Digital Craft, Architektur, Arthur Mamou-Mani
#architektur
Der Herr der Algorithmen

Algorithmen sind die DNA der neuen Architektur. Was in der Disziplin Digital Craft alles möglich ist, zeigt Shooting-Star Arthur Mamou-Mani. Gemeinsam mit seinem Londoner Architekur-Büro sprengt er immer wieder die Grenzen des Machbaren.

 

Was vor wenigen Jahren noch Zukunftsmusik war, ist jetzt Realität. Der 3D-Drucker und die mit der Demokratisierung der Technologie einhergehende Maker-Bewegung haben den Heimanwender zum Hersteller von Spielzeugen, Schmuck und Ersatzteilen gemacht. Für Architekten und Designer hat sich das Rapid Prototyping zur schnellen und kostengünstigen Erstellung von Modellen längst etabliert. Durch die Weiterentwicklung der Geräte werden jetzt raumfüllende Installationen, Pavillons und demnächst ganze Gebäude via digitaler Schnittstelle ausgedruckt. Arthur Mamou-Mani mischt als Whiz Kid dieser neuen Pop-up-Architektur ganz vorne mit.

Overcast, Mamou-Mani, Architektur, 3D-Druck, Algorithmus
Eine Deckeninstallation im Londoner V&A Museum bestand aus 3D-gedruckten Wölkchen.

Cloud Capsule, Mamou-Mani, 3D-Druck, parametrisches Modell
Wie organische Struktur unter einem Mikroskop: die Oberfläche der Cloud Capsule, eines 3D-gedruckten parametrischen Modells.

Der Architekt ist somit Designer und Maker in einem.

Architekt Arthur Mamou-Mani

 

Der gebürtige Franzose steht für einen neuen Ansatz in der Architektur, wonach der Architekt mehr ist als Denker und Konzeptionist. Mamou-Mani baut eigene Fertigungsroboter und programmiert Algorithmen, die es ihm erlauben, mit dem Roboter in Dialog zu treten. „Dieser Dialog schafft eine direkte Verbindung vom Design zum Bau: Der Architekt ist somit Designer und Maker in einem“, sagt Mamou-Mani. Gemeinsam mit seinem interdiziplinären Design- und Architekturbüro Mamou-Mani Ltd, das er 2011 in London gründete, schafft er Bauten und Installationen, deren Formen dem Wachstum in der Natur nachempfunden sind und über eine Open-Source-Software generiert werden. Das parametrische Design entsteht durch einen algorithmischen Prozess, der die bautechnische Kalkulation übernimmt und einen optimalen Materialeinsatz sicherstellt.

The Polibot at The Soan, Fertigungsroboter, Mamou-Mani
Mamou-Manis Seilroboter Polibot war Teil einer Installation im Londoner Sir John Soane’s Museum und zeigte die Vision eines Städtebaus der Zukunft.

3-dimenstionale Mandalas für die Wüste

„Bauen ist ein Ausdruck der persönlichen Freiheit“ und Architektur demnach für alle da, postuliert Mamou-Mani und zeigt in seiner Arbeit, wie ernst er es damit meint. Während andere Architekten ihre Pläne im Safe verstauen, setzt der Architektur-Professor der University of Westminster auf den Open-Source-Gedanken und Empowerment seiner Studenten. Über die Plattform WeWantToLearn.net werden Projekte geplant und via Crowdfunding finanziert.

Für das experimentelle Kunstspektakel Burning Man schraubten die Studenten mithilfe gewöhnlicher Akkubohrer einen sieben Meter hohen Holzturm in die Salztonwüste von Nevada. Tangential Dreams, wie die algorithmisch designte Skulptur heißt, wurde 2017 mit dem renommierten Architizer A+ Award ausgezeichnet.

 

 

Die algorithmisch designte Holzskulptur Tangential Dreams wurde mit dem Architizer A+ Award ausgezeichnet.

In der Zukunft sollten Gebäude und Städte keine physischen Spuren hinterlassen.

