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Der teuerste Schuppen der Welt

Der Big Apple hat eine neue Attraktion: Das jüngst eröffnete, fast eine halbe Milliarde Dollar teure Kulturzentrum, das übersetzt „Der Schuppen“ heißt, bietet spektakuläre Möglichkeiten – für Künstler und Besucher.

In New Yorks Viertel Hudson Yards entstehen seit Jahren immer neue, hoch in den Himmel ragende Gebäude. Verglaste Fronten, viel glänzender Stahl und gigantische Türme prägen hier, nahe am Hudson River, inzwischen längst das Bild. Von den Stadtplanern als neuer, schicker Hotspot präsentiert und mit viel Geld aus dem Boden gestampft, kann das Viertel die New Yorker Bevölkerung bislang jedoch nicht begeistern. Statt mit Lob und Interesse bedacht, wird es gemeinhin vorwiegend hämisch als „Spielplatz der Reichen“ abgetan und geradezu gehasst – bittere Scherze inklusive. Das aufwändige, innovative Projekt des Kulturzentrums The Shed soll dies nun ändern.

Wandlungsfähig wie die Kunst selbst

Auch diesmal ist viel Geld im Spiel: Die Errichtung des Kulturzentrums, das Anfang April eröffnet wurde, verschlang mehr als 400 Millionen US-Dollar. Von der leitenden Architektin Liz Diller mit den Worten „nur Muskeln, kein Fett“ beschrieben, ist das Bauwerk auf größtmögliche Wandlungsfähigkeit ausgerichtet. Seine an die 40 Meter hohe, 3.500 Tonnen schwere Hülle lässt sich binnen weniger Minuten ausfahren wie ein Wetterschutz. Bei voller Entfaltung ergibt sich so ein 1.600 Quadratmeter großer Raum mit steuerbaren Licht-, Ton- und Temperaturverhältnissen. 

Blick in The McCourt vom Griffin Theater auf Level 6 aus (Foto: Timothy Schenck für The Shed)

Visual Arts und Musik in der Galerie: „Reich Richter Pärt“-Premiere (Foto: Iwan Baan für The Shed)

Im Inneren von The Shed kann der Zuschauerraum flexibel über mehrere Stockwerke erweitert werden. Die acht Etagen beherbergen zwei säulenlose Galerien mit sechs Meter hoher Decke, modernst ausgestattete Proberäume, ein Kreativ-Labor, Event-Locations, einen Kunst-Shop und ein Theater mit 500 Plätzen. Aufwändige Bühnentechnik und Hi-Tech-Ausstattung sollen, wie Vorstandschef Dan Doctoroff betont, „nahezu alles ermöglichen, was Künstler sich vorstellen können“. 

Spektakuläre Gebäudehülle

Besonders beeindruckend ist allerdings die durch silbrige, den Kern umhüllende Membrane geprägte Außenansicht des Shed. Für die Planung des futuristischen Projekts verantwortlich waren die Rockwell Group und das Architekturbüro Diller Scofidio & Renfro, das zuvor bereits die Verwandlung der Hochbahntrasse im Viertel Hudson Yards in eine Grünzone gestaltet hatte.

Von dieser High Line aus können Passanten nun die neue vergleichsweise kleine Attraktion betrachten. Denn umgeben von den glänzenden Wolkenkratzern, die diesen teuren Winkel der Stadt dominieren, wirkt The Shed mit seinen acht Stockwerken tatsächlich fast wie ein kleiner Schuppen – dies allerdings nur, wenn man ausschließlich seine Höhe als Kriterium heranzieht. Denn sein optisches Erscheinungsbild ist in der Tat spektakulär.

Ich sehe das Gebäude als eine ‚Architektur der Infrastruktur‘: Nur Muskeln, kein Fett.

Liz Diller, leitende Architektin

 

The Shed soll Darbietungen aller Sparten offenstehen, erklärt Alex Poots, der als CEO und künstlerischer Leiter des neuen Kulturzentrums fungiert. Er sieht das Haus als Treffpunkt für alle Künstler und Besucher – von Pop und Klassik, darstellender und bildender Kunst, bis zu Visual Arts. Ein Angebot „an alle New Yorker“ soll es sein. Tickets, die einen Tag lang Zutritt zu allen Programmpunkten erlauben, sind dementsprechend schon für günstige zehn US-Dollar zu haben.

Was geboten wird, kann sich von Beginn an sehen lassen, geben sich doch unter anderem Stars wie Komponist Steve Reich, Multi-Talent Björk, Streetdance-Pionier Reggie „Regg Roc“ Gray, Maler Oscar Murillo sowie der rappende „Sorry to Bother You“-Regisseur und Links-Aktivist Boots Riley hier die Ehre.

The Shed im Abendlicht, von der 30th Street aus gesehen (Foto: Iwan Baan für The Shed)

Auch ein Open Call, der von Ende Mai bis 25. August 52 in New York ansässigen, aufstrebenden Künstlern die Möglichkeit zur Präsentation ihrer Arbeit bietet, könnte das Interesse der Bewohner des Big Apple schüren. Ob das neue Kulturzentrum allerdings schafft, was all den gigantischen Investitionen in Hudson Yards bisher verwehrt blieb, bleibt abzuwarten. Denn noch ernten Projekt und Stadtviertel – neben spärlichem Lob – nach wie vor in erster Linie Kritik. 

So titelte die „New York Times“ einen Artikel über The Shed mit „Ein Spielplatz für das eine Prozent, ein Kunst-Zentrum für den Rest von uns“. Autorin Ginia Bellafante sieht eher zahlungskräftige Touristen als Besucher des ungeliebten Viertels und bezeichnet The Shed als „das sehr großzügige Geburtstagsgeschenk, das du von dem reichen Mann bekommst, der dir deine Frau gestohlen hat“.

Lob, Kritik und Zukunftshoffnung

 Allerdings: Bellafante verweist auch auf den gemäßigten Preis der Tagestickets, das günstige Restaurant Cedric’s in der Lobby, sozialkritische Performances in der Programmliste und die Buchhandlung im Haus, die unter anderem eine Kolumnensammlung aus der „Village Voice“ der 1980er Jahre bietet. Thema dieser Chronik: Das Ende der New Yorker Avantgarde-Szene und der Triumph von Vulgarität, Konsum und schlechtem Geschmack.

Derlei im millionenteuren neuen Architekturwunder zu finden, dürfte viele New Yorker überraschen. Ob es sie für The Shed begeistern kann, wird sich weisen. Noch sind die Meinungen geteilt, wie ein Artikel der „Washington Post“ verdeutlicht. Denn dort hieß es: „The Shed ist der einzige Grund nach Hudson Yards zu gehen – in New York’s meist gehasstes neues Viertel“. 

Text: Elisabeth Schneyder
Fotos: The Shed

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