Sauber, das Wäschereiquartier!
In Kassel ist am ehemaligen Industriestandort rund um die Wäscherei Welscher hochwertiger, nachhaltig errichteter Wohnraum entstanden, nach den Entwürfen von Querkopf Architekten.
Ein Querdenker zu sein gilt als Prädikat dafür, dass man in der Lage ist, originelle Zugänge zu einem Thema und innovative Lösungen zu finden. Eben „out of the box“ zu denken, wie man heute „neudeutsch“ sagt. Bewusst quer zu denken, das ist etwas, was sich die beiden Gründer von Querkopf Architekten, Fionn Mögel und Wasfy Taha, auf die Fahnen heften. Das 2011 gegründete Büro besteht aus einem jungen Team mit Visionen, das aber immer seine Zielsetzung, „so nah wie nur möglich an der Vision und dem Entwurf zu realisieren“, nicht aus den Augen verliert.
Versteckt hinter den Blockrändern des Kasseler „Vorderen Westens“, eines Quartiers aus dem späten 19. Jahrhundert, lag über Jahrzehnte ein nahezu vergessenes Industrieareal: Die ehemalige Wäscherei Welscher. Lange war es ein verschlossener Ort, abgeschirmt durch nachträglich errichtete Anbauten, Werkstattschuppen und versiegelte Flächen. Und jetzt wurde das Welscher-Areal gleichsam aus dem Dornröschenschlaf geweckt. Oder profan ausgedrückt, haben die Experten bei Querkopf hier eine regionale Bauwende eingeläutet. Dafür wurde das Projekt 2025 mit dem Heinze ArchitekturAward ausgezeichnet.
Freilegen statt Überformen
Die Umsetzung des Welscher-Projektes verschränkt Denkmalschutz und nachhaltige Entwicklung mit zeitgenössischem Wohnen. Ausgangspunkt des Entwurfs war nicht das Hinzufügen neuer Volumen, sondern das präzise Herausarbeiten der vorhandenen Qualitäten. Die über Jahrzehnte gewachsenen, jedoch strukturell diffusen Ergänzungen wurden konsequent zurückgebaut. Dieser selektive Rückbau stellte die ursprüngliche Typologie der drei denkmalgeschützten Backsteinbauten wieder her.
Gleichzeitig öffnete sich das Areal: Es entstanden rund 1.400 Quadratmeter neue Hoffläche, begleitet von der Entsiegelung von etwa 1.100 Quadratmetern Boden. Diese Maßnahme ist weit mehr als ein gestalterischer Eingriff – sie markiert einen wesentlichen ökologischen Ansatz. In einer Zeit, in der innerstädtische Flächen zunehmend verdichtet werden, zeigt das Projekt, dass qualitative Freiräume nicht im Widerspruch zur Nachverdichtung stehen müssen. Die Bruttogeschossfläche wurde von ursprünglich 2.200 auf rund 6.000 Quadratmeter nahezu verdreifacht, ohne die Grundfläche zu erweitern.
Bestand als Ressource
Im Zentrum des Quartiers steht der sogenannte „Riegel“, das ist das ehemalige Hauptgebäude der Wäscherei. Der Umgang mit seiner Substanz verdeutlicht die Haltung der Architekten bei Querkopf: Etwa 40 Prozent der historischen Ziegelfassade wurden rekonstruiert. Dabei wurden rund 15.000 neu gefertigte Steine bewusst so bearbeitet, dass sie sich in Farbigkeit und Textur in den Bestand einfügen. So entsteht kein museales Abbild, sondern eine lebendige, weitergeschriebene Materialgeschichte.
Auch die Aufstockung um eineinhalb Geschosse folgte der klaren Logik der architektonischen Biografie: Sie übernimmt die Proportionen des Bestands, bleibt jedoch als zeitgenössische Schicht eindeutig ablesbar. Die Wahl von Cortenstahl ist dabei mehr als ein ästhetisches Statement. Mit seiner warmen, rostigen Patina tritt das Material in einen dialogischen Bezug zum Backstein. Alt und Neu werden so nicht verschmolzen, sondern als gleichwertige Zeitschichten erfahrbar gemacht.
Im Inneren entstehen Räume von bemerkenswerter Großzügigkeit. Deckenhöhen von bis zu fünf Metern und vertikale Fensterbänder, die bis in die Dachflächen reichen, sorgen für eine intensive Durchlichtung. Gleichzeitig bleibt die industrielle Vergangenheit präsent: Sichtbare Stahlträger, historische Strukturen und der erhaltene Schornstein wirken als identitätsstiftende Elemente.
