Handschrift einer Stadt
#architektur

Die Handschrift einer Weltstadt

Schrift sorgt in der Stadt nicht nur für Ordnung und Orientierung, sondern auch für den besonderen Charakter. Alte Ladenbeschriftungen geben darüber hinaus Einblick in die „gute alte Zeit“ und sind buchstäblich ein besonderes Kulturgut.

Seit diesem Frühling ist die Wiener Melange nicht nur in aller Munde – sondern auch auf allen offiziellen Schriftstücken der Stadt Wien. Im Zuge des neuen Markenauftritts hat Wien nämlich auch eine neue Schrift bekommen. Und diese heißt eben „Wiener Melange“. Sie wiederum trägt die Handschrift der britischen Agentur Dalton Maag, die bei den neuen Buchstaben der Stadtregierung auf geschwungene Formen gesetzt hat und sich von den Konturen des Wiener Stadtwappen inspirieren ließ.

Willkommen in Schilder

Im Stadtbild spielt diese Schrift jedoch genau gar keine Rolle. Dieses wird von ganz anderen Schriftzeichen beherrscht: Von Schildern mit Straßennamen, Hinweisen, Verboten, Werbebotschaften und natürlich den Schriftzügen über Geschäftsportalen. Eine bunte Schriftenwelt tut sich auf, wer seine Augen offen hält!

Allerdings verschwinden viele lokale Läden von der Bildfläche – und mit ihnen auch immer mehr die stadttypischen Typografien. Doch zum Glück gibt es Menschen, die dieses besondere Erbe mit viel Engagement retten.

Alte Schriften
Wunderschöne und kunstvolle Schriftbilder verschwinden oftmals …

Alte Schriften
… mit dem Ende mancher Betriebe aus dem Straßenbild

 

Eifrige Buchstabensammler

Zu diesen gehören Birgit Ecker und Roland Hörmann, die 2012 den Verein Stadtschrift gegründet haben. Mit diesem hat das Duo bisher rund 110 historische Geschäftsnamen gesammelt! Einige davon sind im Schauraum in der Liniengasse ausgestellt, andere zieren für jeden Passanten ersichtlich die Feuermauer Ecke Mollardgasse/Hofmühlgasse. (Ihre zweite „Mauerschau“, die nach vier Jahren im Herbst 2018 wegen der Renovierung und Erweiterung des Sperlgymnasiums abmontiert werden musste, wird im Frühling 2020 am Ludwig-Hirsch-Platz wieder auferstehen.)

Möglich wären allerdings noch viele weitere Freiluftausstellungen, die  Einblick in in eine Ladenszene geben würden, die noch nicht von internationalen Ketten und Systemgastronomie dominiert war.  „Einerseits sind wir mit einem großen Bauträger, der bei seinen Projekten immer auch eine Mauerschau-Ausstellung  im Hinterkopf hat, im Gespräch“, erklärt Hörmann. „Andererseits bekommen wir immer wieder Angebote von Hauseigentümern, ihre Wände zu nutzen und haben noch viele, sehr interessante und traditionsreiche Schriftzüge im Lager, die wir gerne zeigen würden. Wir haben aber nicht die nötigen Mittel, um alle Mauerschauen, die theoretisch möglich wären, zu finanzieren.“ 

Je nach Anzahl und Beschaffenheit der Schriftzüge sowie den örtlichen Gegebenheiten liegen die Kosten pro Standort schließlich zwischen 5.000 und 10.000 Euro.

Wir arbeiten seit Jahren daran, dass alte Stadtbeschriftung als Kulturgut wahrgenommen wird!

Roland Hörmann, Gründer des Vereins „Stadtschrift“

 

Außergewöhnliche Schriftzeiten

Neben Spenden freuen sich die Stadtschreiber auch über andere Unterstützung, vor allem über Informationen zu schönen Schriftzügen, denen durch Neuübernahmen, Renovierung oder Abriss das Aus und der Müllcontainer droht. Handwerklich interessant seien etwa Spenglerarbeiten aus den 1940er und 1950er Jahren und Beschriftungen aus der Neon-Hochblüte zwischen 1940 und 1970. Optisch reizvoll besonders die futuristischen Scriptschriften aus den 1960ern.

Generell sieht Hörmann ein wachsendes Interesse an den Buchstaben mit Geschichte. „Einer der Gründe ist der generelle Vintage-Trend, aber es liegt bestimmt auch daran, dass wir seit Jahren daran arbeiten, dass alte Stadtbeschriftung als Kulturgut wahrgenommen wird.“

Birgit Ecker hat sich gemeinsam mit Roland Hörmann (rechts) dem Erhalt …

… schöner Straßenschriften verschrieben und einen eigenen Verein gegründet.

