Les Jetees, städtebauliches Projekt in der französischen Stadt Huningue im Dreiländereck zwischen Frankreich, Deutschland und der Schweiz
#stadtplanung

Stadtentwicklung im Dreiländereck

Neues Leben und Wohnen im Dreiländereck zwischen Frankreich, Deutschland und der Schweiz: In Huningue entsteht das neue Stadtviertel Les Jetées. Es wird ein privilegierter Standort zum Leben und Arbeiten in unmittelbarer Nähe zu Schwarzwald, Vogesen und Rhein sein.

Die französische Stadt Huningue hat eine lange und wechselhafte Geschichte hinter sich. 828 wurde die Gemeinde erstmals amtlich erwähnt, als sie dem Kloster St. Gallen geschenkt wurde. Heute kommt der elsässischen Gemeinde Bedeutung als neuer Knotenpunkt zu. Sie grenzt an der linken Seite des Rheins unmittelbar an Basel in der Schweiz und an Weil am Rhein in Deutschland an. Am Schnittpunkt von drei Nationen wird naturgemäß jedes Stadtentwicklungsprojekt von der Fachwelt genau beäugt.

Les Jetées: Stadtentwicklung im Dreiländereck

Und jetzt gerade entsteht an dem geschichtsträchtigen und einst auch strategisch wichtigen Ort ein ganz neues Stadtviertel. Das Projekt heißt zurecht „Les Jetées“ (deutsch: Pier, Landungsbrücke, Steg). Es entfaltet sich auf mehr als 30.000 Quadratmetern. Les Jetées ist für Huningue eine einzigartige Chance: Es verlängert und öffnet das Stadtzentrum zum Rheinufer hin und gliedert die Stadt gleichzeitig in den Ballungsraum Basel ein.

Gemeinsam kommen die drei Partnerstädte auf rund 212.000 Einwohner, wobei Huningue mit etwas mehr als 7.000 Einwohnern die kleinste Gemeinde ist, gefolgt von Weil am Rhein (rund 30.000) und Basel mit der – für Schweizer Verhältnisse – hohen Einwohnerzahl von etwas unter 175.000 Menschen.

Les Jetees in Huningue

Am Eingang der Dreiländer-Fußgängerbrücke verleiht Les Jetées der Stadt, die einst von Vauban befestigt wurde, einen modernen Schwung. Sébastien Le Prestre, Seigneur de Vauban, lebte im 17. Jahrhundert als Festungsbaumeister Ludwig des XIV. Insgesamt schuf oder vergrößerte Vauban mehr als 180 Festungen.

Der Standort an den Ufern des Rheins wurde als Ankerpunkt dieses neuen Stadtentwicklungsgebiets identifiziert. Herausfordernd war allerdings die Tatsache, dass sich die Baustelle in einem Gebiet mit hohem Erdbebenrisiko (Stufe 4 von 5) befindet.

Vier Architektur-Büros involviert

Bei dem Gemeinschaftsprojekt arbeiten das Planungsbüro Alpes Contrôles und der Bauträger, die Constructa-Gruppe, mit den Architekturbüros PietriArchitectes, Triptyque, Laisné-Roussel und DREAM zusammen.

Les Jetees umfasst mehrere Bauten, Büros und auch Wohnhäuser
Das neue Quartier umfasst drei Wohntürme, ein Büroobjekt, Geschäftsflächen plus Stellplätze.

Die Partner-Büros haben den internationalen Wettbewerb gewonnen und ein visionäres Projekt eingereicht, das aus dem neuen Viertel am Fluss einen privilegierten Standort zum Leben und Arbeiten in unmittelbarer Nähe zum Rhein schafft.

Vielfalt der Bauten

Das, was den neuen Stadtteil so interessant macht, ist die Vielfalt der Bauten. Die drei Wohntürme, das Bürogebäude, die Geschäfte und das teils öffentlich zugängliche Parkhaus bilden die Elemente des neuen Stadtviertels. Es ist um ein zentrales Hafenbecken herum angeordnet – das Dock ist der Mittelpunkt dieses neuen inklusiven Lebensraums.

eines der neuen Wohngebäude in Huningue
Eines der neuen Wohngebäude in Huningue. The Link (links) und der Bogen Tower werden 2024 fertig.

