren Oberflächen sind biobasiert, also auf Basis nachwachsender Rohstoffe erzeugt, sind recycelt oder in irgendeiner Form wiederverwendet.

Upcycling auch in den Innenräumen

Dies gilt für die Fenster aus Abbruchprojekten ebenso wie für die akustischen Elemente aus PET-Filz oder für die Alttextilien, Holzböden und Paneele aus rückgebauten Gebäuden. Ergänzt wird das Materialkonzept durch alte Bäume, die aus städtischen Anlagen verpflanzt wurden und so das „Baum“-Narrativ ein weiteres Mal räumlich erfahrbar machen.

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Auch im Inneren von TRÆ wird konsequent um- und wiederverwertet: So bestehen die akustischen Elemente aus PET-Filz …

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… und es wurden weiters viele Alttextilien verwendet, die Holzböden sowie Paneele stammen aus rückgebauten Gebäuden.

Nutzerstudien zeigen, dass auch die Arbeitsräume als besonders angenehm wahrgenommen werden. Die haptische Qualität der Materialien, das sichtbare Holz und das großzügige Tageslicht tragen viel zu einem Gefühl von Ruhe und Behaglichkeit bei.

Soziale Nachhaltigkeit als integraler Bestandteil

Viele Nutzer empfinden die Luftqualität als sehr gut und berichten von einem gesteigerten Wohlbefinden. All dies sind Merkmale, die zunehmend als messbare Faktoren nachhaltiger Architektur diskutiert werden. Und so ist Nachhaltigkeit bei TRÆ nicht auf die bloßen ökologischen (Bau-)Kennzahlen reduziert.

Das Erdgeschoss beherbergt öffentlich zugängliche Funktionen, darunter ein Restaurant, das von einer Sozialinitiative betrieben wird. Eine wellenförmige Fußgängerbrücke verbindet das Gebäude mit der neuen Hochbahnlinie und verankert es im städtischen Alltag. Darüber hinaus werden Obdachlose in die Instandhaltung eingebunden, eine Freiwilligenorganisation versorgt von hier aus täglich bedürftige Familien mit Mahlzeiten.

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TRÆ: Interessantes Gebäude wiewohl keine klassische Schönheit.

Auch diese sozialen Programme sind keineswegs als nachträgliches Feigenblatt zu sehen. Sie waren von vornherein eingeplante Ansätze des architektonischen Konzepts. Sie machen TRÆ damit zu einem offenen Haus, das Interaktion fördert. Der ehemals abgeschottete Hafenbereich erblüht zu einem lebendigeb Quartier.

Erforschen von Upcycling in den „Living Labs“

Eine Lebenszyklusanalyse zeigt, dass TRÆ den CO₂-Ausstoß im Vergleich zu einem konventionellen Betonhochhaus um rund 30 bis 50 Prozent reduziert. Drei sogenannte „Living Lab“-Etagen dienen dazu, biogene und upgecycelte Materialien weiter zu erforschen und ihre Performance im Betrieb zu messen. Damit wird das Gebäude selbst zum Forschungsinstrument und liefert Daten für zukünftige Projekte.
Diese Skalierbarkeit ist vielleicht die wichtigste Botschaft von TRÆ. Das Hochhaus beweist, dass zirkuläres Bauen nicht auf experimentelle Pavillons oder kleine Wohnbauten beschränkt bleiben muss, sondern auch im kommerziellen Hochbau funktionieren kann – wirtschaftlich, sicher und architektonisch anspruchsvoll.

Kein Blumentopf für Schönheit

Ist TRÆ ein „schöner“ Bau? Wohl kaum. Es ist ein raues, vielschichtiges Gebäude und widersetzt sich der gängigen Null-Fehler-Ästhetik. Gerade darin liegt sein Charme. Wie die Jury der Aarhus Architecture Awards 2025 formulierte, steht das Projekt für eine „energiegeladene Auseinandersetzung mit bewährten Lösungen“ und regt eine dringend notwendige Diskussion darüber an, was Architektur heute leisten kann und soll.
Als gebautes Manifest zeigt TRÆ, dass Abfall zu Wert werden kann – ökologisch, sozial und kulturell. In einer Zeit, in der Nachhaltigkeit allzu oft als Marketingversprechen verkommt, setzt dieses Holzhochhaus ein klares Zeichen: für Mut, Experimentierfreude und für eine Architektur, die Verantwortung übernimmt.

Text: Linda Benkö
Fotos: Rasmus Hjortshøj

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