Serenbe: Vom Wirtshaus zur Modell-Gemeinde (Foto: J.Ashley Photography)
#stadtplanung

Vom Wirtshaus zur Modell-Gemeinde

Dorfgemeinde, neu gedacht: Wie ein US-Gastronom seine Vision von Nachhaltigkeit und Lebensqualität realisierte – und sein Modell-Projekt jetzt Schule macht. 

 

Beim Wirt kommen die Leut‘ zusammen. So ist es Tradition in unseren Breiten. Und wohl auch im Rest der Welt. Dass ein Wirt aber gleich zum landesweit geschätzten Pionier nachhaltiger Regionalplanung wird, ist ziemlich neu. Und doch ist es passiert. Denn was das Gastronomen-Paar Marie und Stephan D. Nygren nahe Georgias Hauptstadt Atlanta in den USA ins Leben rief, geriet zum Vorzeigebeispiel für zukunftsfittes Zusammenleben: Das Modell-Projekt „Serenbe“ – eine Gemeinde, in der Naturnähe und Lebensqualität im Zentrum allen Handelns stehen.

Von der Utopie zum Vorzeigemodell

Alles begann im Jahr 1991, als die Nygrens ihren Töchtern die Natur vor den Toren der Großstadt zeigen wollten. Ausflüge ins nahe Chattahoochee Hill Country wurden rasch zur Passion. Erholung pur für Gastro-Unternehmer Stephan Nygren, aus dessen erstem Lokal inzwischen ein Konzern mit 34 Restaurants geworden war. Auch Gattin Marie verliebte sich ins üppige Grün der Region. So sehr, dass die Nygrens kurzerhand ihr Domizil in Atlanta verkauften und sich hier niederließen.

Leben vom und auf dem Land, ohne der Umwelt zu schaden: Serenbe gilt als Vorzeige-Modell einer nachhaltig wirtschaftenden Gemeinde. (Foto: Serenbe)
Leben vom und auf dem Land, ohne der Umwelt zu schaden: Serenbe gilt als Vorzeige-Modell einer nachhaltig wirtschaftenden Gemeinde. (Foto: Serenbe)

 

Der Wunsch, die idyllische Landschaft ringsum zu erhalten, mündete in eine damals noch ziemlich utopisch klingende Idee: Die Vision einer Siedlung, die Naturschutz zum Ziel erhebt, beste Lebensqualität bietet und Gemeinschaft pflegt. Der sozial engagierte Nygren erwarb rund 25 Hektar Land samt Farm, plante und ging ans Werk. Heute bewohnen mehr 700 Menschen die einstige Utopie. Und sie wächst weiter. 

Vier Dörfer, ein Konzept

Noch sind nicht alle der vier Dörfer fertig, die sich auf Serenbes mittlerweile 566 Hektar Fläche ergänzen und zusammenwirken. Jedes dieser „Hamlets“ hat sein eigenes Zentrum mit Geschäften, Restaurants und lokalen Betrieben, trägt aber durch bestimmte Einrichtungen auch zum Gemeinwesen des ganzen Projektes bei. So konzentriert man sich in einem Dorf auf kulturelle Angebote, im anderen auf Wellness und Gesundheit, im nächsten auf Landwirtschaft – und im derzeit noch unfertigen Hamlet auf Bildung, Spiel und Unterhaltung.

Willst du die Welt verändern, beginne in deinem Hinterhof

Leitsatz der Modell-Gemeinde

 

Nygrens Plan, in Serenbe alles zu bieten, was man für gesundes, gutes Leben braucht, sorgt auch für architektonische Vielfalt: Wähnt man sich in einer Zone im ländlichen Großbritannien, könnten die Häuser der nächsten ebenso gut in Schweden stehen.

Farmen, Grün und hübsche Häuser – die meisten davon wurden und werden von Serenbes eigenem Architekturbüro entworfen und gebaut. (Foto: Stevie Seay)
Farmen, Grün und hübsche Häuser – die meisten davon wurden und werden von Serenbes eigenem Architekturbüro entworfen und gebaut. (Foto: Stevie Seay)

 

Welcher Stil wo dominiert, entscheiden die Entwickler des Siedlungsprojektes. Schließlich werden fast alle Gebäude von Serenbes eigenem Architektur- und Bau-Büro errichtet. Interessenten können sich für ein Musterhaus entscheiden, aber auch eigene Wünsche einbringen.