Die vier französischen Architekturbüros ließen sich von der Stadt, dem Fluss und von Europa inspirieren. Die Skyline, die so entstand, fügt sich in die natürliche und urbane Landschaft des Ortes gleichermaßen ein. Man wird zahlreiche Wohnungen an außergewöhnlichen Aussichtspunkten plus attraktive Freizeitbereiche vorfinden.

Refugium für Biodiversität

Bei der Umsetzung der Pläne wurden drei Ziele verfolgt: Die Öffnung der Stadt Huningue zum Fluss durch die Schaffung einer neuen Beziehung zum Wasser, die Integration der Stadt in die Agglomeration Basel durch ein ikonisches Projekt und das Angebot eines außergewöhnlichen neuen Lebensraums für die Bewohner inmitten einer grünen Landschaft. Die allgegenwärtige Natur macht das neue Quartier zu einem Refugium für die Biodiversität.

Alle Gebäude erfüllen hohe Umweltstandards, der ökologische Fußabdruck soll möglichst klein bleiben. Die Materialien wurden daher nicht nur nach ästhetischen Gesichtspunkten, sondern auch nach ihren nachhaltigen Qualitäten ausgewählt. Begrünte Außenbereiche und Dächer erweitern die natürlichen Grünflächen.

Bogen Tower: Leuchtturm am Rheinufer

Im Mai 2023 wurde die erste Phase des Gesamtprojekts mit den zwei wichtigen Gebäuden „Bogen Tower“ und „The Link“ eingeläutet. Die Fertigstellung ist für 2024 anberaumt. Für den Bogen Tower zeichnet PietriArchitectes verantwortlich, wohingegen The Link von Triptyque Architecture entworfen wurde.

die Dreiländerbrücke bei Huningue ist eine reine Fußgänger- und Fahrradbrücke
Die Dreiländerbrücke (passerelle des trois pays) bei Huningue ist eine reine Fußgänger- und Fahrradbrücke.

Die „Trois Pays“-Fußgängerbrücke führt ganz natürlich und automatisch zum Bogen Tower und dem Abbatucci Platz in Huningue. Entlang der seitlichen Fassade gelangt der Fußgänger vom Stadtzentrum bis zu den Ufern. Im weitgehend verglasten Erdgeschoss sind diverse gewerbliche Flächen untergebracht.

Die Dreiländerbrücke verbindet schon seit 2007 Huningue mit Weil am Rhein. Sie ist die weltweit längste Bogenbrücke (ausschließlich) für Fußgänger und Radfahrer. Entworfen hat sie der heute in Paris lebende und arbeitende österreichische Architekt Dietmar Feichtinger in Zusammenarbeit mit dem Büro LAP Leonhardt Andrä & Partner (Berlin/Stuttgart).

Wie ein Leuchtturm steht der 16-stöckige Bogen-Turm am Rhein, dem Fluss zugewandt. Durch vertikale Schichten wurde optisch eine Art Schrägstellung erzielt. Das hoch aufragende Gebäude zieht auch durch die Balkone mit den Glasgeländern und durch seinen skulpturalen Stil die Blicke auf sich. Dank dieser Linienführung und der Gebäudehöhe haben die Bewohner Aussicht auf den Rhein, die Stadt und das Land.

Die Nord- und Südfassade bestehen aus einer weißen Metallverkleidung. Die Innenseite der Lamellen ist weiß beschichtet. Vertikal sind ebenfalls weiße Verkleidungsflächen angebracht. Die West- und Ostfassaden sind dunkelgrau. Die Glasgeländer der Balkone spielen mit dem Thema Transluzenz und Transparenz. Die Trennwände der Wohnungen sind durch Pflanzkübel mit einer maximalen Tiefe von 60 Zentimetern bestückt.

