Žofinka
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Neues Quartier auf Stahl und Schlacke

Ein Konsortium rund um ADEPT Architects will in Ostrava eine Industriebrache in das lebendige Stadtviertel Žofinka verwandeln. 20 Hektar, 20 Jahre später: Dann wird das postindustrielle Gelände zum urbanen, nachhaltigen und sozial interagierenden Quartier mutiert sein.

Ostrava ist seit Jahrzehnten Synonym für Kohle, Stahl und den rauen Atem und Rhythmus der Industrie. Die drittgrößte Stadt in Tschechien ist das Verwaltungszentrum der mährisch-schlesischen Region. Sie liegt ganz nah zu Polen und nur rund 50 Kilometer nordnordwestlich der Grenze zur Slowakei.

Doch nun steht die ehemalige Stahlstadt vor einem tiefgreifenden Wandel. Wo einst die Schlackehalden der örtlichen Eisenhütte dampften, soll in den kommenden Jahren ein neuer Stadtteil entstehen: Žofinka. Das Projekt gilt als eine der ambitioniertesten Stadtentwicklungen Tschechiens. Hinter dem Projekt steht die Pod Žofinkou Holding. Unter der Federführung des dänischen Architekturbüros ADEPT will man zeigen, wie aus einem postindustriellen Gelände ein urbanes, ökologisch sensibles und sozial integriertes Viertel werden kann.

Eine Stadt heilt ihre Wunden

Obwohl es derzeit wenig ansprechend ist, liegt das 20 Hektar große Areal nur wenige Minuten vom Stadtzentrum entfernt. Es ist eingebettet zwischen dem Fluss Ostravice und dem Gebiet Dolní Vítkovice – einem der eindrucksvollsten Zeugnisse der Industriekultur Europas. Die 1873 gegründete Witkowitzer Bergbau- und Hüttengewerkschaft war das größte Hüttenwerk der Habsburger Monarchie. Um 1900 besaß sie eine Kokerei, Hochöfen, Stahlhütten, Maschinenfabrik plus Gießerei, Kesselschmiede, Walzhütten, Gußstahl- und Panzerplattenfabrik, Ziegelei, Kalkbrennerei, eigenes Gas- und Elektrizitätswerk.

Das nationale Industriedenkmal Tschechiens: das Gebiet Unter-Witkowitz.

Die letzten Jahrzehnte lang war hier nichts als graue Schlacke und verwildertes Gelände zu sehen. Doch nun steht dieser Ort vor dem von der lokalen Bevölkerung lang ersehnten Übergang: Von der Schwerindustrie zur nachhaltigen Stadtgesellschaft.

Die Pod Žofinkou Holding hat zuvor gemeinsam mit der Stadt Ostrava einen internationalen Architekturwettbewerb ausgelobt. Und von 29 eingereichten Entwürfen wurden sieben in die erste Runde und drei in die zweite Runde gewählt. Am Ende setzte sich ADEPT durch – gemeinsam mit tschechischen Partnern wie ohboi, atelier.tečka, VEN.KU architekti, Vectura Pardubice und dem internationalen Consulting- und Engineeringunternehmen AFRY.

Ausschlaggebend war der starke Fokus auf hochwertige öffentliche Räume, die Vielzahl an Wohnungstypologien und ergänzenden Nutzungen. Für Unternehmer und Investor Tomáš Laštovka seien die „außergewöhnliche Flexibilität“ des dänischen Teams und dessen Fähigkeit, „städtisches Leben mit der natürlichen Umgebung zu verbinden“ die entscheidenden Faktoren gewesen.

Neuer Stadtteil in drei Kapiteln

Der Masterplan gliedert Žofinka in drei thematische Teilbereiche: „Living Žofinka“, „Connected Žofinka“ und „Colorful Žofinka“. Living Žofinka bildet das grüne Herz des neuen Viertels – mit Parks, Plätzen und einer Schule als sozialem Zentrum. Connected Žofinka umfasst naheliegenderweise die grundlegende Infrastruktur – von Straßen über Radwege bis zu den Brücken über die Ostravice. Und Colorful Žofinka schließlich bringt die Wohnvielfalt ins Spiel: Einheiten mit unterschiedlichen Größen, ergänzt durch Geschäfte, Büros und gastronomische Angebote.

Der neue Stadtteil Ostravas, Žofinka
Daraus lässt sich vieles machen: Industriebrache mit bevorzugter Lage an der Ostravice.

Žofinka
Bis 2045 soll hier ein belebtes Viertel mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Wohntypologien entstehen.

Diese Gliederung erlaubt es, die Entwicklung schrittweise über rund 20 Jahre zu realisieren, ohne den ganzheitlichen Charakter des Quartiers zu verlieren. Die erste Bauphase mit rund 300 bis 340 Wohnungen und der zentralen Infrastruktur soll 2026 beginnen.

Auf Fußgänger und Radfahrer zugeschnitten

Das neue Quartier wird keinesfalls autogerecht, wiewohl sich ADEPT bewusst an der Struktur traditioneller europäischer Städte orientiert. „Wohnblöcke mit begrünten Innenhöfen definieren Plätze, Straßen und Durchgänge klar – und schaffen so einen Stadtteil, die auf Fußgänger und Radfahrer zugeschnitten ist.“

Der Stadtblock soll von einem dichten Netz aus kurzen Wegen, Nachbarschaften und gemeinschaftlichen Räumen gekennzeichnet sein. Die Gebäudehöhen staffeln sich vom Zentrum zur Ostravice hin ab, sodass Sichtachsen erhalten bleiben und die Gesamtkomposition „luftig“ erscheint. Im Inneren der Blöcke entstehen halböffentliche Höfe, Sozialräume mit Spielplätzen und Begegnungszonen. Auch kann dort Regenwasser versickern.

