Die Stadt aus dem Computerspiel
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Die Stadt aus dem Computerspiel

Das neue „City Intelligence Lab“ in Wien macht möglich, wovon Stadtplaner weltweit träumen: Mittels „Virtual Reality“ und künstlicher Intelligenz werden hier Stadtteile schon vor ihrem Bau erlebbar!

 

Wer schon einmal unter die Häuslbauer gegangen ist, weiß: Je größer das Haus, umso komplexer die mit dessen Errichtung verbundenen Fragen und Probleme. Dementsprechend anspruchsvoll ist es freilich, wenn man nicht ein Gebäude, sondern ein ganzes Grätzel bauen oder umbauen möchte! Kurz gesagt: Die Arbeit von Stadtplanern ist keine leichte. Hinzu kommt, dass stets auch mit Gegenwind aus der Bevölkerung zu rechnen ist – schließlich gilt es bei jedem größeren Stadtprojekt, die Interessen vieler unter einen Hut (oder besser: ein Dach) zu bekommen.

Stadtplanung der Zukunft

Nun hat man ausgerechnet in Wien die weltweit einzigartige Lösung für beide Probleme gefunden: Vor wenigen Tagen wurde in der Bundeshauptstadt im „Austrian Institute of Technology“ das so genannte „City Intelligence Lab“ vorgestellt. Vereinfacht ausgedrückt macht dieses einen ganzen Stadtteil digital erlebbar, bevor er errichtet wird. Und das dient einerseits den Planern selbst, andererseits aber eben auch interessierten Anrainern, die sich im Vorfeld von den Entwicklungen in ihrer Umgebung buchstäblich ein Bild machen wollen.

Die Stadt aus dem Computer
Nikolas Neubert & Wolfgang Hribernik (von links) vom AIT Austrian Institute of Technology demonstrieren der Welt gerade in Wien, wie Stadtplanung von morgen funktioniert.

 

Konkret stellt dieses Labor die weltweit erste interaktive Plattform zur Erforschung neuer Formen und Technologien für die Stadtplanungspraxis der Zukunft dar. Man verfolgt dabei den Ansatz einer so genannten „ko-kreativen Entwicklung“, also dem gemeinsamen Erschaffen von neuem Wissen. „Wir haben mit dem Labor eine Plattform geschaffen, die man wie eine Art Medizinlabor für digitale Technologien beschreiben kann“, erklärt Nikolas Neubert, Head of Competence Unit Digital Resilient Cities am Center for Energy.

Moderne Technologien

Dabei kommen Schlüsseltechnologien wie Augmented Reality (AR), Virtual Reality (VR) sowie künstliche Intelligenz (KI) zum Einsatz, um komplexe Simulationen und parametrische Planungen zu erstellen. „Die Innovationsleistung der zukünftigen Stadtplanung wird es sein, mit dem Einsatz digitaler Technologien vielfältige Planungsszenarien zu schaffen, die eine breite Palette an Lösungen für die Städte und deren Bewohnern bieten. Wir haben dazu die nötige Infrastruktur geschaffen“, erklärt Neubert weiter.

Zu den Einrichtungen des Labors gehören interaktive Projektionswände und Modelle, die eine verbesserte kollaborative Planungsumgebung schaffen, sowie ein KI-gestützes Stadtplanungsmodell, das Echtzeitsimulationsvorhersage und generatives Design kombiniert, um die Erforschung beispielloser Situationen zu ermöglichen.

Ein Wischer auf dem Tablett oder eine kleine Bewegung …

… mit dem Finger können hier ganze Straßenzüge versetzen.

 

Vereinfach ausgedrückt heißt das: Es lassen sich hier in Windeseile virtuell ganze Stadtviertel hochziehen und per Mausklick, Wischer am Tablet oder mittels VR-Brille und Fingerzeig verändern. Die KI folgt jedem Befehl und berechnet, welche Auswirkung beispielsweise die Erhöhung oder Ausrichtung von Gebäuden oder ganzer Häuserblocks auf die Bildung von Hitzeinseln oder die sich jeweils einstellenden Windgeschwindigkeiten hat.

Ein Fingerschnipp für ein Haus

Mit einem Fingerschnippen lassen sich auch Häuserblöcke in Parkflächen umwandeln, Straßen verlegen oder Geschäftslokale neu verteilen. Die dadurch angestoßenen Veränderungen schlagen unmittelbar auf Parameter wie geschätzte Marktpreise, das Verkehrsaufkommen oder Fußläufigkeit durch.

Außerdem können mittels VR-Technologie eben auch Anrainer vorzeitig geplante oder beschlossene  Veränderungen in Straßenzügen, in denen sie leben, oder an Gebäuden in ihrer Umgebung erkunden. „Derzeit passiert vieles hinter verschlossenen Türen. Aber mit unseren Tools werden Interaktionen möglich. Stadtbewohner könnten damit etwa direkt sehen, was für Auswirkungen beispielsweise ihr Mobilitätsverhalten und ihr Energieverbrauch auf die Stadt hat“, erzählt  Neubert.

Umdenken in der Stadtplanung

„Das ist die Weiterentwicklung von Apps, mit der man Schlaglöcher melden kann.“ So möchte man natürlich in Zukunft das Verständnis der Bürger für groß angelegte Stadtplanungsmaßnahmen vergrößern. „Damit vollziehen wir einen Paradigmenwechsel hin zur Einbeziehung der Benutzerperspektive mithilfe digitaler Technologien im Labor“, sagt Wolfgang Hribernik, Head of Center for Energy stolz. Schließlich ist sein neuartiges Labor bereits zum internationales Aushängeschild für die Stadtplanungsprozesse der Zukunft geworden.

Schon vor dem Bau eines ganzen Wohnblocks können Wind, Hitzeentwicklung und andere Faktoren mittels Animation berechnet werden.

 

Eine Auszeichnung, die auch schon Früchte trägt: 60 Prozent der aktuellen Projekte sind internationaler Natur und über den ganzen Erdball verteilt. Schließlich hat sich innerhalb der Stadtplanungs-Branche das neue Tool rasche herumgesprochen. Schließlich würde was früher mehrere Monat Arbeit in Anspruch genommen hat, mit diesem Planungsmodelle mit wenigen Klicks erledigt sein, so Nikolas Neubert.

Und das ist natürlich in dieser komplexen und eher trockenen Materie eine ganz schön schicke Sache, die schon jetzt mächtig Wind macht.

Text: Johannes Stühlinger
Fotos: Getty Images; AIT/APA-Fotoservice/Hinterramskogler

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