Alte Klavierfabrik
#architektur

Wiens geheime Architektur

Ein Jugendstil-Industriebau, ein Juwel des Brutalismus oder eine urbane Schnecken-Manufaktur. Das Architektur-Event Open House Wien führt am 14. und 15. September wieder kostenlos zu den geheimen Architekturhighlights der Donau-Metropole.

 

Der dichte Besucherstrom, der sich täglich durch die Wiener Innenstadt wälzt, bereitet den Bewohnern oft einen olympischen Hindernislauf. Auf den touristischen Trampelpfaden werden alle Sehenswürdigkeiten abgegrast und für das private Social-Media-Album zur reinen Selfie-Kulisse degradiert. Heimische Städter leiden zunehmend unter dem Overtourism. Eine Architektur-Initiative sorgt seit einigen Jahren dafür, dass die Wiener ihre urbane Umgebung neu entdecken können. Besucher sein in der eigenen Stadt, und das abseits der ausgetretenen Touristenpfade. Bei Open House Wien 2019 gibt es Kurzführungen durch 69 architektonisch wertvolle Gebäude, die sonst nicht zugänglich sind. 

„Das ist das Ziel von Open House Wien: die Erweiterung des individuellen Blickwinkels sowie die niederschwellige Vermittlung von Wissen über die eigene Stadt, das wir anhand von architektonisch spannenden Gebäuden erzählen“, erklärt Ulla Unzeitig, Architektin und Mit-Organisatorin des Events.

Kapelle Rossauer Kaserne
Mit im Programm: Die Kapelle in der Rossauer Kaserne von 1876 wurde im letzten Jahr umfassend renoviert. Genutzt wird sie von der Wiener Polizei-Seelsorge. 

 

Die Stadt ist einem ständigen Wandel unterworfen. Wohnformen, Arbeitsumfeld, soziale Gefüge und Klima sind Parameter, die sich im städtischen Gefüge ändern und neue innovative Konzepte des Zusammenlebens erfordern. In Wien gibt es einen speziellen urbanen Mix, der für eine neue Produktionsvielfalt, historische und zeitgenössische Wohnbau-Innovation sowie zahlreiche Begrünungsprojekte steht. Dementsprechend wurden heuer die Schwerpunkte gesetzt.

Die produktive Stadt als Zukunftsmodell

Ein gelungenes Zusammenspiel von Wohnen, Arbeiten und Produzieren zählt heute zu den wichtigsten Aufgaben von Stadtplanern und Architekten. Gelingt dies nicht, kommt es zu einer Verdrängung von Industrie und Produktion in den Speckgürtel der Stadt. Erhöhtes Verkehrsaufkommen, stärkere Umweltbelastung und soziale Unausgewogenheit sind die Folge. 

Es geht darum, das Gewerbe in der Stadt neu zu positionieren und den Wandel von der postindustriellen zur produktiven Stadt einzuleiten.

Iris Kaltenegger, Gründerin Open House Wien

 

„Gerade in Wien wird derzeit aber viel unternommen, um das Zusammenspiel aus Wohnen und Produzieren wieder zu beleben. Es geht darum, das Gewerbe in der Stadt neu zu positionieren und den Wandel von der postindustriellen zur produktiven Stadt einzuleiten“, sagt Iris Kaltenegger, Gründerin von Open House Wien. 

Ein eigener Trail zum Thema Urbane Produktion führt die Besucher daher zu lokalen Lebensmittelproduzenten wie der Pilzzucht Hut und Stiel, der Schnecken-Manufaktur Gugumuck und dem Haschahof.

Fabrik 1230, alte Sargfabrik
Noch liegt das Fabriksgelände im Jugendstil-Bau in Wien Liesing brach, doch schon bald soll hier ein neues „Grätzlzentrum“ entstehen.

Industrie-Bauten aus der Gründerzeit

Die alte Klavierfabrik Atzgersdorf in Wien Liesing ist ein Baujuwel aus der Gründerzeit. In dem historischen Backsteinbau wurden einst tausende Pianinos und Stutzflügel mit der berühmten „Wiener Mechanik“ gebaut. Heute sind in den Gebäuden Büros, Coworking-Spaces und Produktionsstätten untergebracht, wie die Bierbrauerei 100 Blumen.
Nicht weit davon entfernt liegt die ehemalige Sargfabrik, ein denkmalgeschützter Jugendstil-Industriebau, der demnächst saniert und als neues Grätzlzentrum genutzt werden soll. 

 

Wohnen im Wandel der Zeit

Zum Jubiläum 100 Jahre Rotes Wien wird auch eine Ehrenrunde um den Superblock gedreht. Die international einzigartigen Modelle des Wiener Wohnbaus werden beim Gemeindebau-Trail angesteuert, der neben den Klassikern wie Reumann-Hof und Karl-Seitz-Hof auch das Schöpfwerk und die Wohnsiedlung Schmelz zeigt. 

Das perfekte Vorbild für eine resiliente Stadt sind die weltweit einzigartigen Wiener Gemeindebauten.

Iris Kaltenegger

Reumannhof am Margaretengürtel
Der Reumannhof ist mit seiner 180 Meter langen Fassade am Margaretengürtel  das Herzstück der „Ringstraße des Proletariats“.

Gründerzeithaus in Wien Meidling
Das 1870 errichtete Gründerzeithaus in Wien Meidling wurde sanft saniert und durch ein Gartenprojekt aufgewertet.

open house wien
Das Architektur-Event findet am 14. und 15. September 2019 in Wien und Niederösterreich statt. Insgesamt stehen an diesen Tagen 69 Gebäude, die sonst öffentlich nicht zugänglich sind, für Interessierte kostenlos offen. An die 250 Volunteers bieten Führungen an, einige der Gebäude sind allerdings nur an einem der beiden Tage geöffnet. Das detaillierte Programm und ein eigener Stadtplan zum Downloaden findet sich auf der Homepage.

Dass die historischen Gemeindebauten auch heute noch Relevanz haben, betont Kaltenegger: „Das perfekte Vorbild für eine resiliente Stadt sind die weltweit einzigartigen Wiener Gemeindebauten. Hier wird nämlich schon immer eine Mischung aus Wohnen und Arbeiten gelebt, zum Beispiel in Form von kleinen Geschäften und Betrieben, die sich in den Erdgeschossen befinden.“

Auch neue Formen des gemeinschaftlichen Wohnens können bei Open House Wien besichtigt werden, etwa das Wohnprojekt Gleis 21 im neuen Stadtteil Sonnwendviertel und das Wohnchamäleon am Dach in der Pilgramgasse. Hier führen Nutzer und Architekten durch Privatwohnungen und Anlagen.

Von barock bis brutalistisch

Unter den sakralen Bauten befindet sich diesmal ein Prachtbau des Brutalismus: die Wortruba-Kirche am Gipfel des Georgenberges. Das Zusammenspiel von Licht und Schatten im Inneren des kubistischen Baus wird von einem einzigartigen akustischen Erlebnis begleitet. Bei der Führung erfährt man neben architektonischen Details auch Anekdoten zur Entstehung des skulpturalen Gebäudes.

Wer es lieber barock mag, der kann das Dominikanerkloster in den Innenstadt besichtigen. Neben dem barocken Thomas-Saal sind auch Fresken aus dem 13. Jahrhundert zu sehen. 

Dominikanerkloster
Touristenfreie Zone im 1. Bezirk: Das Dominikanerkloster kann am Samstag von 10 bis 17 Uhr besichtigt werden.

 

Text: Gertraud Gerst
Fotos: Nikos Kouklaskis, Dieter Henkel, Open House Wien

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