Verwurzelte, neue Identität

Den industriellen Charakter des Ortes will man aber weder leugnen, noch übertünchen. Die Entwürfe von ADEPT verraten, dass Materialität, Farbgebung und Maßstab weiter an die robuste Vergangenheit der Stadt erinnern werden – ohne sie zu glorifizieren. Die Idee ist, dass sich statt nostalgischer Rückschau eine neue, verwurzelte, selbstbewusste Urbanität durchsetzt. Dabei prägt das Leitmotiv, Stadt und Natur miteinander zu verbinden, den Entwurf auf allen Ebenen – von der Landschaftsarchitektur bis zur Energieplanung.

Žofinka
Žofinka: Bekenntnis zur Autofreiheit.

Die Ostravice, der bislang wenig beachtete Fluss, wird zur Lebensader des neuen Viertels. Uferpromenaden, Stege und bepflanzte Terrassen sollen das Wasser erlebbar machen und zugleich als Retentionsflächen dienen. Gründächer, Versickerungsflächen und Mikroklimazonen schaffen natürliche Kühlung – ein wichtiger Aspekt in Zeiten steigender Temperaturen.

Stadt und Natur als Partner

Das ökologische Konzept folgt den ESG-Prinzipien (Environment, Social, Governance). Chefingenieur Petr Zeman von AFRY beschreibt die Ideen: „Wir entwerfen energieeffiziente Gebäude mit geringem CO₂-Fußabdruck, nutzen passive Solargewinne, grüne Rückhaltesysteme und fördern Biodiversität. Wasser und Vegetation sind integraler Bestandteil des öffentlichen Raums.“ So entstehe ein lebendiger, atmender Stadtteil – resilient gegenüber Klimarisiken und gleichzeitig sozial durchmischt.

Die öffentlichen Räume versteht ADEPT als „soziale Bühne“ für das alltägliche Leben. Es sollen überall Orte der Begegnung, Bewegung und Teilhabe entstehen. Ein Netzwerk aus Straßen, Plätzen, Innenhöfen und Grünzonen schafft eine fein austarierte Balance zwischen Dichte und Offenheit. Im Zentrum des Viertels liegt eine neue öffentliche Schule mit Sporthalle und Freizeiträumen, umgeben von großzügigen Grünflächen. Geht es nach den Planern, soll der Bereich dennoch alle Generationen zusammenbringen.

Partizipation wird groß geschrieben

Das Architektenteam legt großen Wert auf Partizipation. Schon während des Wettbewerbsprozesses konnten Bürgerinnen und Bürger ihre Ideen und Bedenken einbringen. „Die Meinung der Menschen gehört zu den entscheidenden Faktoren, die wir immer berücksichtigen“, betont ADEPT-Mitgründer Martin Laursen in tschechischen Medien. Diese Offenheit spiegelt sich im Entwurf wider: flexible Erdgeschosszonen, nutzbare Dachflächen, gemeinschaftliche Gärten – ein städtebauliches Konzept, das Raum lässt für die Bedürfnisse zukünftiger Nutzer und Bewohnerinnen.

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ADEPT zeigt exemplarisch, wie postindustrielle Städte ihre Brachen in Chancen verwandeln können. …

Žofinka
… Nicht durch „tabula rasa“, sondern durch Weitererzählen der Geschichte.

Žofinka ist Teil eines größeren Ganzen. Nur wenige Kilometer entfernt entsteht mit den Ostrava Towers, ebenfalls von ADEPT entworfen, ein neues Hochhaus-Ensemble im Stadtzentrum. Der von der Torax Gruppe vorangetriebene Komplex umfasst Apartments, Offices, ein Hotel mit Spa-Bereich sowie Gastronomie.

Beide Projekte verbindet das gemeinsame Ziel: den urbanen Charakter der Stadt zu stärken. Bürgermeister Jan Dohnal hofft, dass mit den Projekten, insbesondere der Aussicht auf modernes, nachhaltiges Wohnen, neue Bewohner angelockt werden. Das Interesse am Leben in Ostrava dürfte damit tatsächlich geweckt werden.

Labor für nachhaltige Stadtentwicklung

Was Žofinka daneben besonders macht, ist seine prozesshafte Qualität. Der Masterplan ist nicht als starres Regelwerk gedacht. Das System soll immer adaptiv bleiben. Man will auf neue Bedürfnisse von Stakeholdern reagieren. Etablierte Governance-Mechanismen sollen sicherstellen, dass fortlaufend Innovation berücksichtigt wird, etwa bei neuen Mobilitätsformen, Energiequellen oder Baumaterialien.

ADEPTs Entwurf demonstriert damit den Wert ganzheitlichen Denkens in der Stadtplanung: Die Integration von Landschaft, Mobilität, Wohnen und kulturellem Erbe – und das noch dazu adaptiv – schafft ein robustes, zukunftsfähiges Stadtgefüge.

Der Bau der ersten Phase soll im Herbst 2026 beginnen, die vollständige Fertigstellung ist bis 2045 vorgesehen. Dann könnte Žofinka nicht nur ein neues Kapitel in der Geschichte Ostravas markieren, sondern auch ein Vorbild für andere Städte in ganz Europa sein – für den behutsamen, aber entschlossenen Übergang von der industriellen zur nachhaltigen Ära.

Text: Linda Benkö
Renderings/Foto: ADEPT + Doug & Wolf / svitani

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