Die Anordnung der Häuser ist – für US-Verhältnisse – äußert europäisch: Mit eigenen Gärten, aber nahe beisammen, reihen sie sich ums jeweilige Zentrum. Ganz so, als wär‘s ein organisch gewachsenes Dorf. 

Nahversorgung mit regionalen Produkten, energie-effiziente Bauweise, Gemeinschaftszentren und Verkehrsplanung, die zum Gehen oder Radfahren einlädt: Serenbe erntet viel Experten-Lob. (Foto: J. Ashley Photography)
Nahversorgung mit regionalen Produkten, energie-effiziente Bauweise, Gemeinschaftszentren und Verkehrsplanung, die zum Gehen oder Radfahren einlädt: Serenbe erntet viel Experten-Lob. (Foto: J. Ashley Photography)

 

Wichtiger Rahmen und Verbindung der vier Zentren sind die geschützten Wälder, Wiesen, Felder und Pfade des Grundstücks. Man achte strikt darauf, 70 Prozent der Fläche unverbaut zu halten, erklärt Stephan Nygren in Interviews.

Experten-Lob für Nachhaltigkeit

Das in den 1990er Jahren gestartete Wagnis darf sich inzwischen vieler Auszeichnungen brüsten. Unter anderem erhielt es den Sustainablility Award des Urban Land Institute und wurde von der Atlanta Regional Commission als „Development of Excellence“ geehrt. Keine Frage, dass Serenbe inzwischen auch in Fachmedien beschrieben wird – als Beispiel vorbildhaft umgesetzter Nachhaltigkeit

Farm-Produkte, in Serenbe immer frisch vom Markt. (J. Ashley Photography).
Farm-Produkte, in Serenbe immer frisch vom Markt. (J. Ashley Photography).

Wege, die zum Flanieren statt Autofahren verleiten (J. Ashley Photography).
Wege, die zum Flanieren statt Autofahren verleiten (J. Ashley Photography).

 

Ein Leitsatz, der die Idee hinterm Konzept „Serenbe“ gut beschreibt, lautet: „Beginne im eigenen Hinterhof, wenn du die Welt verändern willst“. Im Fall der schmucken US-Dorfgemeinschaft ist dies offenbar exzellent gelungen. So fand das Modell-Projekt bereits 2009 Eingang in den Konferenzbericht des „Architectural Research Centers Consortium“, das an der University of Texas in San Antonio tagte.

Innovativ und umweltschonend

Was Experten lobend hervorheben, ist eine lange Liste sinnvoller Errungenschaften, die in Serenbe zum Tragen kommen. Unter anderem sind dies die gute Nahversorgung und der durchdachte Siedlungsplan. Beides spare (anders als die meisten US-Siedlungsgebiete) unzählige Autofahrten. 

Zudem stehen Serenbes Bewohnern zentral gelegene, bequem erreichbare Gesundheits-, Bildungs-, Kultur und Unterhaltungseinrichtungen zur Verfügung. Vielfältig nutzbare Locations fördern Gemeinschaft und Sozialkontakte. Das innovative Abwasseraufbereitungssystem, die integrierte, umweltbewusste Landwirtschaft und energiesparende Bauweise der Siedlung gelten ebenfalls als vorbildlich.

Lokale, Geschäfte und alles, was man braucht: Beste Lebensqualität ist eines der wichtigsten Ziele der Projekt-Entwickler. ( (J. Ashley Photography)
Lokale, Geschäfte und alles, was man braucht: Beste Lebensqualität ist eines der wichtigsten Ziele der Projekt-Entwickler. ( (J. Ashley Photography)

 

Zitate aus dem Konferenzbericht legen nahe, dass die Vision der Gründer wahr geworden ist. „Die Gemeinde Serenbe ist von außerordentlichem Sinn für Gemeinschaft geprägt“, heißt es da etwa. Serenbe solle in Sachen Nachhaltigkeit und Lebensqualität ein Vorbild für andere Gemeinden bieten. Es sei ein „wundervolles Test-Labor“ für zukunftsfitte Bau- und Planungsstrategien.

