Mural des Colectivo Licuado
#architektur

Die Straße gehört allen

Kunst im öffentlichen Raum wird immer mehr zum Aushängeschild einer Stadt. Das Festival Calle Libre macht Wien jetzt wieder zum internationalen Hotspot für Street Art.

 

Langsam hebt sich der Krankorb über das erste Stockwerk in Richtung der freigegebenen Wand. Sie liegt in der Missindorfstraße 10 und gehört zum Wohn- und Kulturprojekt Sargfabrik. Es hat etwas Feierliches, wie der französische Künstler Seth in die Höhe fährt. Bepackt mit Farben, Dosen und Pinseln macht er sich an die Arbeit. Bis zum 2. August sketcht und malt er sich diese Wand im 14. Wiener Gemeindebezirk hinauf. Dann wird das Wiener Street Art Festival Calle Libre zum sechsten Mal offiziell eröffnet.

Das Festival for Urban Aesthetics, wie es offiziell heißt, findet vom 3. bis zum 10. August 2019 statt. Festivalzentrale ist diesmal das Wien Museum, das vor dem großen Umbau leer geräumt wurde und im Rahmen von Take Over eine optimale Spielfläche für Street Art bietet. Hier ist auch der Ausgangspunkt für geführte Urban Art Touren.

Kunstwerk des Street Artists Mantra
Der französische Street Artist Mantra verwandelt kahle Wände in gigantische Schmetterlingsschaukästen.

Teil des Programms sind auch in diesem Jahr wieder zahlreiche Workshops, Film Screenings und Diskussionen rund um das Thema Street Art. Live Paintings nationaler und internationaler Künstler sind über die Stadt verteilt, die Locations reichen heuer vom vierten bis zum 16. Bezirk. 

Street Art als Wirtschaftsfaktor

Seit den Anfängen von Calle Libre 2013 hat sich viel getan. Die Liste der für die urbane Kunstform freigegebenen Wände wird immer länger und ein eigener Bildband mit dem Titel Cinco dokumentiert seit kurzem die kuratierten Murals. Mittlerweile ist es das größte Festival seiner Art in Mitteleuropa.

Street Art ist zu einem Phänomen der Popkultur geworden. Dennoch polarisiert diese Ausdrucksform wie keine andere. Was für die einen Kunst ist, ist für manche noch immer ein vandalischer Akt. Bewegten sich Street Artists in den 1990ern noch strikt in der Illegalität, werden sie heute oft von Behörden hofiert. Ob Berlin, London oder Wien – mittlerweile hat man in jedem städtischen Verwaltungssitz erkannt, welchen Mehrwert Street Art für Wirtschaft und Tourismus hat. 

Mural von Milu Correch am Neubaugürtel
Die Argentinierin Milu Correch lebt als Malerin und Illustratorin in Buenos Aires. Im letzten Jahr schuf sie am Neubaugürtel im 15. Bezirk dieses Mural.

 

Zwischen Subkultur und Mainstream

Dieses ständige Oszillieren zwischen Öffentlichem und Privatem, zwischen Subkultur und Mainstream ist auch das diesjährige Thema des Festivals. „Mit dem Aufgreifen von unvereinbaren Begriffen wie analog und digital, Museum versus Straße und Mann gegen Frau stellen wir das Thema ‚Duality‘ in den Fokus unserer Betrachtung“, steckt Dr. Jakob Kattner das diesjährige Motto ab. Er ist einer der Vereinsgründer und organisiert das Festival gemeinsam mit acht weiteren Ehrenamtlichen und einer Gruppe an freiwilligen Helfern. Auch wenn die Behörden dem Verein wohlgesonnen sind und auf vielen Ebenen kooperieren, so ist man von einer Rentabilität noch weit entfernt.

Mural des Wiener Street Artists Moiz
Der Wiener Künstler Moiz verbindet abstrakte, geometrische Formen mit Kalligraphie.

„Die Kapazitäten der einzelnen Bezirke sind sehr limitiert. Sie haben nicht die Mittel, große Murals zu finanzieren“ erklärt Konstantin Oedl, der das Festival seit fünf Jahren mitorganisiert. Neben der Unterstützung durch das Bundeskanzleramt und der Kulturabteilung der Stadt Wien ist man auf Materialsponsoring, kleine private Geldgeber und Auftragsarbeiten angewiesen. „Manchmal kommen die jeweiligen Botschaften der Künstler für Flug und Unterkunft auf“, so der gebürtige Salzburger, der an der Diplomatischen Akademie studiert. 

