Patric Thate, Peter Lenkh, Dialog
#greenbuilding

Wenn Kapitalströme grün werden

Durch die EU-Taxonomie wird die ökologische Nachhaltigkeit von Investitionen transparent. RBI-Vorstand Peter Lennkh und UBM-CFO Patric Thate im UBM-Klimaschutzdialog über die Chancen und Herausforderungen von Green Financing.

Wenn sich Peter Lennkh, Vorstand der Raiffeisen Bank International, und Patric Thate, Finanzvorstand der UBM Development, zum Thema Green Financing austauschen, tun sie das auf fachlicher Augenhöhe. Die RBI hat 2021 bei derartigen Transaktionen als Konsortialführer insgesamt 9,8 Milliarden Euro aufgestellt, die UBM mit zwei Emissionen immerhin 250 Millionen Euro. Und das soll es sowohl für das Bankinstitut als auch den Immobilien-Developer noch lange nicht gewesen sein.

Mit dem Europäischen Green Deal wollen die EU-Mitgliedstaaten bis 2050 klimaneutral werden. Die Taxonomie soll diesen Wandel beschleunigen. Ist das Thema Green Financing schon voll im Bankensektor angekommen?

Peter Lennkh: Ja, das Thema ist angekommen, da gibt es keinen Zweifel. Der Green Deal verändert definitiv das wirtschaftliche Umfeld und auch die Rolle der Banken. Wir befinden uns mitten in einem Transformationsprozess, der im vergangenen Jahr deutlich an Fahrt aufgenommen hat. Es kann sich praktisch keine Bank, die im Kommerzkundengeschäft tätig ist, davon abkoppeln. Wir haben in der RBI die Bedeutung des Themas schon frühzeitig erkannt, wir übernehmen Verantwortung und unterstützen unsere Kunden mit unserem Know-how dabei.

Peter Lennkh, RBI
Seit 2010 ist Peter Lennkh Mitglied des Vorstands der Raiffeisen Bank International AG und verantwortet den Bereich Corporate Banking.

Green Financing ist auch schon in der UBM angekommen. Was hat dafür den Ausschlag gegeben? 

Patric Thate: Man kann nicht green. smart. and more. sein, ohne nicht auch die Kapitalströme entsprechend grün auszurichten. Wir haben uns daher auch kapitalseitig grün aufgestellt und zwei Anleihen mit Nachhaltigkeitsbezug begeben, eine Hybrid-Anleihe und einen Bond mit einem Volumen von insgesamt 250 Millionen Euro. Nur im operativen Geschäft ohne entsprechende Finanzierung grün zu sein ist zu wenig.

Der Green Deal verändert definitiv das wirtschaftliche Umfeld und auch die Rolle der Banken.

Peter Lennkh, Vorstand der Raiffeisen Bank International

Wie groß ist das Volumen an grünen Finanzierungen, das von der RBI abgewickelt wird?

Lennkh: Zum Jahresende 2021 lag der Bestand an ausbezahlten ESG-konformen Kundenkrediten in der RBI AG, also in der Konzernzentrale in Wien, bei 2,6 Milliarden Euro, das sind rund zehn Prozent des hier in Wien vergebenen Gesamtkreditvolumens. Wir haben ambitionierte Ziele: Bis 2025 wollen wir den Anteil der aus Wien vergebenen Unternehmenskredite für ESG-konforme Investitionen auf rund ein Drittel steigern. Aber wir reden hier ja nicht nur von Krediten, sondern auch über nachhaltige Anleihen und Schuldscheindarlehen. Wir waren 2021 bei 25 derartigen Transaktionen zur Konsortialführung mandatiert und haben damit insgesamt 9,8 Milliarden Euro aufgestellt. Laut Bloomberg lag der RBI-Konzern bei nachhaltigen Anleihen sowohl nach Volumen als auch nach Anzahl der Transaktionen in Österreich und CEE an erster Stelle.

Für die UBM ist eine Viertelmilliarde an grünen Anleihen ein erhebliches Volumen. Kommt da noch mehr?

Thate: Ja, natürlich. Wir haben ständig Refinanzierungsbedarf und wollen als Unternehmen auch operativ wachsen. Daher werden wir den eingeschlagenen Pfad weiter beschreiten und auch weitere grüne Finanzprodukte begeben.

Welche Investoren haben sich für die nachhaltigen Produkte interessiert? Worauf hat sich deren Interesse fokussiert?

Lennkh: Die Finanzindustrie soll eine Schlüsselrolle bei der Finanzierung und somit der Zielerreichung des Europäischen Green Deals spielen. Dazu werden ESG-Komponenten in Zukunft in die Kreditrisikoprozesse der Banken Eingang finden. Tatsächlich spielen sie bereits jetzt eine gewichtige Rolle bei Investitionsentscheidungen institutioneller Investoren sowohl auf der Eigen- als auch auf der Fremdkapitalseite. Und auch das Interesse der Privatanleger an nachhaltigen Finanz- und Anlageprodukten ist deutlich gestiegen. Ganz generell sehen wir, dass sich Investoren neben dem Fokus auf ein spezielles Finanzprodukt mittlerweile verstärkt für die Gesamtentwicklung eines Unternehmens unter ESG- und Nachhaltigkeitsgesichtspunkten interessieren.

