Die skulpturalen Freiformkonstruktionen aus Rattan in Bangkoks Yoga-Institut Vikasa schaffen ein immersives Raumerlebnis. Für das biomorphe Design verknüpfte das ortsansässige Büro Enter Projects Asia traditionelles Handwerk mit neuester Technologie.

Bangkok ist nicht nur die Stadt, die niemals schläft. Der Alltag in der 10-Millionen-Metropole kann auch untertags eine Herausforderung für die persönliche Reizverarbeitung sein, wenn man das laute Treiben nicht gewohnt ist. In Bangkoks Viertel Phrom Phong, das bekannt ist für seine gastronomische Vielfalt, hat das auf der Insel Koh Samui ansässige Yoga Institut Vikasa eine Zweigstelle eröffnet. Der Name Vikasa steht einerseits für intensive Yoga-Retreats, die eine Auszeit vom Alltag in einer ruhigen Umgebung bieten. Andererseits bildet man hier auch die Yogalehrer, also die Yogi (männlich) und Yogini (weiblich), von morgen aus. Das Vikasa on 24, wie sich das neue Studio nennt, schafft eine Oase inmitten der geschäftigen Stadt, dessen Interior-Konzept mehrfach ausgezeichnet wurde.

Vikasa Yoga, Enter Projects Asia, EPA, Bangkok
In der Bangkok-Zweigstelle des Yoga Instituts Vikasa sorgen raumgebende Strukturen aus Schilf für ein immersives Erlebnis.

Es stammt vom Büro Enter Projects Asia (EPA), das zuletzt mit der spektakulären Flughafenerweiterung von Bangalore für internationales Aufsehen sorgte.

Eine metamorphe Struktur

Das Erfolgsrezept von EPA liegt laut eigenen Angaben in ihrer besonderen Mischung aus technologisch getriebenem Design, natürlichen Materialien und traditionellem Handwerk. Das Vikasa on 24 ist ein zweistöckiger, transparenter Bau, dessen organisch-skulpturale Einrichtung schon von außen zu sehen ist. 

Durch die geschmeidige, organische Verarbeitung von Bambus und Holz erinnert das Design an den Flow des Körpers.

Enter Projects Asia, Architekturbüro

Eine metamorphe Struktur aus lokalem Rattan windet sich wie ein lebender Organismus durch die Räume und Geschosse und bildet dabei unterschiedliche Formen aus.

Vikasa Yoga, Enter Projects Asia, EPA, Bangkok
In der Nacht leuchten die organischen Lichtinstallationen nach draußen.

Vikasa Yoga, Enter Projects Asia, EPA, Bangkok
Die skulpturalen Strukturen mäandern wie ein lebender Organismus durch die Räume.

Was erst als schlauchförmige Lichtinstallation an der Decke entlang mäandert, geht nahtlos in ein Regal über, um schließlich in einen kokonartigen Kobel zu münden, der ein immersives Raumerlebnis für die Yogapraxis verspricht. „Durch die geschmeidige, organische Verarbeitung von Bambus und Holz erinnert das Design an den Flow des Körpers“, erklären die Architekten.

Tradition trifft auf moderne Technologie

Neben Rattan und thailändischem Hartholz finden sich in den Räumlichkeiten auch noch andere Materialien aus der Region, wie Palmblätter und schwarzer Schiefer. Auch wenn Rattanmöbel eine lange Tradition in Thailand haben, so entsteht hier durch den Einsatz von 3D-Technologie und parametrischem Design etwas gänzlich Neues aus dem altbekannten Material. 

Vikasa Yoga, Enter Projects Asia, EPA, Bangkok
Die natürlichen Materialien schaffen eine naturnahe Oase mitten im geschäftigen Viertel von Phrom Phong.

Das 450 Quadratmeter große Gebäude umfasst vier Yoga-Studios, eine Lobby sowie einen Umkleide- und Sanitärbereich. Die geschosshohe Verglasung sorgt für lichtdurchflutete Räume, was in diesen Breitengraden allerdings nicht ohne den großdimensionierten Einsatz einer Klimaanlage möglich ist.

Wir sind stolz darauf, in unseren Konstruktionen einen Anteil von 90 Prozent pflanzlicher und biologisch abbaubarer Materialien zu erreichen.

Enter Projects Asia, Architekturbüro

Bei der Wahl der Baustoffe geht EPA dafür sehr bewusst vor: „Im Gegensatz zu den Branchennormen setzen wir auf die Verwendung natürlicher Materialien aus der Region und sind stolz darauf, in unseren Konstruktionen einen Anteil von 90 Prozent pflanzlicher und biologisch abbaubarer Materialien zu erreichen.“

Vikasa Yoga, Enter Projects Asia, EPA, Bangkok
Ganz im Flow: Das organische Design ist der raumgewordene Flow des Körpers.
Vikasa Yoga, Enter Projects Asia, EPA, Bangkok
Die organische „Intervention“ hebt sich deutlich von den klaren Linien der Architektur ab.

Vikasa Yoga, Enter Projects Asia, EPA, Bangkok
Neben Rattan und thailändischem Hartholz finden sich auch Palmblätter und schwarzer Schiefer.

Organische Architektur

Mit ihren fließenden Freiformkonstruktionen knüpft das Design-Team an die Prinzipien der organischen Architektur an, zu deren Pionieren etwa Alvar Aalto, Antoni Gaudi und Frei Otto zählen. Unter dem Begriff sind mehrere Strömungen und Richtungen zusammengefasst, deren gemeinsames Ziel es ist, eine Form „organisch“ aus der Funktion heraus zu entwickeln und dabei biologische, soziale und psychologische Aspekte zu berücksichtigen.

Nicht zuletzt hat die Klimakrise und die davon losgetretene Entwicklung des ökologischen Bauens dazu beigetragen, dass die organische Architektur in jüngster Zeit an Bedeutung gewonnen hat. Galt die höhlenartige Casa Orgánica des mexikanischen Architekten Javier Senosiain in den 1980er-Jahren noch als das Werk eines Exzentrikers, so hat sich das Verständnis für biomorphe Formen in der Architektur seither gewandelt. 

Ein Narrativ, gewebt aus Schilf

Mittlerweile stehen auch beim ökologischen Bauen nicht mehr nur die erneuerbaren Materialien und der energieeffiziente Betrieb im Vordergrund, sondern auch die Schaffung von naturnahen Räumen nach dem Prinzip der Biophilie.

Vikasa Yoga, Enter Projects Asia, EPA, Bangkok
Statt fertige Design-Möbel heranzuschaffen, schufen die Architekten ein räumliches Narrativ.

Wie zahlreiche Studien belegen, profitiert der Mensch gesundheitlich, wenn er in seinem Umfeld Bezüge zur Natur herstellen kann. Sei es durch Naturbaustoffe wie Holz, Stroh und Lehm oder indem er Zugang zu Grünräumen hat.

Als die Vikasa-Niederlassung den Dezeen Interior Award in der Kategorie Leisure und Wellness verliehen bekam, schrieb die Jury in ihrer Bewertung: „Mit dem nachhaltigen Primärmaterial des handverarbeiteten Schilfs ein räumliches Narrativ zu weben ist clever und bedeutsam für den Kontext – sowohl der Region als auch des Programms.“

Text: Gertraud Gerst
Fotos: Ed Sumner

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