Eigentlich stellt der japanische Star-Architekt Kengo Kuma bloß gigantische Bauten in die urbane Welt. Ausgerechnet in Deutschland hat er nun aber ein kleines und richtig feines Meditationshaus errichtet. Mitten im tiefsten Märchenwald.

 

Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Eine Redewendung, die derzeit im bayerischen Krün eine ganz besondere Bedeutung bekommt. Und dies liegt an einem nun fertiggestellten Bauprojekt, das in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich ist: Ein Meditationshaus. Mitten im Wald. Errichtet von einem weltweit gefragten Stararchitekten – von Kengo Kuma.

Ein Weltstar im Wald

Deshalb fangen wir die Erzählung dieser Geschichte am besten auch bei dem 65-jährigen Weltstar an, der das „Victoria & Albert Museum“ in der schottischen Hafenstadt Dundee genau so entworfen hat, wie das gerade im Bau befindliche Olympiastadion in Tokio.

 

 

Star-Architekt Kengo Kuma
Stararchitekt Kengo Kuma

 

Somit ist auch gleich klar: Kengo Kuma hatte bis vor wenigen Monaten noch nie etwas vom dann doch eher kleinen Bayern gehört. Und er hätte wohl auch niemals von dieser „Provinz“ in Deutschland erfahren, hätte ihn nicht der Ruf des dort besonders dichten, weiten und naturbelassenen Waldes im wahrsten Wortsinne erreicht. In Form eines Briefes, nämlich. Einen solchen ließ der bayerische Hotelier Jakob Edinger eigens auf japanisch verfassen, um Herrn Kengo Kumas Neugierde für seine Idee eines Meditationshauses im Wald zu wecken.

Wald-Gespräche

Eine erfolgreiche Methode, um den Japaner direkt in den Wald zu locken – wenig später stand der Star-Architekt tatsächlich vor dem findigen Hotelbesitzer. Er wollte sich den im Brief erwähnten „Kraftort im Wald“ ansehen. Edinger erinnert sich: „Er hat sich hingesetzt. In den Himmel geschaut. Auf die Bäume geschaut. Auf den Boden geschaut. Er hat mir dann erklärt, dass er auf die Stimme des Bodens hört.“ Also in gewisser Weise eben auf die Stimme des Waldes. Diese hat am Ende offensichtlich eben „Ja“ gesagt. Und Kuma fing an, das nun fertiggestellte Meditationshaus an einem „Platz absoluter Ruhe“, wie er später erklärte, zu planen.

Das Gebäude sollte mit dem magischen Wald verschmelzen. Eins werden. Eine schwierige Übung, die meisterlich gelungen scheint.

 

Herausgekommen ist ein Konzept, das Kuma selbst so beschreibt: „ Der Wald an sich ist so schön! Wir wollten also, dass sich der Wald im Haus fortsetzt zu reproduzieren.“ Somit lag auf der Hand, dass die 1.550 Holzplanken, aus denen das Objekt großteils besteht, aus dem im Wald vorhanden Holz gezimmert würden. „Daher besteht das Haus ausschließlich aus Weißtannen“, so Kuma. Nachsatz: „Ein bewusster Umgang mit jedem Detail ist wichtig, um am Ende die Schönheit von naturbelassenem Holz auch wirklich spüren zu können.“ Ein besonders wesentlicher Aspekt, soll das Gebäude doch zum Besinnen, zum Meditieren einladen.

Was die Seele heilt

Die Übung scheint gelungen: Die Besucher erleben heute auf den 160 Quadratmetern des ungewöhnliche Pavillons eine besondere Stimmung, die vor allem durch die gigantischen Glasflächen, die von Holzbalken umrahmt werden, generiert wird: „Man fühlt sich wie im Herzen des Märchenwaldes“, schrieb eine deutsche Journalistin kurz nach der Eröffnung. Und Edinger selbst fügt bloß an: „Die Natur heilt die Seele“, deshalb habe er dieses Haus eben errichten wollen.

Wenn der Wald ruft

Das Holzhaus von außen

Wenn der Wald ruft

Meditation im Wald

 

Allerdings wohl auch, um gemeinsam mit Kuma ein Statement zu setzen. Sie beide eint nämlich nicht nur das Interesse an Meditation und Besinnlichkeit, sondern vor allem am Rohstoff Holz: „Holz ist das Schlüsselmaterial des 21. Jahrhunderts“, sind sich die zwei einig. Es sei das beste Material, um Stress abzustreifen und der Ruhe Platz zu machen.

Pferde statt Baumaschinen

Wohl auch deshalb wurden schwere Maschinen vermieden. Die schweren Baumstämme wurden von Pferden zum Bauplatz im Wald gezogen. Bei der Realisierung hauptverantwortlich war übrigens mit dem „Studio LOis“ aus Innsbruck ein österreichisches Architektur-Büro. „Das Erscheinen des Gebäudes mitten im Wald ist ein leiser, dezenter Auftritt und die neue Form der Tannenbretter wird im Laufe der Zeit durch Patina wieder die Verwandschaft mit ihrer Nachbarschaft zeigen“, erläutert LOis-Chefin Barbara Poberschnigg auf ihrer Website.

Inzwischen wird das Objekt von den Hotelgästen des „Das Kranzbach“ nicht bloß genutzt, sondern förmlich geliebt, wie Edinger bestont. Täglich ereilt seine Gäste der Ruf aus dem Wald – und sie folgen ihm genau so, wie es der japanische Stararchitekt vor wenigen Monaten getan hat: Mit Neugierde und Begeisterung.

Text: Johannes Stühlinger
Fotos: Wikipedia; Das Kranzbach/Anneliese Kompatscher; Wood/Pile – Erieta Attali; Studio Lois

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