Eine Innovations-Initiative also, wie es sie etwa auch in der „act4energy“ Labor-Region Südburgenland gibt. Im Gegensatz zum österreichischen Beispiel ist Serenbe jedoch nicht allein auf Energieeffizienz ausgerichtet. Und das Modell-Dorf in den USA wurde erst errichtet, als die act4energy-Gemeinden längst auf ganz traditionelle Art entstanden waren.

Energiespar- und „Bio“-Gemeinde

In der Vorzeige-Gemeinde Serenbe finden sich Nullenergiehäuser, „Silver LEED“ und „Earthcraft“-zertifizierte Häuser. Im jüngsten, „Mado“ genannten Teil, müssen alle neuen Gebäude mit geothermischen Heiz- und Kühlanlagen ausgestattet sein.

Eine Bio-Farm mit mehr als 100.000 Quadratmetern Fläche sorgt für frische Lebensmittel, die jeden Samstag auf Serenbes Bauernmarkt feilgeboten werden. Das von der Gemeinde geförderte Agrikultur-Programm floriert. Entlang der Gehwege der Gemeinde gedeihen Blumen, Obst und Beeren. 

Baustil-Mix: Die Vorzeige-Gemeinde verfügt über viele Hausvarianten. Auf Energie-Effizienz wird großer Wert gelegt. (Foto: Serenbe)
Baustil-Mix: Die Vorzeige-Gemeinde verfügt über viele Hausvarianten. Auf Energie-Effizienz wird großer Wert gelegt. (Foto: Serenbe)

 

„Diese Gemeinde ist vor allem übers Essen zusammengekommen“, resümiert Marie Nygren, die sich als Aktivistin für gesündere, naturbelassene und regionale Lebensmittel einsetzt. Die Gastronomin und passionierte „Dixie-Cuisine“ Köchin hat in Serenbe von Anfang an „Raum für gemütliches, gemeinsames Essen“ geschaffen. Das vor den Olympischen Spielen 1996 eröffnete, erste Bed & Breakfast vor Ort ist bis heute Herzstück des Projekts. In diesem Fall gab’s das Wirtshaus also bereits vor dem Dorf.

Dorf als „Familien-Unternehmen“

Für die Nygrens ist Serenbe längst mehr als ein idyllisches Zuhause. Über mangelnde Nachfrage neuer Mieter oder Käufer könne man sich nicht beschweren, heißt es im Pressebüro. Jobs gebe es vor Ort auch genug. Die Familie des erfolgreichen Entwicklers lebt und arbeitet selbst sowieso auch hier: Tochter Garnie, Absolventin der Cornell University Hotelfachschule, fungiert unter anderem als Serenbes Chief Operations Officer. Wie auch Vater Stephan und Mutter Marie engagiert sie sich in mehreren Umweltorganisationen. 

Hübsche Häuser, bepflanzte Gehwege: Modell-Gemeinde wie aus dem Bilderbuch. (Foto: J. Ashley Photography)
Hübsche Häuser, bepflanzte Gehwege: Modell-Gemeinde wie aus dem Bilderbuch. (Fotos: J. Ashley Photography)

 

Um die Ideen des Vorzeigeprojektes weiter zu verbreiten, veranstalten die Unternehmer regelmäßig Events. Die alljährliche „Nygren Placemaking Conference“ (heuer: 23. Bis 25.September) soll Visionäre und Entwickler bei der Umsetzung ihrer Ideen unterstützen. Und der „Biophilic Leadership Summit“ im April 2020 dient als Plattform für Diskussionen und Präsentationen zu allen Projekten, die Gesundheit, Wellness, Nachhaltigkeit und sicherer Zukunft dienen. 

Events für Visionäre aus aller Welt

Placemaking und Biophilie passen perfekt zu Nygrens Philosophie, die der Vision des nachhaltigen Dorfes von Beginn an zugrunde lag. Natürlich sind Interessenten aus aller Welt bei den Events willkommen.

Und auch abseits der genannten Kongresse wird in Serenbe viel geboten. Unterkünfte, Lokale und Unterhaltung gibt es inzwischen ja genug. Betriebe, die florieren sollen. Denn was einst mit nur einem Gasthaus seinen Anfang nahm, will weiter wachsen. 

Text: Elisabeth Schneyder
Fotos: J. Ashley Photography, Stevie Seay, Serenbe  

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