Wohnen Hoch Drei, Baugruppenprojekt, Holzbau, Limbrock Tubbesing Architekten, Hamburg
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Die dritte Dimension des Wohnens

Baugruppenprojekte treiben nachhaltige Innovationen voran und stärken vor allem die dritte Säule der heutigen Wohnansprüche: das nachbarschaftliche Miteinander. Ein Vorzeigebeispiel ist das Mehrgenerationen-Projekt Wohnen Hoch Drei in Hamburg.

Jeder Zweite fühlt sich in seiner Wohnqualität durch den Klimawandel beeinträchtigt, so eine Studie aus dem Jahr 2020. Extremwetterereignisse wie Hitzewellen und Überschwemmungen haben seither noch deutlich zugenommen. Wer die Klimakrise am eigenen Leib spürt, legt bei der Wohnungssuche besonderen Wert darauf, dass eine Immobilie nachhaltig ist. Und das sowohl in seiner Bauweise, als auch im täglichen Betrieb. Hinzu kommt der Energiekostenanstieg der letzten Jahre, der viele Haushalte belastet, und so auch vonseiten der Endverbraucher die Erneuerbaren vorantreibt. Eine Studie der Wohnungswirtschaft Deutschland von 2023 hat zudem ein weithin verstecktes Problem in unserer Gesellschaft sichtbar gemacht. 

Wohnen Hoch Drei, Baugruppenprojekt, Holzbau, Limbrock Tubbesing Architekten, Hamburg
Gegen die Einsamkeit: Die Architekten von Limbrock Tubbesing haben ein feinmaschiges Netz aus sozialen Interaktionsräumen geschaffen.

Demnach leiden 44 Prozent der Mieterinnen und Mieter viel oder zumindest teilweise an Einsamkeit. Gut die Hälfte der Befragten fühlt sich nicht sozial integriert. Ein Problem, für das die Architektur viele Lösungen bereit hält. Indem man etwa bei der Planung von Wohngebäuden Gemeinschaftsräume, kommunikative Außenbereiche und niederschwellige Angebote zur Selbstorganisation von Anfang an mitdenkt. 

Die ideale Wohnwelt in Eigenregie

Der Grund, warum vor allem Baugruppenprojekte meist so kompromisslos nachhaltig sind, lässt sich einfach erklären. Hier treffen sich Gleichgesinnte und schaffen sich eine ideale Wohnwelt, die ökonomisch, sozial und ökologisch genau ihren Vorstellungen entspricht. 

Wohnen Hoch Drei, Baugruppenprojekt, Holzbau, Limbrock Tubbesing Architekten, Hamburg
Das vorgelagerte Holzregal bildet den Erschließungsbereich und schafft zugleich Raum für tägliche Begegnungen.
Wohnen Hoch Drei, Baugruppenprojekt, Holzbau, Limbrock Tubbesing Architekten, Hamburg
Die Konstruktion lässt sich im Inneren an den sichtbar belassenen Holzoberflächen ablesen.

Genau so war es auch beim kleingenossenschaftlichen Bauvorhaben Wohnen Hoch Drei in Hamburg-Marmstorf. „Uns verbindet der Wunsch nach einem Leben in Gemeinschaft, das sowohl naturnah ist, als auch die Vorteile der Stadt bietet. Das haben wir in unserem Wohnprojekt verwirklicht“, heißt es vonseiten der Baugruppe.

Uns verbindet der Wunsch nach einem Leben in Gemeinschaft, das sowohl naturnah ist, als auch die Vorteile der Stadt bietet.

Wohnen Hoch Drei, genossenschaftliche Baugruppe

Die Architekten von Limbrock Tubbesing haben für die Baugemeinschaft, die sich aus Familien, Singles und Paaren aller Altersstufen zusammensetzt, zwei dreigeschossige Wohngebäude errichtet. Schon allein wegen seiner Maßstäblichkeit könnte man bei dem Projekt mit 24 Wohneinheiten nicht von einem anonymen Wohnsilo sprechen. Doch der größte Unterschied dazu besteht im feinmaschigen Netz aus sozialen Interaktionsräumen, das das Architektenteam gesponnen hat.

