Radikaler Funktionalismus: Die Tabakfabrik Linz
#100 jahre bauhaus

Radikaler Funktionalismus: Die Tabakfabrik Linz

In dem von 1929 bis 1935 nach Entwürfen von Peter Behrens und Alexander Popp errichteten Gebäude erlebt der Geist des Bauhauses eine eindrucksvolle Renaissance. Die denkmalgeschützten Hallen sind heute eine visionäre Zukunfts-Werkstatt. 

 

Peter Behrens (1868 bis 1940) gilt als Prototyp des Industriedesigners, als Erfinder des Corporate Design und als begnadeter Architekt. Sein Atelier in Babelsberg bei Berlin brachte Größen wie Walter GropiusLudwig Mies van der Rohe und Le Corbusier hervor. Peter Behrens war Wegbereiter des Bauhauses und leitete von 1922 bis 1936 die Architekturabteilung der Wiener Akademie, wo Alexander Popp sein Assistent wurde. Mit ihm plante er die 1935 fertiggestellte Tabakfabrik in Linz.

Funktional wie das Bauhaus

Als erster Stahlskelettbau Österreichs im Stil der Neuen Sachlichkeit entworfen, machen die Fabrikhallen bei der Eröffnung Furore und sie sind bis heute architekturgeschichtlich von internationaler Bedeutung. Das Ensemble in Linz wird als Gesamtkunstwerk des radikalen Funktionalismus betrachtet, sein Hauptgebäude steht bereits seit 1981 unter Denkmalschutz.

Radikaler Funktionalismus: Die Tabakfabrik Linz
Neue Perspektiven auf einem industrie-historischen Areal
Radikaler Funktionalismus: Die Tabakfabrik Linz
Der neue Haupteingang zum Bau 1 der Tabakfabrik Linz

 

Spiegel der Industrie-Geschichte

Die Nutzung und Entwicklung des rund 38.000 Quadratmeter großen Areals zwischen dem Linzer Zentrum, der Donaulände und dem Hafenviertel reicht bis in die Zeit der Ersten Industriellen Revolution zurück. Von 1762 an wurden auf dem Gelände Textilien hergestellt. 1850 entschloss man sich, hier eine Tabakfabrik zur Erzeugung von Rauch- und Kautabaken ins Leben zu rufen. Diese Neuausrichtung entpuppte sich als Glücksgriff; das Unternehmen prosperierte und avancierte rasch zu einem Symbol für wirtschaftlichen Aufschwung durch Wandel. 

Tabakproduktion von 1850 bis 2009 an einem Standort in der Tabakfabrik Linz
Blick auf die pneumatische Hofherr Blattlöse und Mischanlage, 1935

 

Bereits 1859 war die – weitgehend weibliche – Belegschaft auf mehr als 1000 Beschäftigte angewachsen. Seinerzeit hat wohl niemand geahnt, dass die Produktion 150 Jahre lang – mit zunehmender Automatisierung und von 1935 an in einem der innovativsten Industriebauten –  aufrecht bleiben würde. Lediglich die Eigentümer wechselten über die Jahre. 2001 kaufte der britische Gallaher-Konzern das Unternehmen und veräußerte es an Japan Tobacco International. Die Japaner stellten den Betrieb 2009 ein. In der Folge kaufte die Stadt Linz das Gelände und die meisten Gebäude zurück. Der Grundstein für eine neue Ära der Tabakfabrik Linz war gelegt.   

Teleskop in die Welt von Morgen

Das Architekturjuwel nahe der Donau wird seit zehn Jahren – „trans-disziplinär“ im Sinne des frühen Bauhauses – für zahlreiche zukunftsweisende Kultur- und Wirtschafts-Projekte Projekte erschlossen. Dreh- und Angelpunkt dieser Initiative ist die „Tabakfabrik Linz Entwicklungs- und Betriebsgesellschaft mbH“ der oberösterreichischen Landeshauptstadt. In Theorie und Praxis widmet sie sich vier großen, miteinander verwobenen Themen „Kreativität, Soziales, Arbeit und Bildung“.  

Radikaler Funktionalismus: Die Tabakfabrik Linz
70.000 Quadratmeter überdachter „Spielraum“ für Zukunftsideen

 

Die Tabakfabrik Linz schafft räumlich und konzeptionell viel Platz für neue Ideen und deren konkrete Umsetzung. Damit ist sie rasch zum Hotspot der Stadtentwicklung und zum Zentrum der Linzer Kreativwirtschaft geworden.

Die Tabakfabrik ist für Linz ein wesentlicher Taktgeber und Botschafter der Entwicklung zu einer Digitalstadt.

Christ Müller, Direktor für Entwicklung, Gestaltung und künstlerische Agenden

 

Anfang 2019 arbeiten hier rund 1.600 Menschen in Unternehmen und Start-ups für Design, Werbung, Marketing, Software, Darstellende Künste, Film und Fotografie, Architektur sowie Soziales. Im Vollausbau werden rund 3.000 helle Köpfe den Standort beleben. 

Beispielhaft für die anhaltende Aufbruchsstimmung in der Tabakfabrik Linz ist die im März 2019 eröffnete Innovationswerkstatt GRAND GARAGE.
Viele große Erfolgsgeschichten beginnen in einer Garage

 

Bahnbrechendes aus der Garage

Beispielhaft für die anhaltende Aufbruchsstimmung in der Tabakfabrik Linz ist die im März 2019 eröffnete Innovationswerkstatt Grand Garage. In dem zweigeschossigen, rund 4.000 Quadratmeter großen Maschinenpark werden innovative Produktideen bis zur Marktreife entwickelt.

Wir brauchen junge Menschen, die Verständnis haben für die neuen Technologien und damit für den Werkstoff der Zukunft. All das wird in der Grand Garage gefördert.

Bürgermeister Klaus Luger, Aufsichtsratsvorsitzender der Tabakfabrik Linz.

 

Für den Arbeitsschwerpunkt Robotik und Metall, beispielsweise, bringt das „Labor Kreative Robotik“ der Kunstuniversität Linz im Erdgeschoss seine Forschung und auch modernste Hardware mit ein: CNC-Fräse, Bohr- und Drehmaschinen, Schweißkabinen, sowie Geräte zur Blechbearbeitung und Oberflächenbeschichtung. Auch das hochmoderne Fablab, einen Stock höher gelegen, eröffnet mit 3D-Druckern, Lasercuttern, Lötstationen und einem Bereich für Virtual und Augmented Reality neue Arbeitswelten. In der dynamischen Grand Garage hat die Zukunft also schon begonnen.

 Für den Arbeitsschwerpunkt Robotik und Metall, beispielsweise, bringt das „Labor Kreative Robotik“ der Kunstuniversität Linz im Erdgeschoss seine Forschung und auch modernste Hardware mit ein:
„Kreative Robotik“ kann man hier live erleben

 

Das Update: Bauhaus 4.0

Innovation und Tradition, High-Tech und Handwerk verbinden sich in der Tabakfabrik Linz im wahrsten Wortsinn zu fachübergreifenden und zukunftsorientierten Lösungen. Damit hat der Bauhütten-Gedanke des Bauhauses, die konsequent geforderte und geförderte trans-disziplinäre Kollaboration unter einem Dach, auch im Linz der 21. Jahrhunderts wieder eine hoch aktuelle Form gefunden. Und das an einer historischen Stätte! 

Text: Tobias Sckaer
Bilder: Florian Voggeneder, Tabakfabrik Linz, Archipicture, Gerhard Gruber, Sonaar

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