Karl-Marx-Hof, historisch, Fassade, Architektur, Stadtplanung
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Eine Festung für das Proletariat

Das Rote Wien begann als gesellschaftspolitisches Experiment vor 100 Jahren und revolutionierte den Lebens- und Wohnstandard der Arbeiter. Die soziale und architektonische Ideologie wirkt bis heute nach.

 

Zimmer, Küche, Vorraum, Wasseranschluss und WC. Was heute in Wien als Substandard-Wohnung gilt, war nach dem Ende der Habsburgermonarchie der neue Luxus der Arbeiterklasse, die bis dahin in prekären Verhältnissen lebte. Der absolute Sieg der Sozialdemokraten bei den ersten freien Gemeinderatswahlen am 4. Mai 1919 gab den Startschuss für das Rote Wien – ein gesellschaftspolitisches Experiment, das weltweit Beachtung fand. Während die Sozialdemokraten im restlichen Österreich in Opposition oder im Untergrund waren, machten sie Wien zur ihrer roten Musterstadt.

Mit dem Gemeindebaukonzept konnte nicht nur die herrschende Wohnungsnot, sondern auch die Arbeitslosigkeit eingedämmt werden. In knapp zehn Jahren wurden über 64.000 Wohnungen und mehr als 380 Gemeindebauten aus dem Boden gestampft. Mit einem Mal gab es für Arbeiter  – auch dank des von Regierungsseite beschlossenen Mieterschutzes – leistbaren Wohnraum in einer lebenswerten Umgebung.

Während viele zuvor als Bettgeher lediglich einen Schlafplatz in einem oft fensterlosen und feuchten Quartier hatten, wohnten sie nun in lichtdurchfluteten Räumen und viele saßen abends in der eigenen Loggia mit Blick auf den begrünten Innenhof.

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Room with a view: Eckfenster im Karl-Marx-Hof mit Blick auf die großzügigen Grünflächen.

Die nicht bebauten Flächen betrugen bis zu 80 Prozent des gesamten Areals.

Grüner Luxus im Superblock

Die monumentalen Wohnbauten der Zwischenkriegszeit – auch Superblocks genannt – waren als Stadt in der Stadt-Konzept erdacht und boten den Bewohnern Infrastruktur wie Kindergärten, Zahnkliniken, Lebensmittelgeschäfte und enorm großzügige Grünflächen. Meist waren lediglich 20 bis 40 Prozent des gesamten Areals bebaut – ein städtebaulicher Luxus, der heute unbezahlbar wäre.

Das Geld für den neuen Wohlstand der Arbeiterschicht kam von der Wohnbausteuer und den Abgaben für Luxusgüter, die Finanzstadtrat Hugo Breitner einfallsreich und zweckgebunden festsetzte: Die vier größten Wiener Konditoreien finanzierten etwa die Schulzahnkliniken, die Bordelle und Pferderennbahnen die Entbindungsheime. Die Volkswohnpaläste, wie sie von Gegnern spöttisch genannt wurden, waren politische Symbolbauten und städtebauliche Manifestation der Arbeiterbewegung. Die zahlreichen Bauwerke entlang des Margaretengürtels wurden zur Ringstraße des Proletariats ausgerufen. Rund um den Reumannhof entstanden während der Ersten Republik 24 zum Teil kolossale Wohnblöcke.

 

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Der monumentalste Superblock der Ersten Republik: der Karl-Marx-Hof.

Ein Kilometer Art decó

Mit dem Karl-Marx-Hof wurde dem bürgerlichen Döbling eine rote Festung aufgepflanzt. Der monumentale Bau entstand in den Jahren zwischen 1927 und 1930 nach den Plänen des Stadtbaumeisters Karl Ehn und gilt als einer der wichtigsten Werke der Wiener Moderne. Dass er ein Schüler Otto Wagners war, zeigen die geometrischen, klaren Formen, die eine Absage an den schnörkeligen Späthistorismus des 19. Jahrhunderts waren. Mit dem glatten Look und der mondänen Geschmeidigkeit des Baus schuf Ehn „einen Kilometer Art decó“, so ein Tourismus-Slogan. Technische Elemente als Ornament wie die typischen Otto-Wagner-Nieten an den Türen und die originalen Art-decó-Leuchten unter den Rundbögen können bei einem Spaziergang durch das Gelände entdeckt werden.

