Der Popstar unter den Baufstoffen
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Der Pop-Star unter den Baustoffen

Deutschen Wissenschaftlern ist es gelungen, aus simplem Popcorn einen Baustoff zu entwickeln, der in vielerlei Hinsicht ausgepufft ist. Und sogar die klassische Spanplatte in den Schatten stellt.

 

Vielleicht ist den findigen Forschern der Universität Göttingen die Idee beim gemeinsamen Binge-Watching gekommen. Jedenfalls hat ein Deutsches Forscherteam den Kino-Snack gerade um eine ganz besondere Geschmacksrichtung ergänzt: Baustoff, heißt diese!

Popcorn statt Spanplatten?

Tatsächlich haben die Experten es nämlich zustande gebracht, mithilfe klassischer Popkörner besondere Bauplatten herzustellen. Diese sind nicht nur umweltfreundlicher als klassische Spanplatten, sondern auch noch robuster und flexibler!

Hintergrund dieses Entwicklung ist freilich kein geselliger Filmabend, sondern natürlich der Zeitgeist, der nach ökologischen Leichtbaustoff-Alternativen zum langsam nachwachsenden und somit immer knapper werdenden Holz lechzt. Dies hat der Göttinger Professor Alireza Kharazipour schon vor fünf Jahren erkannt – und mit einschlägiger Forschung begonnen.

Das Resultat seiner Bemühungen kann sich wahrlich sehen lassen – und klingt auf den ersten Blick recht einfach: Zwischen zwei Holzplatten wird gepuffter Mais gefüllt und fertig ist die Leichtbau-Innovation.

Aus Popcorn werden zuerst Kerne gepresst, die im Anschluss …

… mit Sperrholz oder Alu ummantelt werden. Das Ergebnis ist extrem stabil.

 

Ganz so simpel ist die Sache aber freilich nicht. So musste in jahrelangen Prozessen erst geklärt werden, ob man besser den Popcorn-Kern zuvor herstellt und diesen dann mit Holz- oder gar Aluplatten verleimt oder ob es gar sinnvoller wäre, die Deckschicht zu verleimen und im Nachgang mit dem Popcorn-Granulat zu befüllen. Beide Varianten wurden getestet – das Fazit: Den Kern zuvor herzustellen ist schlicht und einfach besser.

Test auf Herz und Nieren

Denn: Eine Prüfung der fertigen Sandwichplatten bezüglich ihrer mechanischen Kennwerte hat ergeben, dass bei den im so genannten Einschritt-Verfahren hergestellte Platten – bei dem also bloß die Hohlräume befüllt wurden – die gleichen Eigenschaften wie die einer klassischen Spanplatte gemessen wurden. Allerdings waren die im anderen Verfahren (Zweischritt-Verfahren) hergestellten und mit Sperrholz oder gar mit Aluminium beschichteten Platten sogar deutlich tragfähiger als die berühmten Spannplatten!

Generell ist der popcornbasierte Plattenwerkstoff sehr attraktiv für Unternehmen, da für die Herstellung keine Maschinen umfangreich umgerüstet oder neu angeschafft werden müssen.

Alireza Kharazipour, Professor Uni Göttingen

Die Innovation
Ein bisschen Fach-Chinesisch

Die neuen Sandwichplatten haben ähnliche Eigenschaften wie Spanplatten, sind dabei aber nur halb so schwer. Herkömmliche Spanplatten haben eine Rohdichte um 600 kg/m3. Die im Rahmen des Projekts entwickelten Platten weisen – je nach Art der verwendeten Deckschichten – Rohdichten zwischen 300 und 450 kg/m3 auf.

Hiermit können die Wissenschaftler nun tatsächlich einen Baustoff vorweisen, der nicht nur leichter als herkömmliche Alternativen ist, sondern auch stabiler und obendrein umweltschonender. Stellt sich also logischer Weise die Frage, wo und wann diese Errungenschaft zum Einsatz kommen wird.

Aber auch darüber hat sich Professor Kharazipour Gedanken gemacht: „Generell ist der popcornbasierte Plattenwerkstoff sehr attraktiv für Unternehmen, da für die Herstellung keine Maschinen umfangreich umgerüstet oder neu angeschafft werden müssen“, sagt er.

Ethische Zwischenfrage

Als mögliches Einsatzgebiet für die Platten kommt neben dem Möbelbau theoretisch auch der Dämmbereich in Frage. Denn Popcorngranulat hat eine sehr geringe Wärmeleitfähigkeit. Außerdem könnten die Platten für den Automobil-, Schiff- und Messebau interessant sein.  

Kritiker hingegen monieren, dass es ethisch schwer vertretbar sei, ein Lebensmittel – und Mais ist obendrein ein besonders relevantes – für derartige Zwecke zu nutzen. Der leitende Wissenschaftler hält derartigen Bedenken entgegen: „Schon heute gehen beträchtliche Mengen der Körnermaisproduktion in die stoffliche Nutzung. Maisstärke wird insbesondere für Leime und biobasierte Kunststoffe verwendet. Außerdem nutzen wir vorrangig geringwertige Maissortimente wie Bruchmais, die als Lebensmittel nicht in Frage kommen.“

 

Viele Vorteile

Im Vordergrund stünden seiner Meinung nach außerdem die positiven Aspekte seiner Entwicklung: Der wichtige Rohstoff Holz würde für relevantere Zwecke genutzt und Bauplatten in Zukunft nicht nur leichter sondern auch kostengünstiger.

Klingt zumindest einmal nach einer echten Win-Situation für alle Seiten. Solange man nicht in Zukunft jenen Menschen den Mais abspenstig macht, die ihn nicht verbauen sondern verspeisen wollen. Wie es bekanntlich so mancher Weltkonzern mit Trinkwasser macht …

Text: Johannes Stühlinger
Foto: Getty Images; Caroline Pertsch; Moira Burnett

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