Patric Thate, UBM
Patric Thate ist seit 2017 Finanzvorstand der UBM und verantwortlich für die erfolgreiche und erheblich verbesserte finanzielle Positionierung der UBM.

Unterscheiden sich bei der UBM die Investoren der ESG-Anleihen von den bisherigen Anleihezeichnern?

Thate: Beide Anleihen waren sehr schnell hoch überzeichnet, das heißt, die Nachfrage war sehr groß. Außerdem haben wir eine sehr gute Retailnachfrage gehabt. Das zeigt, dass das Thema Green Financing auch schon bei den „Endkonsumenten“ angekommen ist. Bei den institutionellen Anlegern wiederum hatten wir einen etwas höheren ausländischen Anteil als früher.

Man kann nicht green. smart. and more. sein, ohne nicht auch die Kapitalströme entsprechend grün auszurichten.

Patric Thate, Finanzvorstand der UBM Development

Die Taxonomie hat großen Einfluss auf die globale Wirtschaft. Schlittert Europa nicht gegenüber Ländern wie China, Indien oder den USA in einen Wettbewerbsnachteil?

Lennkh: Das kann man so nicht sagen. Die Taxonomie birgt auch massive Chancen für alle Marktteilnehmer, gleich welcher Größe oder Branche. Denken Sie an neue Geschäftsfelder etwa im Bereich klimafreundlicher Fahrzeuge oder nachhaltiger Landwirtschaft. Der Investitionsbedarf für die anstehende Transformation ist immens. Die Europäische Kommission schätzt allein den privaten und öffentlichen Investitionsbedarf im Zusammenhang mit dem Green Deal auf 2,6 Billionen Euro in diesem Jahrzehnt. Und um eine Verlagerung von Treibhausgasemissionen in nichteuropäische Länder zu verhindern, sollen CO2-intensive Importprodukte ab 2026 mit Zöllen versehen sein. 

Die Taxonomie wird sehr viele Produkte und Dienstleistungen verteuern. Zahlt nicht am Ende der europäische Endverbraucher die Zeche? 

Lennkh: Das kann sein. Es ist durchaus möglich, dass sich höhere Produktionsstandards und neu gestaltete Lieferketten auch auf die Bepreisung von Produkten und Dienstleistungen auswirken werden. Ich bin aber sicher, dass die mittel- und langfristigen Kosten eines ungebremst fortschreitenden Klimawandels die Kosten der Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit deutlich übersteigen würden. Diese Transformation schafft Wert, und daher sollten wir als Gesellschaft auch bereit sein, in sie zu investieren. 

Es ist in den Bedingungen der UBM-ESG-Anleihen vorgesehen, dass 10 beziehungsweise 15 Basispunkte pro Jahr mehr Zinsen gezahlt werden müssen, sollten die hochgesteckten Ziele nicht erreicht werden. Ist das nicht eine riskante Konditionierung für einen Finanzvorstand?

Thate: Es war und ist ein kalkulierbares Risiko, und die Entscheidung ist mir somit nicht schwergefallen, weil die Zeit für Green Financing einfach reif war. Und das Wichtigste – es hat funktioniert, und es hat sich gelohnt.

Peter Lennkh, RBI

Die Taxonomie birgt auch massive Chancen für alle Marktteilnehmer, gleich welcher Größe oder Branche.

Peter Lennkh, Vorstand der Raiffeisen Bank International

Die Finanz- und Kapitalmärkte mobilisieren und lenken das Kapital für den klimaneutralen Umbau der Wirtschaft. Welche Rolle spielen dabei die Banken?

Lennkh: Banken sind Intermediäre, also ein Zwischenglied, eine Verbindung zwischen Geldangebot und -nachfrage. Seit dem Pariser Klimaabkommen hat ihre Rolle wesentlich an Bedeutung gewonnen, denn wir finanzieren die wirtschaftliche Transformation entweder direkt oder arrangieren bei entsprechend großen Investitionsvolumina die erforderlichen Finanzierungen. Und es ist offensichtlich, dass enorme Investitionen in diesen Umbau fließen werden. Somit werden die Banken einen zentralen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leisten.

Gibt es für die europäische Wirtschaft im Allgemeinen und die Immobilienbranche im Speziellen überhaupt eine Alternative zu nachhaltigen Finanzierungen?

Thate: Ich glaube nicht.Natürlich hätten wir als UBM noch eine Zeitlang so weitermachen können wie bisher. Ich glaube aber, dass wir den Zeitpunkt für die Umstellung auf Green Financing sehr gut gewählt haben und uns damit auch einen Wettbewerbsvorteil verschaffen konnten. Die Mitbewerber werden früher oder später auch auf Green Financing umstellen müssen oder haben damit zumindest schon begonnen. Als Early Mover haben wir hier aber sicher einen Wettbewerbsvorteil. Außerdem haben wir auch bezüglich Reporting und Transparenz unsere Hausaufgaben gemacht. 