Ich möchte den sechsten Bezirk zur größten Freiraum-Galerie von Wien machen.

Bezirksvorsteher Markus Rumelhart

 

Die Akzeptanz und Kooperation der Behörden sei in den letzten Jahren deutlich gestiegen.  Mit dem 6. Wiener Gemeindebezirk pflegt der Verein bereits seit Jahren einen guten Kontakt. Bezirksvorsteher Markus Rumelhart sieht sich als Mentor des Projektes und will mit gutem Beispiel vorangehen: „Ich möchte den sechsten Bezirk zur größten Freiraum-Galerie von Wien machen“, ließ der Politiker verlauten.

Bild von Zesar Behamonte
An der Mauer eines Mehrparteienhauses am Ludwig-Hirsch-Platz im 2. Bezirk schuf der spanische Künstler Zesar Behamonte eine Hommage an Egon Schiele und Gustav Klimt.

 

Zwischen Widerstand und Feierlaune

Bis eine Wand freigegeben werden kann, müssen entsprechend der Besitzverhältnisse alle betroffenen Parteien ihr Einverständnis geben. „Das ist oft eine wahnsinnige Rennerei“, klagt Oedl. Manche Hausbesitzer weigerten sich seit Jahren, ihre tristen Mauern den Künstlern zu überlassen. „In einem Beserlpark im siebten Bezirk spielen Kinder seit Jahrzehnten vor einer kahlen, grauen Mauer. Die zu bemalen wäre ein Gewinn für alle, doch der Hauseigentümer fürchtet, dass er damit dem Vandalismus Tür und Tor öffnet“, erzählt der 26-Jährige. Dabei komme man Eigentümern auch mit kleineren Fassadenarbeiten entgegen, die der Verein vor dem Painting übernimmt.

In den meisten Fällen aber freuen sich die Anwohner über die Entstehung neuer Kunstwerke in ihrer direkten Umgebung. „Letztes Jahr gab es zu einem Live Painting im vierten Bezirk ein kleines spontanes Nachbarschaftsfest mit Sekt und improvisiertem Buffet, weil die Bewohner sich einfach gefreut haben“, erinnert sich Oedl. 

Die Idee der öffentlichen Kunst schließt viel mehr Gruppen ein, sie ist viel zugänglicher und freier.

Konstantin Oedl, Mit-Organisator von Calle Libre

Die Lagerhaus-Silos in Ottensheim wurden vom ecuadorianischen Künstler Urku bemalt.
urban art guided tour
4. 8. und 9. 8. 2019

Die geführte Tour lässt Besucher in ein alternatives Wien eintauchen, das in keinem Reiseführer zu finden ist. Neben Street Art Hotspots werden Künstler bei den Live Paintings besucht. Start: Wien Museum 16:00-18:00

Kunst schafft Interaktion

Künstlerische Aktionen geben oft den Anstoß für weitere städtebauliche Beteiligungprojekte und bringen eine Aufwertung für sozial benachteiligte Gebiete. Durch ein Graffiti-Projekt des Kollektivs Germen Crew im mexikanischen Arbeiterviertel von Pachuca etwa wurde die Kriminalitäsrate nachweislich um 35 Prozent gesenkt. Anstatt sich zu bekriegen arbeiteten rivalisierende Banden in dem Gemeinschaftsprojekt zusammen und schufen so das größte zusammenhängende Graffiti-Werk Mexikos.

Über die Kunst ist es möglich, dass Menschen einen neuen Blick auf ihr angestammtes Umfeld werfen und sich aktiv mit dem Stadtraum und seiner Nutzung auseinandersetzen. Diese Interaktion peilt man auch mit dem Festival Calle Libre an. Der spanische Name bedeutet „freie Straße“ und steht für den Raum, der allen gehört.

„Allein schon von der Örtlichkeit her hat Street Art eine andere Bedeutung für die Menschen. Die Idee der öffentlichen Kunst schließt viel mehr Gruppen ein, sie ist viel zugänglicher und freier“, sagt Oedl über die Grundidee. „Auf dem Weg zur Arbeit kommt man an der Kunst vorbei, man muss dafür nicht extra in ein Museum gehen. Das ist das schöne an dem Festival.“

Text: Gertraud Gerst
Fotos: Calle Libre

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