Aller guten Dinge sind drei

Der Name des Projekts, Wohnen Hoch Drei, ist programmatisch. Er steht nicht nur für die drei Geschosse der beiden L-förmigen Baukörper, sondern vor allem für die drei Kernelemente, die das Leben hier bestimmen: Ökonomie, Ökologie und Sozialität. 

Wohnen Hoch Drei, Baugruppenprojekt, Holzbau, Limbrock Tubbesing Architekten, Hamburg
Für die Baugemeinschaft – Familien, Singles und Paare aller Altersstufen – sind 24 Wohneinheiten in zwei dreigeschossigen Baukörpern entstanden.

Bei dieser Art von Wohnraumschaffung geht es den Teilnehmern einerseits um die Leistbarkeit der eigenen vier Wände, die – und hier liegt einer der Nachteile verborgen – meist mit sehr viel Eigenleistung und Selbstverantwortung einher geht. Andererseits geht es aber auch um Atmosphäre, um Gemeinschaft und um eine gebaute Verantwortung gegenüber der Umwelt.

Holz trifft Ziegel

Den ökologischen Anspruch beantwortet das Projekt einerseits in seiner Materialität: mit dem nachwachsenden Naturbaustoff Holz. Bei den Wohngebäuden handelt es sich um konstruktive Holzbauten, wobei tragende Wände und Decken aus Brettsperrholz bestehen. Dieses sichtbare natürliche Konstruktionsmaterial erzeugt im Inneren Wärme und Behaglichkeit.

Wohnen Hoch Drei, Baugruppenprojekt, Holzbau, Limbrock Tubbesing Architekten, Hamburg
Die moderne Holzarchitektur knüpft elegant an den lokalen städtischen Kontext an. 

Die moderne Holzarchitektur knüpft dabei elegant an den lokalen städtischen Kontext an. Während die gartenseitige Fassade mit vertikalen Lärchenholzverschalungen verkleidet ist, folgt sie straßenseitig dem quartiergemäßen Stadtbild. 

Die Nordfassade erhielt einen rötlichen Ziegel in Holzschindelform, der die Materialität und Farbigkeit der benachbarten Klinkerbauten aufgreift.

Limbrock Tubbesing Architekten

„Die Nordfassade erhielt einen rötlichen Ziegel in Holzschindelform, der die Materialität und Farbigkeit der benachbarten Klinkerbauten aufgreift“, so die Architekten. Damit fügt sich das Ensemble in die urbane Matrix ein und verweist dennoch in subtiler Weise auf den Stoff, aus dem es gebaut ist. 

Die DNA der Gemeinschaft

Der gemeinschaftliche Anspruch von Wohnen Hoch Drei spiegelt sich im Raumprogramm wider. Schon in der Planung hat man Co-Working-Bereiche, Werkstätten und einen großen Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss angelegt. Man kocht, schaut Filme, gärtnert und arbeitet zusammen. Begegnungen auf alltäglicher Basis finden aber auch in den Laubengängen statt, die die beiden Baukörper miteinander verbinden. 

Wohnen Hoch Drei, Baugruppenprojekt, Holzbau, Limbrock Tubbesing Architekten, Hamburg
An den Ecken treffen Holz- und Ziegelfassade aufeinander.

Diese vorgelagerten Holzregale sind keine reinen Erschließungswege, sondern nachbarschaftliche Treffpunkte. Sie erweitern die Wohnungen in den Außenraum und fördern die zufällige Begegnung und den Austausch der Bewohner. Durch die L-förmige Anordnung der Häuser selbst entsteht ein geschützter Hofbereich, der als grüne Gemeinschaftsfläche dient. Hier steht nicht der parzellierte, am besten noch von uneinsehbaren Hecken befriedete Privatgarten im Vordergrund, sondern das kollektive Erleben des Grünraums.

Das Mehrgenerationenprojekt entert damit die dritte Dimension des Bauens, die sich nicht über die Anzahl der Quadratmeter definiert. All diese architektonischen Interventionen verknüpfen das Gebäude zu einer eingeschweißten Nachbarschaft und bilden die Basis einer gelebten Gemeinschaft. Die Räume des Alltags werden so zu einem gut geölten sozialen Scharnier. Denn nur im täglichen Umgang miteinander manifestiert sich jene soziale Integration, die in unserer Gesellschaft heute so rar geworden ist.

Text: Gertraud Gerst
Fotos: Jakob Boerner

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