Arthur Mamou-Mani

 

Im Jahr darauf beauftragten die Festival-Veranstalter Mamou-Mani als erstes nicht-amerikanisches Architekturbüro mit dem Bau der kolossalen Temple Galaxia. Die domgleiche Holzkonstruktion mit einem Durchmesser von 60 und einer Höhe von 20 Metern bestand aus gebündelten Dreieckselementen, die sich spiralförmig in den Himmel drehten und dabei ein gigantisches, dreidimensionales Mandala ergaben. Am Ende des achttägigen Wüstenspektakels ging das monumentale Bauwerk wie jedes Jahr in Flammen auf. Ein jähes Ende für ein derart durchdachtes Bauwerk, das aber der Philosophie des Architekten sehr entgegenkommt, wie er sagt: „In der Zukunft sollten Gebäude und Städte keine physischen Spuren hinterlassen. Sie sollten wachsen, sich anpassen und bei Bedarf sogar wieder verschwinden können.“

Temple Galaxia, Mamou Mani, Burning Man,
Die domgleiche Holzkonstruktion hatte einen Durchmesser von 60 und eine Höhe von 20 Meter.

Luftaufnahme, Temple Galaxia, Burning Man, Mamou Mani Ltd.
Nächtliche Drohnen-Aufnahme von der Temple Galaxia

Inszenierung für die Retail-Branche

Die digitale Pop-up-Architektur des 36-Jährigen steht auch bei den Big Players des Einzelhandels hoch im Kurs. Mit dem Aufstieg von E-Commerce-Giganten wie Amazon, Walmart und ebay ist es für Brands immer schwieriger geworden, den Kundenbedürfnissen in Richtung Online-Handel zu entsprechen und dabei weiterhin Interesse für die physischen Verkaufsstandorte zu wecken.

In einem Zeitalter, in dem die Nachfrage per Knopfdruck befriedigt werden kann, muss der Point of Sale mehr bieten als die bloße Präsentation des Produktes in einer werbefreundlichen Umgebung. Der Raum an sich rückt in den Fokus der Marketingstrategie und ruft Architekten wie Mamou-Mani auf den Plan, die eine Identität und Interaktivität schaffen, wie sie der Kunde im Online-Handel nicht findet.

Der erste Pavillon, der gänzlich aus dem 3D-Drucker kam, realisierte Mamou-Mani für das Xintiandi Shoppingzentrum in Shanghai, gedruckt wurde er direkt vor Ort. Auch das internationale Modehaus Karen Millen hat für sein Flagship-Store-Design den Visionär gekapert, der 2017 vom Royal Institute of British Architects (RIBA) zum Rising Star gekürt wurde.

3D-Printing Pop-up, Mamou-Mani, Shanghai
Während der Bauarbeiten im Xintiandi Shoppingzentrum in Shanghai: Der Pavillon wurde direkt vor Ort gedruckt.

Die nachhaltige Pop-up-Welt von morgen

Zuletzt setzte der Architekt den Auftritt des markant minimalistischen Modelabels COS auf dem diesjährigen Salone del Mobile (9.-14. April 2019) in Szene. Der 3D-gedruckte Pavillon führte Besucher durch den Innenhof des Palazzo Isimbardi und in die angrenzenden Gärten. Die großdimensionale Installation Conifera bestand aus rein biologischen Komponenten.

Das Bio-Plastik, das wir verwenden, ist zu 100 Prozent biologisch abbaubar.

Architekt Arthur Mamou-Mani

 

„Biologisch abbaubare Materialien sind das Kernstück dieses Projektes“, erklärte Mamou-Mani im Vorfeld. „Das Bio-Plastik, das wir verwenden, hat einen um 68 Prozent kleineren CO2-Fußabdruck als mineralöl-basierte Kunststoffe und ist zu 100 Prozent biologisch abbaubar.“

Mit dem Projekt, das er als große Case Study zur digitalen Fertigung sieht, zeichnete er einmal mehr seine Vision der Zukunft: Schon bald wird die temporäre Skulptur ihrer Kompostierung überlassen und keine Spuren auf diesem Planeten hinterlassen.

Text: Gertraud Gerst
Bilder: COS, Mark Cocksedge, Mamou-Mani Ltd, Jamen Percy

Conifera, Mamou-Mani, Salone del Mobile, COS, Milano
Die Installation Conifera von Mamou-Mani für COS ist zu 100 Prozent biologisch abbaubar.

COS Creative Direktor Karin Gustafsson mit Arthur Mamou-Mani vor der Installation Conifera
Karin Gustafsson, COS Creative Director, und Arthur Mamou-Mani vor der Installation Conifera.

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