Die Taxonomie ist ein auf Freiwilligkeit basierendes Klassifizierungssystem für grüne Finanzprodukte. Soll es im Gegenzug eine verpflichtende Klassifizierung „schmutziger“ Finanzprodukte geben?

Lennkh: Das glaube ich nicht. Um das Ziel einer nachhaltigen Wirtschaft zu erreichen, wird es nicht ausreichen, sich ausschließlich auf grüne Investitionen zu fokussieren. Ich denke, es wird genauso wichtig sein, Geschäftsmodelle und Regionen zu unterstützen, bei denen die Transformation – aus heutiger Sicht – länger dauert und schwieriger ist. 

Herr Thate, wie sehen Sie das?

Thate: Ich halte auch nichts davon, Unternehmen an den Pranger zu stellen. Es gibt Branchen wie beispielsweise die Stahlindustrie oder die Luftfahrtindustrie, die ihren CO2-Abdruck nicht so einfach reduzieren können, weil es die dafür notwendigen technischen Innovationen in großem Umfang noch nicht gibt. Ich halte aber viel davon, die Finanzierung transparent zu machen und Unternehmen auch aufzufordern, diese offenzulegen. Dann kann sich jeder Investor selbst seine Meinung bilden. 

Patric Thate, UBM

Das Thema Green Financing ist auch schon bei den Endkonsumenten angekommen.

Patric Thate, Finanzvorstand der UBM Development

Die Umsetzung der Taxonomie erfordert in Unternehmen einen erheblichen Administrationsaufwand, vor allem für kleinere Unternehmen ist das eine große Herausforderung. Führt das nicht fast zwangsläufig zu einer Konsolidierung, weil sich das nur große Unternehmen leisten können und wollen?

Lennkh: Herausfordernd wird es jedenfalls. Die neue Corporate Sustainability Reporting Directive bringt eine massive Ausweitung des Umfangs, der Granularität und der Verbindlichkeit der Offenlegung. Heute sind davon in der EU 11.000 Unternehmen betroffen, künftig werden es knapp 50.000 sein. Man muss aber die Kirche im Dorf lassen: Selbst mit dieser beachtlichen Ausweitung der Berichtspflicht sind nur 0,2 Prozent aller in der EU ansässigen Unternehmen erfasst. Für Klein- und Mittelbetriebe etwa ist nach wie vor Freiwilligkeit vorgesehen, wenngleich auf europäischer Ebene gerade intensiv daran gearbeitet wird, auch für sie einen proportionalen Reporting-Ansatz zu entwickeln. Eines ist klar: Es ist nicht für jedes Unternehmen sinnvoll, die dafür erforderliche Expertise im Haus zu haben, es wird viel Know-how von extern nachgefragt. Die RBI hat dieses Wissen, und wir können unsere Kunden mit umfassender Beratung bei der Transformation unterstützen. 

Mit wie viel Aufwand ist die Ausrichtung auf Green Financing bei der UBM verbunden?

Thate: Der administrative Aufwand ist erheblich, und die Anforderungen sind hoch. Wir haben darauf reagiert, indem wir uns sowohl von den Systemen her als auch personell verstärkt haben. Wir lassen uns auch freiwillig prüfen. Das alles kostet viel Arbeit. Aber wenn man grün sein und nicht bloß Greenwashing betreiben will, muss man diesen Aufwand in Kauf nehmen.

Abschließend: Vor welche Herausforderungen wird der Bankensektor bei Thema Green Financing gestellt?

Lennkh: Da gibt es einige, aber wenn ich diese jetzt nenne, dann möge das bitte nicht mit Wehklagen verwechselt werden. Wir sind uns wie erwähnt unserer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst, und um diese nach außen transparent und nachvollziehbar zu machen, braucht es einfach ein Regelwerk. Eine der Herausforderungen besteht darin, dass wir – vom Regulator verpflichtet – von unseren Kunden Daten anfordern müssen, die diese entweder noch nicht haben oder deren Bereitstellung einen hohen Aufwand verursacht. Das ist für beide Seiten keine erfreuliche Angelegenheit. Wir brauchen diese Daten aber, weil wir Kennzahlen in Bezug auf die Übergangsrisiken, die physischen Risiken sowie Maßnahmen, die gegen den Klimawandel gesetzt werden, offenlegen müssen. Darunter fällt auch die Green Asset Ratio, die den Anteil von der Taxonomie entsprechenden Krediten aufzeigt. Der Aufwand kann aber auch positive Nebeneffekte haben. Wir planen, aus diesen regulatorischen Anforderungen einen Kundennutzen abzuleiten und damit Ansatzpunkte für neues Geschäft zu generieren.

Moderation: Karl Abentheuer
Fotos: Susanne Einzenberger, Philipp Horak

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