Seine futuristischen Bauten sind perfekte Blade-Runner-Kulissen. Doch Japans größter Avantgardist wurde auch für seine Leerräume ausgezeichnet. Pritzker-Preisträger Arata Isozaki im Porträt.

 

Als Kind der Nachkriegszeit war sein erster Eindruck von Architektur das komplette Fehlen von Architektur, sagt Arata Isozaki. „Auf der gegenüberliegenden Küste fiel die Atombombe auf Hiroshima, inmitten dieses Ground Zeros bin ich aufgewachsen“, erinnert sich der heute 88-Jährige. „Die Stadt war eine einzige Ruine. Es gab keine Architektur, keine Gebäude, ich war nur umgeben von Barracken und Bunkern. Da machte ich mir meine ersten Gedanken darüber, wie die Menschen ihre Häuser und Städte wieder aufbauen können.“

Viel wichtiger als Raum und Zeit in der Architektur sind der Zwischenraum und die Zwischenzeit, also die Dinge zwischen den Elementen.

Arata Isozaki

 

 

Porträt von Arata Isozaki
Seit bald einem halben Jahrhundert prägt Arata Isozaki die Architektur zwischen Ost und West.

Das erklärt, warum seine Faszination von jeher dem Zwischenraum galt. „Viel wichtiger als Raum und Zeit in der Architektur sind der Zwischenraum und die Zwischenzeit, also die Dinge zwischen den Elementen“, erklärt der Architekt und Visionär. Seine bei vielen Projekten spürbare Begeisterung für die Leere wurde auch von der Pritzker-Jury gewürdigt, die ihm 2019 den renommierten Architekturpreis verlieh. 

Ma, die kreative Leere

In der japanischen Kultur entspricht dieser Zwischenraum dem komplexen Konzept Ma. Es einfach mit Zwischenraum, Leere oder Pause zu übersetzen, wäre viel zu simpel. Vielmehr beschreibt es die Wahrnehmung eines Raumes, nicht als messbare dreidimensionale Größe, sondern als gleichzeitige Möglichkeit von Form und Nicht-Form. In der Architektur könnte man es als kreatives Spannungsfeld zwischen bestehenden Strukturen umschreiben.

Isozaki hat es stets abgelehnt, sich auf einen bestimmten architektonischen Stil festzulegen. Jeder seiner Entwürfe steht für sich. Schließlich sei bei jedem seiner Projekte der Kontext – und damit auch Ma – ein anderer gewesen. Ein Ansatz, den auch die Postmoderne Architektur vertritt. An die Stelle von Form follows function der Modernisten trat ab den 1960er-Jahren der Leitsatz Form follows fiction. Architektur soll Vorhandenes narrativ ergänzen und keinem Einheitsstil folgen. 

Museum of Contemporary Art Los Angeles
Das Museum of Contemporary Art in Los Angeles zählt zu Arata Isozakis bekanntesten Bauten außerhalb Japans.

Doch Isozaki lässt seine Arbeit nicht gern schubladisieren. „Ich habe lieber Ideen als einen Stil“, rechtfertigt er gern sein heterogenes Gesamtwerk. Dass seine Ideen stets bahnbrechend und visionär waren, zeigt allein die Bedeutung, die seine nicht umgesetzten Entwürfe haben. 2001 erschien die Publikation Arata Isozaki UNBUILT, eine Ausstellung unter dem gleichnamigen Titel zeigte neben verschiedenen Museen auch die Central Academy of Fine Arts in Peking.

Der futuristische Masterplan

Bereits einer seiner ersten Entwürfe aus dem Jahr 1962 gilt als visionäres Meisterwerk. City in the Air zeigt eine Möglichkeit der urbanen Entwicklung von Tokios Shinjuku-Viertel. Die baumartig in die Höhe wachsende Stadt über der Stadt ist als lebendiger, wachsender Organismus gedacht. Wabenartige Wohneinheiten können je nach Bedarf erweitert oder entfernt werden. Das städtische Platzproblem wäre mit Isozakis utopischem Entwurf gelöst.

 

City in the Air deckt sich weitgehend mit den Ideen der Metabolisten, einer avantgardistischen Strömung im Japan der 1960er-Jahre. Ihre visionären Stadtentwürfe orientierten sich am biologischen Wachstum der Natur und setzten voraus, dass die Stadt und ihre Strukturen lebende Organismen seien, die einer ständigen Transformation unterworfen sind.

