Holzwohnbau Seestadt Aspern, Querkraft, Berger+Parkkinen
#stadtplanung

Leistbarer Wohnraum aus Holz

Der Klimawandel ist eng an soziale Fragen geknüpft und der klimaneutrale Holzbau oft noch ein Luxussegment. Ein preisgekröntes Beispiel im sozialen Wohnbau liefert der Holzwohnbau Seestadt Aspern, der ein neuer Instagram-Hotspot in Wien geworden ist.

Die Klimakrise und die Erhitzung unseres Planeten ist immer auch eine Krise des urbanen Raums. Je höher der Versiegelungsgrad, der sich im verbauten Asphalt, Beton, Stahl und Glas misst, desto größer die Urban Heat Islands, also der Hitzeinseleffekt. In zahlreichen mitteleuropäischen Großstädten sind sogenannte Tropennächte, in denen das Thermometer nicht unter 20 Grad Celsius fällt, mittlerweile keine Seltenheit mehr. Dass das zunehmend problematische Klima der Stadt auch ein soziales Gefälle sichtbar macht, zeigt sich in den Antworten auf die Fragen: Wer wohnt in den dicht verbauten Gebieten? Wer hat Zugang zu Grünzonen und Erholungsräumen?

Holzwohnbau Seestadt Aspern, Querkraft, Berger+Parkkinen, Wien
Die Wohnhausanlage D12 in Wiens junger Seestadt Aspern ist ein Beispiel für den sozialen Wohnbau in Holz.

Während die Stadt Wien historisch eine Vorreiterrolle im kommunalen Wohnbau einnimmt, setzte die Donaumetropole in den letzten Jahren auch vermehrt ein Signal für den klimaneutralen Baustoff Holz. Im traditionell mineralisch geprägten Osten Österreichs begann man damit, einzelne Baufelder in größeren Entwicklungen dem Holzbau zu widmen. Ein mehrfach preisgekröntes Projekt entstand dabei auf dem Baufeld D12 in der jungen Seestadt Aspern, beauftragt von der gemeinnützigen Baugenossenschaft EBG.

Sozialer Wohnbau mit Mehrwert

In diesem Stadterweiterungsgebiet, das zu den größten Europas zählt, befindet sich mit dem 84 Meter hohen HoHo Wien ein buchstäbliches Leuchtturmprojekt des modernen Holzbaus. Nicht weit davon entfernt, im südöstlichen Teil des neuen Stadtareals, entstand mit der Wohnhausanlage D12 ein „sozialer Wohnbau mit Mehrwert“, wie das zuständige Wiener Architekturbüro Querkraft sein Projekt tituliert. Gemeinsam mit dem Architekturbüro Berger+Parkkinen lieferten sie den Entwurf für den nachhaltigen Geschosswohnbau.

Innenhof, Holzwohnbau Seestadt Aspern, Querkraft, Berger+Parkkinen, Wien
Private Fertigteilbalkone ragen in den üppig begrünten Innenhof, der für ein verbessertes Mikroklima sorgt.

Anstatt wie sonst oft üblich den Blockrand zu bebauen, entschied sich das Architektenteam für eine durchlässige Struktur mit sieben Baukörpern, die durch Laubengänge in drei Reihen miteinander verbunden sind. „Durch die Abfolge von lichtdurchfluteten Treppenhäusern, Innengängen und offenen Laubengängen mit angedockten Gemeinschaftsterrassen entsteht ein abwechslungsreiches Raumerlebnis.“ Das Ziel dieser öffentlichen Räume und Wege ist es, die Gemeinschaft und die Kommunikation unter den Bewohnern zu fördern.

Holz ist einer der intelligentesten Baustoffe, die man sich vorstellen kann – nachwachsend, verrottbar im Recycling – zudem besitzt es haptische Qualitäten.

