Stadtmöbel: Entwurf Love Without Borders von Armor Gutiérrez Rivas, Atelier La Juntana, Foto: London Festival of Architecture, Agnese Sanvito
#stadtplanung

Stadtmöbel: Bänke, auf die London setzt

Urbane Ruhezonen sind wichtig. Und sie müssen gut gestaltet sein. Worauf junge Architekten und Designer dabei derzeit setzen, präsentierte das alljährliche London Festival of Architecture: City Benches – Stadtmöbel, die Lust aufs Ausruhen machen.

 

Der Trubel großer Städte kann erschöpfend sein. Mancher fühlt sich da rasch völlig auf den Hund gekommen. Im Fall des Londoner Design-Teams Delve Architects und DragonSmoke Construction geschah’s jedoch im positiven Sinn: Das gemeinsam kreierte Modell einer öffentlichen Bank für urbane Ruhezonen ist das Abbild eines selig schlummernden Whippets. Dieser Windhund zum Draufsetzen überzeugte die Jury des diesjährigen „City Benches“-Bewerbs. Und schon war der außergewöhnliche Stadtmöbel-Entwurf unter den auserwählten fünf, die beim renommierten London Festival of Architecture (LFA) 2019 präsentiert werden durften.

Kult-Objekte möblieren Metropolen

„Ich freue mich, dass City Benches für ein weiteres Jahr Teil des London Festival of Architecture ist“, betonte LFA-Direktorin Tamsie Thomson. Die Bänke der aufstrebenden Designer seien ein Beweis dafür, dass auch kleine Interventionen das Stadterlebnis stark verändern können. Wie sehr, zeigt nicht nur das große Publikumsinteresse an den während des Festivals in Londons Straßen aufgestellten Objekten der „City Benches“-Finalisten:

Innovative Stadtmöbel sind längst in allen Metropolen gefragt. Zum Beispiel auch in Wien: Die als „Enzis“ bekannten MQ Hofmöbel machten das MuseumsQuartier schnell zum allseits beliebten „Wohnzimmer“ der Bundeshauptstadt. Was 2002 als Kunstprojekt begann, hat heute Kultstatus. Die Enzis dienen als Markenbotschafter für Wien – mit immer neuen, bunten Modellen.

Sitzen auf dem Hund: Stadtmöbel „Whippet Good“ von Delve Architects und DragonSmoke Construction soll zu entspannten Pausen verführen (Foto: LFA, Agnese Sanvito)
Sitzen auf dem Hund: Stadtmöbel „Whippet Good“ von Delve Architects und DragonSmoke Construction soll zu entspannten Pausen verführen (Foto: LFA, Agnese Sanvito)

 

Kein Wunder also, dass sich die Zahl der Bewerber beim Londoner „City Benches“-Bewerb sehen lassen kann: Heuer brachten mehr als 85 Teams ihre Entwürfe ein. Und hinter jedem steht eine Idee, die übers bloße Sitzen hinausgeht. „Good Whippet“ etwa basiert auf Studien, die zeigen, dass es entspannende Wirkung hat, Hunde ins Büro mitzubringen. Das Stadtmöbel soll, so die Beschreibung der Designer, zum Kuscheln und sorgenfreien Genießen des Augenblicks verführen.

Auszeit auf der Schattenzeiger-Bank

Das Modell „Benchtime“ von Anna Janiak Studio indes sieht sich von den originalgroßen historischen Instrumenten der Jantar Mantar Sternwarten inspiriert. Diese fünf Observatorien wurden ab 1724 von Jai Singh II. in Indien errichtet. Das erste davon in New Delhi. Der ungewöhnliche Spielraum, den es den Bewohnern der Metropole bietet, wurde nun zur Konzeptvorlage für das neue Stadtmöbel: Wenn an schattenfreier Stelle gen Norden platziert, agiert „Benchtime“ wie ein Gnomon – ein Schattenzeiger, der den Lauf der Zeit anzeigt.