Der Architekt muss die Menschen zum Träumen bringen, aber seine Arbeit muss ehrgeizig und von urbaner Höflichkeit geprägt sein. Ich will mein Schaffen in die aktuelle Zeit einbringen, ohne dabei brutal zu sein oder zu provozieren.

Jean-Baptiste Pietri

Die Struktur der Zwischengeschosse bildet ein grünes Gitter, das sich in einer Höhe von 15 Metern über dem Boden erhebt und sich über die gesamte Horizontlinie erstreckt.

Die Außenhaut des Projekts besteht aus lackiertem Aluminium mit thermischer Trennung für eine effiziente Isolierung. Die schwarze Farbe wurde gewählt, um einen Kontrast zu den weißen Metallverkleidungen zu schaffen.

das dritte neue Wohngebäude in Huningue, es wurde von Nicolas Laisne entworfen
Das dritte neue Gebäude in Huningue ist am Entstehen.

Im Norden knüpft das Link-Gebäude von Triptyque an das Bogen-Projekt von PietriArchitectes an. Die Vertikalität des Bogen Towers wird durch die Horizontalität von Link gemildert. Letzteres erstreckt sich über fünf Stockwerke entlang des Parks und des Flusses und bietet großzügige Räumlichkeiten. Link ist in ein strukturelles und schräges Raster gekleidet, wobei der Schwerpunkt auf Klarheit, Helligkeit und Transparenz liegt.

Teil des neuen Ensembles Les Jetees in Huningue

Das Büro Nicolas Laisné ist für die Errichtung des 5.000 Quadratmeter großen Wohngebäudes mit sogenannten Coliving-Wohnungen zuständig. Das luftig wirkende Gebäude gilt ebenfalls als Schlüsselelement des neuen Viertels. Die Fassade ist mit einer doppelten Haut versehen, sodass allen Zimmern eine Art Wintergarten zur Verfügung steht.

„Romantischer Rationalismus“

Der aus Marseille stammende Jean-Baptiste Pietri, Absolvent der Paris-Belleville School of Architecture, ließ sich vor 30 Jahren in Paris nieder, wo er 2001 sein Architekturbüro gründete. Die Herangehensweise von PietriArchitectes ist von der Mittelmeerregion inspiriert. Die Projekte sind von der typischen Architektur der Küste geprägt, aufgepeppt mit Pariser Inspirationen und der „haussmannschen Harmonie“ der Stadt.

Le Totem, in Romainville, kürzlich von PietriArchitectes fertiggestellt
Le Totem, in der französischen Stadt Romainville, kürzlich von PietriArchitectes fertiggestellt.

Diese beiden Einflüsse aus Nord und Süd versucht Jean-Baptiste Pietri stets in ein Gleichgewicht zu bringen. Das Ergebnis sind geschwungene Formen, weiße Kalksteintöne, alles was dazu beiträgt, eine großzügige, die Umgebung respektierende Architektur zu schaffen. Er nennt seine Stilrichtung „Romantischer Rationalismus“.

Ein weiteres Projekt, das PietriArchitectes im Jahr 2023 übergeben konnte, ist „Le Totem“ – ein Gebäude mit 65 Wohneinheiten und vier Geschäften in der französischen Stadt Romainville. Le Totem verkörpert das neue Gesicht des Stadteingangs, nur einen Steinwurf von der U-Bahn-Station Mairie des Lilas entfernt. Es zeichnet sich durch eine auffällige Fassade aus hellen, spitzen Ziegeln aus, die dem Gebäude ein filigranes und gut durchdachtes Aussehen verleihen.

Das französisch-brasilianische Architekturbüro Triptyque pflegt einen naturalistischen und sinnlichen Ansatz. Das Büro entwickelt ebenfalls eine Vielzahl von unterschiedlichen Projekten. Im Fokus stehen dabei auch die Neudefinition von Wohnpolitik sowie die Urbanisierung.

Text: Linda Benkö
Fotos/Renderings: Yohan Zerdoun, Luc Boegly/Hugo Hébrard (Le Totem), Luxigon, Wladyslaw

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