Querkraft, Architekturbüro

Aber die charakteristische Kammstruktur hat noch weitere Vorteile, wie die Architekten erklären: „Die serielle, lineare Grundstruktur bietet große Flexibilität in der Anordnung verschiedenster Wohnungstypen und ermöglicht so eine gute Durchmischung der Bewohnerstruktur.“

Austoben im Canyon

Naturnahe Erholungsräume finden die Bewohner in den üppig begrünten Höfen, die auch zu einer Verbesserung des städtischen Mikroklimas beitragen. Die privaten Betonfertigteilterrassen ragen bewusst in die Hofmitte und überblicken die organische Landschaft mit Wiesenhügeln, Bäumen und Büschen. Die Durchwegung ist begrenzt, sodass Natur und Bewohner hier ihre Ruhe finden.

Canyon, Holzwohnbau Seestadt Aspern, Querkraft, Berger+Parkkinen, Wien
Der preisgekrönte Canyon ist Jugendspielplatz und Bewegungszone.

Die aktive Zone der Wohnsiedlung befindet sich im sogenannten Canyon, einem preisgekrönten Begegnungsraum und Jugendspielplatz. Rampenwände, Sitzstufen, Liegeflächen und Kojen in Holzverkleidung bilden den Rahmen dieser Entdeckungslandschaft, auf der Fläche dazwischen tummeln sich kleine und große Kinder auf Rädern und Skateboards.

Österreichs größte Gebäudehülle aus Holz

Die Anlage mit insgesamt 213 Wohnungen und acht Geschäftslokalen entstand in Holz-Beton-Hybridbauweise. Dabei befinden sich auf einem Stahlbetonskelettbau mit minimierter Tragstruktur hochdämmende Holzriegelbauteile, die unter Verwendung von heimischem Holz im Werk der Weissenseer Compact Building-Factory in Kärnten komplett vorgefertigt wurden. Dasselbe gilt für die Wohnungs- und Raumtrennwände samt vorbereiteter Installationen. Laut dem Kärntner Modulbau-Spezialisten handelt es sich bei der Wohnhausanlage in Aspern um Österreichs größte Gebäudehülle aus Holz.

Garten, Holzwohnbau Seestadt Aspern, Querkraft, Berger+Parkkinen, Wien
Bei der Landschaftsarchitektur setzte man auf naturnahen Grünraum und klimaresiliente Pflanzen.

Die ressourcenschonende Holz-Hybrid-Bauweise schont nicht nur Umwelt und Umgebung durch eine verkürzte Bauzeit, sondern schafft zudem „eine dauerhafte Flexibilität der Grundrissgestaltung“, wie es heißt. An den Fassaden ist das Material Holz als Lärchenschalung sichtbar. „Holz ist einer der intelligentesten Baustoffe, die man sich vorstellen kann – nachwachsend, verrottbar im Recycling – zudem besitzt es haptische Qualitäten. Im Gegensatz zu Vollwärmeschutzfassaden ist Holz ein Material, das bewusst altert, vergraut und auch im städtischen Kontext identitätsstiftend ist“, erklären die Architekten.

Forschung zu erneuerbaren Energien

Was die Nachhaltigkeit im Betrieb angeht, so ist die Anlage Teil eines groß angelegten Forschungsprojektes zum Thema erneuerbare Energien im Zusammenhang mit intelligenten Steuerungssystemen. Eine Kombination aus Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung, Geothermie, Photovoltaik, Solarthermie und Wärmepumpe versorgt den Komplex mit Energie. Die gelieferten Daten für das umfassende Monitoringprojekt sollen Aufschluss geben .

Laubengang, Holzwohnbau Seestadt Aspern, Querkraft, Berger+Parkkinen, Wien
Offene Laubengänge mit angedockten Gemeinschaftsterrassen schaffen ein abwechslungsreiches Raumerlebnis.

Dass der Holzwohnbau in der Seestadt Aspern auch zum beliebten Instagram-Hotspot unter Jugendlichen mutiert ist, kann wohl als Erfolg gewertet werden. Das viele Holz und die durchdachten Außenräume für alle Altersstufen schaffen eine hohe Identifikation mit der Architektur.

„Die Wohnhausanlage D12 ist mit ihrer abwechslungsreichen Erschließungssituation und der ökologischen Materialwahl in der Fassade etwas Besonderes in der Seesstadt Aspern“, bringen es die Architekten auf den Punkt.

Text: Gertraud Gerst
Fotos: Hertha Hurnaus, Berger+Parkkinen Architekten, Querkraft Architekten

Jetzt Newsletter Bestellen <>