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Die Art-decó-Leuchten unter den Rundbögen sind Originale.

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Auch die Türnummern tragen die Handschrift der Wiener Moderne.

 

Das 1,2 Kilometer lange Versailles der Arbeiter erstreckt sich über vier Straßenbahnhaltestellen und gilt auch heute noch als längster zusammenhängender Wohnbau der Welt. Besonders bemerkenswert sind die Innenhöfe mit den ausgedehnten Grünflächen. „Der Karl-Marx-Hof ist ein ideales Beispiel für die Leitsätze des Gemeindebaus, nämlich Licht, Luft und Sonne. War es damals gewöhnlich, bis zu 80 Prozent des Grundstücks zu verbauen, hat man diese Formel mit dem Gemeindebau umgedreht“, sagt Markus Leitgeb, Pressesprecher von Wiener Wohnen. Nur 18,4 Prozent des über 150.000 Quadratmeter großen Areals sind bebaut. Der Karl-Marx-Hof, in dem es ursprünglich 1.382 Wohnungen gab, machte menschenwürdiges Wohnen Realität und setzte Maßstäbe im kommunalen Wohnbau, die bis heute unerreicht blieben.

 

Der kommunale Wohnbau lebt weiter

Jedes Jahr werden zahlreiche Touristen und internationale Delegationen von Stadtplanern durch den Wohnblock geschleust, in dem heute noch knapp 3.000 Menschen Tür an Tür wohnen.

Der Karl-Marx-Hof zählt mittlerweile genauso zu den Wiener Wahrzeichen, wie das Riesenrad oder der Stephansdom.

Markus Leitgeb, Wiener Wohnen

 

„Der Karl-Marx-Hof zählt mittlerweile genauso zu den Wiener Wahrzeichen, wie das Riesenrad oder der Stephansdom. Aufgrund seiner imposanten Optik sowie seiner Entstehungsgeschichte wird er auch immer mit den Anfangszeiten des Gemeindebaus verbunden sein“, so Leitgeb. Die Stadt Wien verwaltet heute rund 220.000 Wohnungen und ist damit für jeden vierten Wiener Vermieter.

In den letzten Jahren investierte die Stadt Wien in den Ausbau von Dachwohnungen in bestehenden Gemeindebauten sowie in geförderte Wohnungen. Doch auch im kommunalen Wohnbau wird ein neues Kapitel geschrieben. „Wir bauen wieder!“, verlautet Leitgeb. Bis 2020 sollen 4.000 neue Gemeindewohnungen auf Schiene gebracht werden, der erste in der Fontanastraße wird schon diesen Herbst bezugsfertig sein. „Weitere Projekte befinden sich in den verschiedensten Phasen zwischen Gesprächen zur Flächenwidmung und rollenden Baumaschinen.“

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Der Karl-Marx-Hof entstand nach den Plänen von Stadtbaumeister Karl Ehn, einem Schüler Otto Wagners.

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Die klaren Formen waren eine Absage an den schnörkeligen Späthistorismus des 19. Jahrhunderts.

DAS rote Wien im waschsalon
Infos und Führungen

Halteraugasse 7 1190 Wien

Jubiläum im Waschsalon

In einem der beiden Waschsalons, in dem sich die Brausen- und Wannenbäder befanden, ist seit 2010 ein Museum zur Geschichte des Roten Wien untergebracht. Jeden Sonntag um 13 Uhr finden geführte Rundgänge durch den Hof und die Dauerausstallung statt.

Zum 100. Geburtstag des Roten Wien werden wechselnde Sonderausstellungen gezeigt und am 4. und 5. Mai 2019 finden kostenlose Führungen statt. Zum 100-jährigen Jubiläumsfest des Gemeindebaus gibt es am 29. und 30. Juni 2019 Programm.

Text: Gertraud Gerst
Fotos: Waschsalon Karl-Marx-Hof, Wiener Wohnen

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