Die neue Landesgalerie Niederösterreich
#architektur
Der Bilbao-Effekt von Krems

Ein avantgardistischer Monolith schaffte es mitten ins World Heritage der Wachau. Der wirtschaftliche Mehrwert der 35 Millionen Euro teuren Landesgalerie Niederösterreich ist vorprogrammiert. Die Akzeptanz fand man in einem Kunstgriff.

 

„Wer nichts riskiert, kommt nie nach Stein“, ist ein Spruch, den man heute nur mehr selten hört. Er gehört zu einer Zeit, in der Stein, ein Ortsteil von Krems, gängiges Synonym für das zweitgrößte Gefängnis Österreichs war. Seither ist viel passiert im Ort. Mit der Donau-Universität wurde 1994 der Bildungsauftrag angenommen und in die stillgelegte Tabakfabrik nebenan zog der Kunstbetrieb ein.

Als im Jahr 2000 die Altstadt von Krems zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurde, hatte Stein sein Häfen-Image längst abgelegt. Der fast fensterlose Monolith, der auf einem ehemaligen Parkplatz nun in die Höhe ragt, ist das neueste Plug-in der regionalen Kunst- und Kulturlandschaft: die frisch eröffnete Landesgalerie Niederösterreich. 

Ausgangspunkt der Vorarlberger Architekten Marte.Marte war ein Kubus auf einer Grundfläche von 33 mal 33 Metern. Durch Drehen, Dehnen und Stauchen der Achsen schafften sie eine tänzerische Skulptur. So nannte die Juryvorsitzende Elke Delugan-Meissl den Entwurf von Stefan und Bernhard Marte, der schließlich das Rennen um die Ausschreibung machte.

Amphibischer Korpus als neue Landmark

Der Bau neigt sich auf der einen Seite zur Altstadt hin und gibt diese Aussicht in einem dreieckigen Panoramafenster frei. Donauseitig befindet sich eine Aussichtsterrasse am Dach, von der aus man zur modernen Schiffsanlegestelle hinüber sieht. Im Zwischenraum liegen eine Tankstelle, hässliche Gewerbebauten und eine Doppelschaltung Kreisverkehr – ein beliebtes Mantra niederösterreichischer Verkehrsregelung.

Die silbergrauen Zinkschindeln der Metallfassade reflektieren die unterschiedlichen Lichtstimmungen.
Die silbergrauen Zinkschindeln der Metallfassade reflektieren die unterschiedlichen Lichtstimmungen.

Blick auf die Altstadt von Stein
Ein dreieckiges Fenster gibt den Blick auf die Altstadt von Stein frei.

 

Mit seiner Außenhaut aus matten Zinkschindeln reflektiert der Korpus nur dezent und wirkt amphibisch, als wäre sein Standort nicht nur an Land sondern auch im Wasser denkbar. Die schuppengleiche Metallfassade, das dekonstruktivistische Element des Baukörpers und die Wassernähe lassen an Frank Gehrys Guggenheimmuseum in Bilbao denken. Auch wenn die Dimensionen dort freilich andere sind. 

Die Brüder Marte sind keine Architekten, die auffallen wollen, sie sind Minimalisten.

Christian Bauer, künstlerischer Direktor der Landesgalerie Niederösterreich

 

Ein Vergleich, den Christian Bauer, der künstlerische Direktor der Landesgalerie Niederösterreich, nicht gelten lässt. „Krems will nicht Bilbao werden“, dementiert er die Frage, die im Vorfeld der Eröffnung medial gestellt wurde. Schließlich sei man unter ganz anderen Voraussetzungen angetreten: mit der Wachau als Weltkulturerbe und einem bereits gut etablierten Tourismus.

„Die Intention war nicht, hier eine Landmark herzusetzen“, sagt Bauer. „Die Brüder Marte sind keine Architekten, die auffallen wollen, sie sind Minimalisten. Das Spektakuläre ist ein Resultat ihrer authentischen Architektur, und damit gehen wir um. Aber so sind wir nicht gestartet.“

 

Die neue Landesgalerie gleicht einer Haifischflosse
Haifischflosse ist einer der Spitznamen, den die neue Landmark von den Anwohnern bekommen hat.