 

Wiener Besonderheiten

Diese Meinung vertritt auch der Kommunikations- und Designfachmann Toch Koch. Gemeinsam mit den Fotografen Daniel Gerersdorfer und Stephan Doleschal hatte er 2016 das Buch „Ghostletters“ herausgebracht, das sich mit den Spuren, die Schriftzüge selbst noch Jahre nach ihrer Demontage auf den Fassaden der Stadt hinterlassen, beschäftigt. Außerdem veranstaltete er 2017 die Sign Week, ein Event rund um Typografie aus Wien und der ganzen Welt.

Schrifttechnisch ist die  Donaumetropole seiner Meinung nach einzigartig: „Im Vergleich zu anderen Städten, wie Hamburg oder Berlin, gab es weniger Kriegsschäden und daher ist auch mehr alte Substanz erhalten geblieben. Es gibt noch immer ziemlich viele, teilweise noch sehr gut erhaltene alte Ladenfronten. Besonders stechen Verglasungen aus der Jahrhundertwende hervor und die Ornamentik und experimentelle Typographie des Jugendstils, etwa bei den U-Bahnbauten von Otto Wagner.“

Zwei bis drei Mal pro Jahr veranstaltet Koch Stadtspaziergänge zu besonderen Schriftzügen und Ladenfassaden. Fixpunkt dieser Typo-Walks ist immer das Schildermaler Museum in der ehemaligen Werkstatt der Firma Samuel, einst eine Hochburg der kunstvollen Schriftzüge.

Schriften auf der Spur

Wer Wiens Schriftzüge auf eigene Faust erkunden möchte, für den ist vor allem die Innenstadt ein lohnendes Revier. Zwar haben sich hier längst die Flagshipstores der großen Luxusmarken breit gemacht, aus dem international einheitlichen Logobrei stechen aber etliche Traditionsgeschäfte, wie zum Beispiel die Buchhandlung Manz, der Herrenausstatter Knize oder Juwelier Köchert heraus.

Weniger edel aber typografisch nicht minder interessant sind die Geschäfte mit Geschichte, die von den Fotografen Martin Frey und Philipp Graf gesammelt und online präsentiert werden.

Aktuell beschäftigt sich Koch mit der Typografie der Städtischen Bäder sowie der Wiener Gemeindebauten. Letztere hatten 2016 auch Studenten der Abteilung Visuelle Kommunikation der Kunstuniversität Linz im Rahmen eines Projekts untersucht, dokumentiert und digitale Neuauflagen kreiert, die hier zum Download und zur Bearbeitung zur Verfügung stehen.

Einen ausgefallen Weg, um Schriften zu würdigen, hat die Künstlerin Natalie Deewan gefunden. Anlässlich der Wienwoche 2017 schuf sie die Leerstandsanagramme, für die sie die Buchstaben ausgedienter Reklameaufschriften neu angeordnet hat.

Aus Putzerei wird „Pure Zeit“

So wurde aus Bildhauerei Kunststeinwerk „Aber heute bist du links“ und eine Putzerei mutierte zu „Pure Zeit“.  „Die hat eine besondere Geschichte: die Metallbuchstaben stammen von einem Haus in Ottakring, das im Mai 2017 abgerissen wurde. In der Lange Gasse 2 fand ich eine leere Fassade, an der noch Putzerei-Ghostletter zu sehen waren“, erzählt Deewan . Sechs ihrer ursprünglich sieben Anagramme bestehen bis heute. Die Standorte findet man unter diesem Link.

Initiativen zur Erhaltung alter Schriften gibt es aber freilich nicht nur in Wien. Das Designforum Weisraum veranstaltet regelmäßig Typo-Walks durch Innsbruck und betreibt den Blog www.typemuseum.com, dessen Sammlung online bewundert und von Usern um eigene Fundstücke ergänzt werden kann.

Ecke Mollardgasse/Hofmühlgasse ziert diese Mauerschau das Stadtbild. Eine zweite musste abgebaut werden, wird aber 2020 am Ludwig-Hirsch-Platz wieder erstrahlen

 

Den Stempel aufdrücken

Oft wird kritisiert, dass Kommunikation immer stärker über Bilder und Icons passiert. Das mag in vielen Bereichen stimmen, die Schrift hat aber längst nicht ausgedient. Ganz im Gegenteil, meint eben auch Koch: „Sie ist derzeit DAS Gestaltungsmittel im Graphic Design. Viele experimentelle Schriften brechen mit Traditionen, viele Corporate Designs basieren auf geometrischen Formen und Schrift.  Zeitgleich erleben Lettering und alte Druckverfahren eine Renaissance und im Web öffnen variable Fonts eine neue Dimension.“

Und nicht zuletzt kommt auch das Web nicht ohne Schriften aus. Was diese soeben von Ihnen gelesene Geschichte offensichtlich macht. Die richtige Schrift drückt einfach jedem Produkt ihren Stempel auf. Natürlich auch einer ganzen Stadt.

Text: Britta Biron
Fotos: Klaus Pichler, Britta Biron, Tom Kocj

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