Das Direktorenzimmer von Walter Gropius Kopie
#100 jahre bauhaus

Das „Direktorenzimmer“ von Walter Gropius

Für die „Große Bauhausausstellung“ 1923 in Weimar entwarf Walter Gropius ein exemplarisches Arbeitszimmer. Die Zeichnung des 5 x 5 x 5 Meter großen, sogenannten  „Direktorenzimmers“ fertigte Herbert Bayer an. Sie wird heute als eines der ersten visuellen Manifeste des Bauhauses und als eine Ikone der Moderne betrachtet.      

Walter Gropius, Gründer und erster Rektor des Bauhauses präsentierte die Ideen und Arbeiten seiner Meister und Schüler stets sehr aufmerksamkeitsstark und für alle Sinne erlebbar. So inszenierte er schon das frühe Bauhaus nach allen Regeln der Kunst „multi-medial“, lange bevor dies zum Begriff wurde. 

Das Bauhaus-Event 1923

Die Große Bauhausausstellung vom 15. August bis zum 30. September 1923 begann mit einer einleitenden Bauhauswoche. Walter Gropius eröffnete sie mit seiner programmatischen Rede zu dem Thema „Kunst und Technik – eine neue Einheit“. Vorträge des Malers Wassily Kandinsky und des Architekten Jacobus Johannes Pieter Oud, einem der Hauptvertreter des Funktionalismus, folgten. Im Deutschen Nationaltheater wurde Oskar Schlemmers „Triadisches Ballett“aufgeführt. Anschließend genoss das Publikum ein Konzert mit sechs Klavierstücken, darunter die Uraufführung der Marienlieder von Paul Hindemith. Mit Lampion-Fest, Feuerwerk, Tanz und den „Reflektorischen Lichtspielen“ von Ludwig Hirschfeld-Mack klang der Eröffnungstag aus. Auch in der Vermittlung ging das Bauhaus innovative Wege und nutze viele Medien sehr gezielt.

Die Kunst-Handwerk-Schule

Grundsätzlich neu war die von Walter Gropius postulierte Verknüpfung von Kunst und Handwerk. „Trans-disziplinäre“ Kollaboration wurde in den Bauhaus-Werkstätten großgeschrieben. Bildhauerei, Tischlerei, Metall, Druckerei, Keramik, Glasmalerei, Bühne, Fotografie, Druck und Reklame, Wandmalerei und Weberei verstanden sich als eng vernetzte Gemeinschaft mit einem eigentlichen Ziel: den guten „Bau“. Wie die gesamte Ausstellung verkörperte auch das Direktorenzimmer diese Auffassung. Es wird bis heute als die erste ganzheitliche Raumkomposition der Moderne weltweit betrachtet. 

Klassentreffen im Direktorenzimmer

Aus einem ursprünglich rechteckigen Raum der Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule in Weimar, dem ersten Sitz des Bauhauses, trennte Walter Gropius einen 5 x 5 x 5 Meter Kubus ab. Innerhalb dieses Würfels schaffte er eine ebenfalls kubische Ruhezone. Dazu verwendete er einen quadratischen Teppich der Bauhaus-Weberin Benita Koch-Otte und ausgeklügelt angeordnete Möbel aus der Bauhaus-Tischlerei. In der Höhe markiert wurde dieser „Raum im Raum“ durch langgezogene Sofittenleuchten. Dieses für die damalige Zeit außergewöhnliche Gestaltungselement sollte später die gesamte Beleuchtung im Bauhaus Dessau kennzeichnen. Einige der Möbel, wie der markante Gropius-Sessel und das Sofa, seinerzeit als Unikate gefertigt, werden bis heute in leicht abgewandelter Form hergestellt.

Avantgarde auch in Print

Begleitend zur Ausstellung erschien der Band „Staatliches Bauhaus in Weimar 1919-1923“. Die 224-seitige Leistungsschau der ersten vier Jahre wurde in einer Auflage von 2600 Exemplaren herausgegeben. 2000 davon in deutscher, 300 in englischer und 300 in russischer Sprache. Der seinerzeit erst 23-jährige Herbert Bayer (*1900 in Haag am Hausruck, Oberösterreich; † 1983 in Montecito, Kalifornien), Fotograf, Grafikdesigner, Typograf, Maler und später selbst Lehrer am Bauhaus Dessau entwarf den Einband des inzwischen im Original hoch begehrten Manifestes.

Eine neue Bildsprache

Das aufmerksamkeitsstarke Plakat der bahnbrechenden Ausstellung und die kolorierte Zeichnung des legendären Direktorenzimmers stammen beide von Herbert Bayer. Sie illustrieren, wie konsequent das Bauhaus auch in Typografie und Bildsprache neue Sichtweisen eröffnet hat. Die exakt konstruierte, axonometrische Darstellung des Raum-Kubus, beispielweise, betont dessen Würfelform. Sie zeigt ihn transparent und als von der Umgebung isoliertes Idealbild. Alle Teile sind gleichzeitig sichtbar, das voll eingerichtete und quasi durchleuchtete „Direktorenzimmer“ wirkt als Gegenstand perfekt ausgeformt und selbsterklärend.

Konstruktion und Restauration

Das Bauhaus als Gestaltungsrichtung hat immer hohe Beachtung – und bis ins 21. Jahrhundert viele Nachahmer – gefunden. Das ursprüngliche Direktorenzimmer hingegen war lange in Vergessenheit geraten. Wiedererwacht ist es, als sich die Bauhaus-Universität, inzwischen in die ehemaligen Räume des Bauhauses in Weimar eingezogen, 1997 zu einer Sanierung des 
Hauptgebäudes entschloss. An historischer Stelle wurde das Direktorenzimmer mit nahezu archäologischer Akribie originalgetreu restauriert und als Show- und Arbeitsraum nutzbar gemacht. Bis heute führt es den Studenten der Bauhaus-Universität und den zahlreichen Besuchern täglich vor Augen, was wahre Modernität ist: zeitlos.

Text: Tobias Sckaer, Bild: Stiftung Bauhaus Dessau (I 14280 G) / © (Gropius, Walter) VG Bild-Kunst, Bonn  / © (Bayer, Herbert) VG Bild-Kunst, Bonn

 

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