Zukunftsvision Ruine

Doch anders als die Metabolisten wollte sich Isozaki nicht dem Fortschrittsoptimismus inmitten der japanischen Hochkonjunktur anschließen. Stattdessen postulierte der Theoretiker und Uni-Professor eine Architektur, die Konstruktion und Destruktion als gleichwertige Abschnitte einer städtischen Entwicklung sah. Die Ruine als Zukunft jeder Stadt.

Ansicht des Tsukuba Center Buildings als Ruine
Ansicht des Tsukuba Center Buildings als Ruine

Anfang der 1980er-Jahre entwarf er nördlich von Tokio das Tsukuba Center Building. Unter den farbigen Perspektiven, die er dafür vorlegte, befand sich auch eine Ansicht des Gebäudes als zukünftige Ruine.

 

Künftige Städte sind Ruinen. Unsere heutigen Städte existieren nur für einen flüchtigen Moment.

Arata Isozaki

 

In seinem Ausstellungsprojekt Incubation Process schrieb er dazu: „Künftige Städte sind Ruinen. Unsere heutigen Städte existieren nur für einen flüchtigen Moment. Entweicht ihre Energie, werden sie zu inaktivem Material. All unsere Entwürfe werden begraben sein. Und der Inkubations-Mechanismus beginnt wieder von vorne. Das wird unsere Zukunft sein.“

Vom Brutalismus bis zur Postmoderne


Die Bibliothek von Ōita war eine seiner ersten Arbeiten in Japan und ist laut Pritzker-Jury „ein Meisterwerk des japanischen Brutalismus“. Mit dem Gunma Museum of Modern Art folgte sein erster Museumsauftrag. „Die klare Geometrie des Würfels zeigt seine Faszination mit Leere, Raster und deren Gleichgewicht zueinander, das für die Ausstellung von wechselnden Kunstwerken wichtig ist“, heißt es im Pritzker-Juryprotokoll.

Museum of Modern Art, Gunma
Der Würfel ist das Haupt-Stilelement des Museum of Modern Art im japanischen Gunma.

 

Zu seinen bekanntesten Bauten außerhalb Japans zählen das Museum of Contemporary Art in Los Angeles (MOCA) von 1986 und das Team Disney Building in Orlando von 1990. Die verspielten Arrangements aus geometrischen Formen können formell auch dem Postmodernismus zugeschrieben werden. Im Fall des MOCA in L.A. lieferte Isozaki folgende Beschreibung mit: „ein kleines Dorf im Tal der Wolkenkratzer“. Das erreichte der Architekt, indem er drei der sieben Stockwerke unter die Erde verlegte.

 

Bibliothek in Ōita
Laut Pritzker-Jury ein „Meisterwerk des Brutalismus“: die von Isozaki entworfene Bibliothek von Oita

Rückkehr zum Organischen

Hatte Isozaki seine Arbeiten bislang mit den Begriffen „System“, „Metapher“ und „Narrativität“ charakterisiert, so begann um die Jahrtausendwende ein neuer Abschnitt in seinem Schaffen. Er selbst bezeichnet ihn mit dem Ausdruck „Form“ und einer Entwurfshaltung der „wellenförmigen Morphose“. Die neue organische Prägung seiner Architektur zeigt sich besonders gut bei der Nara Centennial Hall, die nach dem Pantadome-Prinzip errichtet wurde. 

Nara Centennial Hall
Die Nara Centennial Hall steht für die neue organische Ära in Isozakis Schaffen.

Bei seinem jüngsten Großprojekt maß sich Arata Isozaki mit den Stararchitekten Zaha Hadid und Daniel Liebeskind. Für das Mailänder Stadtentwicklungsprojekt City Life entwarf er einen Wolkenkratzer, der seine Umgebung in Wellen spiegelt und sich durch seine unaufgeregte, stoische Präsenz von seinen wesentlich lauteren Nachbartürmen abhebt. 

Text: Gertraud Gerst
Fotos: Hisao Suzuki, Yasuhiro Ishimoto, Arata Isozaki and Associates, Pritzker Architecture Price

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