Für den Museumsdirektor steht eine zeitgemäße Präsentation der Kunst, egal wie alt sie ist, außer Frage. „Ein Museum soll immer ein Zeichen der Gegenwart sein und keine Kopie von Vergangenem. Es soll einem das Gefühl von jetzt, hier und heute geben.“ 

Kartonmodell schafft Akzeptanz

Dem denkmalgeschützten baulichen Erbe der Stadt begegnet das neue Kunstmuseum mit seinen vier Stockwerken jedenfalls auf Augenhöhe. Zu diesem Schluss kam auch das von der UNESCO erstellte Heritage Impact Assessment, das die Vereinbarkeit der neuen Architektur mit dem Weltkulturerbe abgesegnet hatte. Lobende Erwähnung fand in dem Gutachten, dass die Öffentlichkeit bereits im Vorfeld intensiv einbezogen und informiert wurde.

Die geschickte PR-Kampagne, ausgetüftelt von Architekten, Projekt-Team und Donau-Universität Krems, schaffte etwas, wovon andere Städte – wie zum Beispiel Wien – nur träumen können: Die architektonische Avantgarde umschiffte gekonnt den konservatorischen Übereifer einer geschichtsträchtigen Region und landete sanft mitten im Wachauer World Heritage. Diese Landung ging mit einem Selbstverständnis einher, das von einem Großteil der Bevölkerung getragen wurde.

Die Landesgalerie zeigt unter anderem eine Einzelpräsentation der Künstlerin Renate Bertlmann.
Die Landesgalerie zeigt unter anderem eine Einzelpräsentation der Künstlerin Renate Bertlmann, die heuer als erste Frau alleine im österreichischen Pavillon der Biennale di Venezia ausstellt.

Die Landesgalerie ist Teil der Kunstmeile Krems.
Auf einer Länge von einer Meile stehen Besuchern in Krems jetzt ein halbes Dutzend Museen offen.

 

„Noch während der Bautätigkeit wurden künstlerische Projekte unter Einbindung der Öffentlichkeit umgesetzt“, betont die Geschäftsführung in diesem Zusammenhang. Auf das Partizipationsprojekt #MyMuseum ist man dabei besonders stolz. Kartonmodelle der Landesgalerie, genannt „Bernhards“, wurden tausendfach an Schulen gefaltet und sorgten für einen gewissen Maskottchen-Effekt.

Bilbao-effekt
Der Begriff Bilbao-Effekt bezeichnet die gezielte Aufwertung von Orten durch spektakuläre Bauten von Architekten. Der Begriff geht auf die Entwicklung der nordspanischen Stadt Bilbao im Zusammenhang mit dem 1997 fertiggestellten Guggenheim-Museum des US-amerikanischen Architekten Frank O. Gehry zurück.

Bilbao-Effekt zeichnet sich ab

Auch wenn der Bilbao-Vergleich nicht ganz hält, die neue Landesgalerie verzeichnet schon jetzt einen sogenannten Bilbao-Effekt. Am zweitägigen Grand-Opening Ende Mai 2019 stürmten 11.000 Besucher das neue Kunsthaus. „Damit verzeichnet die Kunstmeile Krems einen weiteren Besucherrekord nach dem Pre-Opening im März, an dem mehr als 10.000 Menschen in das neue Museum gepilgert sind“, sagt Maria Schneeweiß von der Presseabteilung der Kunstmeile. 

Der museale Superbau, der 35 Millionen Euro kostete, zieht vor allem neue Besucherschichten an. Die positiven ökonomischen Auswirkungen des Architekturjuwels beschwört auch eine Studie der Donau-Universität Krems. Demzufolge werden durch direkte und indirekte Einflüsse des Museumsbaus mehr als 400 neue Arbeitsplätze und Folgeinvestitionen von ca. 70 Millionen Euro entstehen. 

Die neue Landesgalerie gilt als letztes fehlendes Glied der Kunstmeile Krems. Auf einer Länge von einer Meile (1,6 Kilometer) können Besucher nun ein halbes Dutzend Museen und zahlreiche Veranstaltungsräume besuchen. Damit hat Krems, die heimliche Landeshauptstadt, nach der kulinarischen auch die kulturelle Hoheit für sich gepachtet.

Text: Gertraud Gerst
Foto: Lachlan Blair, Faruk Pinjo, Claudia Rohrauer

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