Vom Jantar Mantar  Observatorium in New Delhi inspiriert: Anna Janiak Studios' Stadtmöbel-Modell „Benchtime“ (Foto: LFA, Agnese Sanvito)
Vom Jantar Mantar Observatorium in New Delhi inspiriert: Anna Janiak Studios‘ Stadtmöbel-Modell „Benchtime“ (Foto: LFA, Agnese Sanvito)

 

Die Künstler Sarah Emily Porter und James Trundle wählten das komplexe Londoner U-Bahnnetz als Grundlage ihres Konzeptes. Ihr Stadtmöbel „Correlated Journeys“ soll die Ausrichtung der zeitlichen und räumlichen Rhythmen der Menschen erleichtern. Seine Farben und Form repräsentieren die sieben Underground-Linien, die unter Londons Straßen verlaufen.

Sitzen wie beim Kinderspiel

Astrain Studio Architects schafften es mit einem verspielten Stadtmöbel-Modell in die Top-Five : Die bunten „City Blocks“ sind Bauklötzen nachempfunden. Sie sollen kindliche Ausgelassenheit wachrufen. Die Elemente können flexibel arrangiert und verbunden werden, um dem Stadtleben unter freiem Himmel eine gemütliche, heimelige Dimension zu verleihen. 

„Correlated Journeys“ von Sarah Emily Porter und James Trundle orientierte sich am Londoner U-Bahnnetz (Foto: LFA, Agnese Sanvito)
„Correlated Journeys“ von Sarah Emily Porter und James Trundle orientierte sich am Londoner U-Bahnnetz (Foto: LFA, Agnese Sanvito)

Verspielt, flexibel, heimelig: Die „City Blocks“ von Astrain Studio Architects sind Kinderspielzeug nachempfunden (Foto: LFA, Agnese Sanvito)
Verspielt und flexibel: Die „City Blocks“ von Astrain Studio Architects sind Spielzeug nachempfunden (Foto: LFA, Agnese Sanvito)

 

Für Armor Gutiérrez Rivas, Atelier La Juntana, haben urbane Ruhezonen gesellschaftspolitische und soziale Bedeutung. Zitat aus der Beschreibung des Modells „Love Without Borders“ (siehe großes Bild oben): Nie zuvor gab es so viele harte Grenzen zwischen den Ländern dieser Erde wie heute. Ganz im Sinn des heurigen LFA-Themas „Boundaries“ – also „Grenzen“ – soll die Installation das Denkbild einer Barriere in ein Fenster für soziale Interaktion zu verwandeln: Das Profil des Stadtmöbels ist zwar von berühmten Mauern aus aller Welt inspiriert. Doch eine herzförmige Öffnung in der Mitte will zu grenzüberschreitenden Begegnungen ermutigen.

Stadtmöbel als Begegnungszonen

Das Festival of Architecture, das London heuer den ganzen Juni über mit spannenden Ausstellungen und Objekten bestückte, hat eine Mission: Die Förderung junger Talente aus dem Bereich Architektur und Design. Mit dem Ziel, Öffentlichkeit für deren Ideen zu schaffen und gewohnte Plätze mit anderen Augen zu betrachten. Im Rahmen von „City Benches“ vor allem jene, die als Ruheoasen im städtischen Trubel dienen sollen.

Die Notwenigkeit liegt auf der Hand: Studien zeigen, dass Einsamkeit zusehends zum Problem wird. Modernes Stadtleben braucht Treffpunkte, die entspannte Kommunikation ermöglichen und fördern. Zonen, in denen sich’s auch ohne Kosten und Konsum ausruhen und Kontakte knüpfen lässt.

Sitzbank, Blickfang & Gesprächsanreiz

Was einst die Bassena, der Hof im Gemeindebau oder die Parkbank waren, hat heute längst viele Gesichter. Wie bunt und verlockend Stadt-Möbel sein können, haben die Sieger der heurigen City Benches Ausschreibung einmal mehr bewiesen. Auch wenn bei manchem Zweifel über Ergonomie und Gemütlichkeit aufkommen mögen: Gesprächsstoff liefern alle garantiert. Und damit zusätzlichen Anreiz, urbane Anonymität durch Plauderei mit anderen Betrachtern und Benutzern zu durchbrechen. 

Text: Elisabeth Schneyder
Fotos: London Festival of Architecture, Agnese Sanvito

 

Jetzt Newsletter Bestellen <>