Neue Bausteine im Kontext
Ergänzt wird das Ensemble durch differenzierte neue Bausteine. Der sechsgeschossige Neubau an der Dörnbergstraße fungiert als städtebauliches Entrée und schließt erstmals die Blockrandstruktur. Seine vorgehängte, hinterlüftete Cortenstahlfassade zieht sich konsequent über Wand und Dach. Dies verleiht dem Baukörper eine skulpturale Prägnanz. Ein feines Raster aus vertikalen Paneelen und schlanken Fensterformaten strukturiert die Fassade. Die industrielle Referenz bleibt sichtbar, gleichzeitig entsteht urbane Eleganz, was dem Stadtteil des Vorderen Westens, seit jeher ein Ort des „gehobenen Wohnens“, zur Ehre gereicht.
Auch die kleineren Bestandsgebäude wurden sensibel transformiert. Das ehemalige Lagerhaus – später als Musikstudio genutzt – bewahrt seine rohe Dachstruktur. Diese wird mit kongruenten Elementen kombiniert, wie industriellen Stahltüren und reduzierten Oberflächen. Die Produktionshalle wiederum erhält eine eigenständige Identität innerhalb des Ensembles: Einerseits durch die restaurierte Stahlpergola. Und andererseits durch die helle Besenstrichfassade – dies ist eine dekorative Putztechnik, bei der der frische Fassadenputz mit einem Besen bearbeitet wird und so entstehen feine Linien, die der Oberfläche eine lebendige, handgemachte Textur verleihen.
Ganzheitlich gedacht und umgesetzt
Besonders bemerkenswert ist die Konsequenz, mit der Nachhaltigkeit im Wäschereiquartier als ganzheitliches Prinzip umgesetzt wurde. Dabei geht es nicht nur um technische Standards, sondern um ein vielschichtiges Zusammenspiel aus Ressourcenschonung, Energieeffizienz und sozialer Qualität.
Der Erhalt der historischen Gebäude spart natürlich graue Energie. Aber er bewahrt auch kulturelle Identität. Ergänzend dazu sorgt die kompakte Bauweise für ein günstige Relation Oberfläche zu Volumen, das sogenannte A/V-Verhältnis. Daher minimieren sich Wärmeverluste.
Das Quartier erreicht den KfW-55-Standard, was nach dem Gebäudeenergiegesetz (GEG) bedeutet, dass es 55 Prozent der Primärenergie eines vergleichbaren Neubaus verbraucht. Oder andersherum: Es verbraucht 45 Prozent weniger Energie als der Standardneubau. Und es wird über Fernwärme versorgt – eine im urbanen Kontext effiziente und vergleichsweise emissionsarme Lösung.
Nachhaltiges Wassermanagement
Die Dachflächen sind extensiv begrünt, das bedeutet, es handelt sich um naturnah angelegte, pflegeleichte Begrünungen, die sich weitgehend selbst erhalten und weiterentwickeln, mit Kräutern, Gräsern und Moosen. Die Bepflanzung leistet einen wichtigen Beitrag zum sommerlichen Wärmeschutz sowie zur Retention von Niederschlagswasser. Diese Strategie setzt sich auf dem Boden fort: Entsiegelte Flächen, private Gärten, Obstbäume und Wildblumenwiesen fördern die Biodiversität und verbessern das Mikroklima. Regenwasser kann vor Ort versickern, wodurch die Kanalisation entlastet wird.
Auch die Mobilitätsstrategie ist zukunftsorientiert gedacht. Neben einer Tiefgarage mit Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge wurden großzügige Abstellflächen für Fahrräder und Kinderwagen integriert. Barrierefreie Erschließung und klar strukturierte Außenräume unterstützen zudem eine inklusive und alltagstaugliche Nutzung.
Vorteilhafte Doppelrolle
Das Wäschereiquartier ist mehr als ein gelungenes Wohnprojekt – es ist Ausdruck einer Haltung. Querkopf Architekten agierten beim Wäschereiquartier nicht nur als Planer, sondern auch als Entwickler und damit als verantwortliche Akteure im gesamten Prozess. Die Geschichte der innerstädtischen Industriebrache hat das junge Büro als Ausgangspunkt einer architektonischen Erzählung genommen, die Vergangenheit und Zukunft miteinander verschränkt. Das Projekt wurde Ende 2025 fertiggestellt, erste Einheiten sind inzwischen bezogen.
Text: Linda Benkö
Fotos: Liquid Photography







