Die Kaelte die aus der Ferne kommt
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Die Kälte, die aus der Ferne kommt

Weil wir bald gleich viel Kühlkraft wie Heizenergie benötigen werden, müssen energiesparende Lösungen her! Die vielversprechendste Variante: Fernkälte. In Wien rauchen diesbezüglich jedenfalls schon die Köpfe.

FERNKÄLTE
Fernkälte ist, analog zur Fernwärme, die Versorgung eines Verbrauchers mit Kälte über eine Fernrohrleitung. Wie bei der Fernwärme wird Wärmeenergie transportiert, jedoch in umgekehrter Richtung.

Experten sind sich einig: In 20 Jahren werden Hitzewellen und Tropennächte im Sommer an der Tagesordnung stehen. Das bedeutet: Wir werden in Europa ungefähr gleich viel Energie benötigen, um unsere Räume zu kühlen, wie im Winter, um sie zu beheizen.

Bedarf an Kühlung steigt

Kurz gesagt: Unsere Gas-, Strom- oder dann vielleicht gar Eiszähler werden buchstäblich heißlaufen. „Die Hitzetage werden bekanntermaßen immer mehr und der Bedarf an Kühlung steigt sehr rasch“, sagt Burkhard Hölzl, Fernkälte-Experte bei Wien Energie.

Er rechnet vor: Wenn es im Freien über 35 Grad hat, wird für die Klimatisierung von Bürokomplexen oder auch Krankenhäusern weit mehr Energie gebraucht als an normalen Tagen. Dann ist dreimal so viel Kühlleistung notwendig, als an Tagen, an denen das Thermometer bloß 25 Grad anzeigt.

Eine Entwicklung, der es entgegen zu wirken gilt. Und bei der Lösung eben dieses Problems scheint nun tatsächlich ein Wunderding unsere Welt ein bisschen kälter zu machen. Dieses heißt – recht unromantisch: Fernkälte. Eine Form der Kälteerzeugung, die um 50 Prozent weniger CO2 benötigt als herkömmliche Klimasysteme.

Wenn es im Freien über 35 Grad hat ist dreimal so viel Kühlleistung notwendig, als an Tagen, an denen das Thermometer bloß 25 Grad anzeigt.

Burkhard Hölzl, Fernkälte-Experte

 

Im Prinzip ist dieser „letzte Schrei“ der Klimatisierung vor allem für große Projekte gedacht und mit der längst bekannten Fernwärme vergleichbar, nur eben nicht warm. Es wird also kein warmes, sondern stattdessen kaltes Wasser von A nach B transportiert.

Moderne Technologie macht es außerdem möglich, dieselben Energiequellen für die Kühlung zu nutzen, die auch für die Erzeugung von Fernwärme verwendet werden. Industrielle Abwärme eignet sich besonders gut dafür, denn sie steht das ganze Jahr über relativ gleichmäßig zur Verfügung. Und außerhalb der Heizperiode besteht zwar weniger Bedarf nach Wärme, dafür aber jeden Menge an Kühlung.

So wird Müll richtig cool

Das bedeutet, dass zur Zeit des größten Klimatisierungsbedarfs auch die meiste ungenützte Wärme zur Verfügung steht. Müll wird im Sommer genauso wie im Winter verbrannt, selbst Kühlung in der Sommerhitze durch Sonnenwärme (Solarkühlung) klingt zwar komisch, funktioniert aber bereits.

Wärme, egal aus welcher Quelle, dient dabei als Antriebsenergie für sogenannte Absorptionskältemaschinen. Wie bei der Fernwärme werden die Objekte zentral versorgt. Isolierte Rohre transportieren das auf 6 Grad gekühlte Wasser zum Kunden, mit etwa 16 Grad fließt es zur neuerlichen Abkühlung wieder zurück. Und natürlich ist Fernkälte ebenso bequem, wartungsfrei, sicher und effektiv wie das warme Vorbild.

Fernkaelteanlage in Wien
Die Fernkältezentrale in Spittelau: Der Ort, aus dem schon jetzt CO2-sparende Coolness kommt.

Vorbildwirkung hat übrigens in diesem Bereich – Österreich. Wien Energie hat nämlich schon 2007 damit begonnen, in Wien ein Fernkältenetz aufzubauen. Damit ist Wien gemeinsam mit Paris oder Helsinki Vorreiter auf diesem Gebiet.

Aktuell ist das heimische Fernkältenetz mit seinen zwölf Kilometern Länge zwar noch relativ kurz, aber dafür schon jetzt ziemlich effektiv: Die 16 integrierten Fernkältezentralen verfügen über eine Leistung von 130 Megawatt. Das reicht, um zwei Millionen Quadratmeter Bürofläche zu klimatisieren oder entspricht der Kühlleistung von 1,3 Millionen handelsüblichen Kühlschränken.

Privathaushalte in der Warteschleife

Bisher wird dieses coole Kühlmittel allerdings ausschließlich von Großabnehmern und öffentlichen Einrichtungen genutzt. Dazu zählt unter anderen die Universität Wien oder das AKH. „Wir arbeiten aber intensiv daran, diese Technologie in Zukunft auch im Privatkundenbereich anzubieten“, sagt Wien-Energie-Geschäftsführer Michael Strebl.

Noch diesen Sommer sollen zukunftsweisende Pläne präsentiert werden. Jedenfalls sollen laut Strebl in den nächsten fünf Jahren insgesamt 65 Millionen Euro in den Ausbau der Fernkälte investiert werden. Und als erstes dürfen sich wohl die Bewohner des 1. Wiener Gemeindebezirks freuen: Für diesen soll die erste flächendeckende Versorgung mit Fernkälte angeboten werden können.

Bis es jedoch soweit ist, bleibt uns nichts anderes übrig, als trotz Hitze einen kühlen Kopf zu bewahren – oder einfach direkt ins Freibad zu flüchten.

 

FAZIT: Die Klimaerwärmung wird durch unsere Kühlversuche bloß zusätzlich befeuert. Die Technologie der Fernkälte ist zumindest der Versuch, diesen Teufelskreis ein wenig zu verlangsamen.

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